Wegen zuviel Flexibilität nicht mehr „Schneiden“ können

Um ökonomischen Erfordernissen gerecht zu werden, ist es für in Kreativbranchen tätige Personen oft notwendig, verschiedenen Beschäftigungen nachzugehen. Wenn Situationen entstehen, in denen sich Projekte überschneiden, werden hohe Ansprüche an die persönliche Flexibilität und Belastbarkeit gestellt. Die vergebenen Aufträge oder Anstellungen erfolgen meist diskontinuierlich und können mitunter prekäre Arbeitsverhältnisse darstellen. Anhand der Interviewpassage mit einem in der Filmbranche tätigen Cutter, Regisseur und Sounddesigner lässt sich das komplexe Zusammenspiel von mehreren selbst- bzw. unselbständigen Arbeitsweisen in einer typischen Kreativbranche darstellen. Der Interviewpartner beschreibt seine Probleme bei der Akquisition von Aufträgen und betont, wie schwierig es ist, ständig einsatzbereit sein zu müssen.

In Ihrer jetzigen Tätigkeit, kann man da irgendwie sagen, wie viel Prozent Sie als Cutter arbeiten?

„Das wechselt sehr stark. Im letzten Jahr war ich acht Monate mit meinem Dokumentarfilm beschäftigt, dann zwei Monate mit dem Sounddesign von einem anderen Dokumentarfilm, wo ich engagiert war und dann noch den Sound von einem anderen Film, einem Kurzfilm. Jetzt arbeite ich wieder, schneide an einem Film. Und dazwischen arbeite ich an der Recherche für meinen Dokumentarfilm und ab April nächsten Jahres bis Herbst habe ich schon Engagements als Cutter, das ist aber noch nicht sicher, weil die Filme noch nicht fertig finanziert sind. Also wenn es blöd hergeht, dann ist es so, dass beide gleichzeitig relevant werden.“ 

Wenn sich die Sachen überlagern?

„Das ist natürlich auch immer so ein bisschen ein Problem im Zeitmanagement, dass die Anfragen, die man bekommt, oft viel zu spät kommen. Dann sage ich mal ‚ja‘, und dann kommt wer anderer und sagt: ‚Hast du Zeit? Ich würde dich gerne als Cutter haben, aber es ist noch nicht sicher wann‘. Dann sage ich da auch ‚ja‘. Oft dauert es Jahre, bis diese Filme realisiert werden. Da ist jetzt zum Beispiel ein Kinospielfilm, also der rennt schon mit dem Drehbuch seit drei Jahren herum und die Finanzierung ist noch nicht ganz fertig. Ich bin aber eigentlich schon engagiert und möchte den Film auch unbedingt machen, es kann aber sein, dass das zeitgleich anfällt. Jetzt muss ich das aber taktisch wieder irgendwie so lösen, man hält sich dann auch bedeckt und hofft dann insgeheim darauf, was eh sehr oft passiert, dass es dann einmal verschoben wird und dann geht es sich auch wieder aus. Aber es kann natürlich auch einmal blöd hergehen, dass dann alle Filme gleichzeitig relevant werden, dass auf einmal alle sagen: ‚So, jetzt fangen wir an zum Schneiden‘. Und dann sage ich, ‚ich bin jetzt aber bei dem Anderen‘. Also das ist immer so ein bisschen ein Hasardspiel natürlich. Und es gibt da keine Kontinuität im Sinn von Anstellung in einer Institution oder so.“

Kontinuität gab es nie?

„Also man wird als Cutter schon angestellt, da ist der Produzent kollektivvertraglich dazu verpflichtet, aber man ist halt für das Projekt angestellt. Das kann drei Monate sein, das kann sechs Monate sein – das ist aber eigentlich eher unüblich. Es gibt dann so Mischformen, dass man drei Monate angestellt ist und dann die restliche Zeit freiberuflich arbeitet. Das ist immer mehr so ein Trend, weil sich die Arbeitgeber dadurch Geld ersparen. Dass man halt den Rest auf Werkvertragsbasis arbeitet und das aber dann irgendwie anders nennt. Also da gibt es die verschiedensten Tricks, dass man sich sozusagen die klassische Anstellung einspart.“

Was würden Sie so insgesamt sagen, was an Ihren vielen Tätigkeiten läuft eigentlich gut und was läuft schlecht?

„Was ich schlecht finde, ist, dass einem prinzipiell so viel Flexibilität abverlangt wird, weil es dann halt heißt: ‚Das gehört zum Job dazu‘, und das glaube ich halt nicht so recht. Also ich glaube schon, man kann gewisse Sachen besser planen und mit der Zeit sorgfältiger umgehen. Mir ist das ein bisschen zu viel so auf leger machen. Und es wird auch zu viel Einsatzbereitschaft gefordert. Aber das ist jetzt natürlich ein genereller Zug der Zeit, glaube ich, dass diese Grenzen immer mehr verschwimmen zwischen der Zeit, wo man arbeitet und der Zeit, wo man nicht arbeitet. Das hängt auch mit der ganzen Kommunikation noch zusammen.“

Wo gibt es da Schwierigkeiten, bei der mangelnden Planbarkeit?

„Was mich stört, ist, dass man oft zu spät gefragt wird für einen Job. Dass manche Leute immer noch nicht gecheckt haben und sagen: ‚Ich habe jetzt gerade einen Film gedreht und ich hätte dich gerne als Cutter. Können wir in zwei Wochen anfangen?‘ Da denke ich mir dann: ‚Nein, können wir nicht. Da musst du dich ein halbes Jahr vorher melden. Nicht weil ich so super bin, aber rein systematisch geht es bei mir nicht anders. Bitte mindestens ein halbes Jahr vorher. Ich habe lange Vorlaufzeiten‘. Das liegt immer in der Natur meines Berufs, nicht so sehr, weil ich so eine Diva bin, sondern einfach, wenn ich vor einem Film sitze, dann sitze ich Monate daran. Das ist nicht so wie bei einem Kameramann zum Beispiel, der für meinen Film engagiert wird und an dem vier bis sechs Wochen arbeitet und dann ist er schon wieder weg und macht das nächste, oder auch nicht. Sondern wenn ich sozusagen gebucht bin, dann bin ich für einen relativen langen Zeitraum gebucht.“

Also wenn Sie jetzt sagen, man verlangt Ihnen so viel Flexibilität ab, auf der anderen Seite, wenn Sie dann so einen Schnittjob beschreiben, wo es dann heißt: „Okay, jetzt arbeiten Sie bitte 60 Stunden in der Woche und in vier Wochen ist das Ding fertig“, das klingt ja auch nicht sehr flexibel.

„Ja, aber weil es dann oft auch wieder heißt: ‚Na ja, es ist halt immer noch nicht fertig, dann müssen wir halt noch einmal ändern‘. Bei den Schnittjobs, das sind die stabilsten Arbeitsverhältnisse, das hängt auch mit der Anstellung zusammen. Subtil rennt das oft, dass man halt irgendwie dann angerufen wird um zehn Uhr in der Nacht vom Regisseur: ‚Du, ich habe da jetzt den Einfall gehabt. Wie wäre es denn damit und so?‘ Dann sage ich: ‚Ja, können wir morgen über das reden?‘ Das pflanzt ja natürlich auch wieder etwas in den Kopf. Dann denkt man über das nach. Also sozusagen diese Verfügbarkeit. Es gibt aber natürlich einen Widerstand gegen das. Also man gesteht sich dann schon auch zu, dass man seine Ruhe braucht und so. Diese Einsatzbereitschaft ist schwierig.

Und wie geht man dann mit diesen Problemen um? Setzen Sie sich dann hin und sagen: „Na gut, das ist halt so, da kann man nichts machen“?

„Nein, immer wieder kleine Schrauben bewegen. Also immer wieder nachjustieren. Zu den Leuten gehen, auf die man wartet und sagen: ‚So, was ist jetzt? Gibt es da Änderungen? Ich muss nämlich planen. Ich möchte von euch wissen: Wie weit seit ihr?‘ Also in der Finanzierung zum Beispiel von dem Film: ‚Gibt es da einen neuen Stand?‘ Dann sagen sie: ‚Ach so, ja, wissen wir noch nicht. In einem Monat wissen wir es dann.‘ Aber man ist wirklich oft einfach abhängig, logisch, weil ich nicht drauf verzichten kann. Ich kann nicht sagen: ‚Ihr geht mir auf den Wecker. Wann wisst ihr das denn endlich?‘ Das kann ich mir nicht erlauben.“ 

Vom gleichen Gesprächspartner:


Verwandte Artikel: