Überleben durch Geben und Nehmen im Berufsnetzwerk

Das Beispiel schildert die hochflexible Arbeitsweise eines freischaffenden Kunst-Fotografen, dessen Auftragslage sehr wechselhaft ist, weshalb sich der Arbeitsalltag ähnlich präzise voraussagen lässt wie das Wetter in 14 Tagen. Gerald, ein Mittvierziger, hat allerdings Strategien entwickelt, die ihn einigermaßen widerstandsfähig gegen die Launen der Wetter- d.h. der Auftragslage gemacht haben. Erfahrung im Zuge erfolgreich bewältigter Intensivjobs oder umgekehrt Durststrecken scheint eine der wichtigsten „Ressourcen“ zu sein. Ebenso wichtig oder sogar noch wichtiger ist das „Gefälligkeitsguthabens“ im Reputationsnetzwerk, also etwa die Wahrscheinlichkeit, von KollegInnen empfohlen zu werden. Geben und Nehmen sind ein diffiziler und voraussetzungsvoller Vorgang, der Kontostand in der „Gefälligkeitsbank“ darf nicht zulange im „Soll“ sein, wenn man als Ein-Personen-Unternehmer erfolgreich im Spiel bleiben will. 

„Also gerade heuer hab ich mir gedacht, oje, Wirtschaftskrise, und keine Jobs augenblicklich, Konto schaut auch schlecht aus. Und innerhalb von zwei Tagen war der Kalender wieder voll … ja, es ist also extrem unvorhersehbar.“

[…]

Hast du, wenn es um den täglichen Arbeitsalltag geht, einen bestimmten Biorhythmus, also bist du z.B. Morgenarbeiter oder Nachtarbeiter?

„Ja, an sich schon, aber vorige Woche habe ich so viel zu arbeiten gehabt, dass ich oft nur vier Stunden geschlafen habe.“ 

Nur vier Stunden? Ich nehme an, das wurde dann irgendwann kompensiert?

„Wenn ich nicht ‚in einem‘ dazu komme, dann schlafe ich am Nachmittag, egal wann. Ich gehe praktisch nie vor Mitternacht ins Bett, meistens zwischen 2 bis 3 Uhr und stehe zwischen 9 bis 10 Uhr am Vormittag auf; im Normalfall, wenn ich keine Termine habe, weder Jobs noch privat. Ansonsten, wenn es eng ist, dann gehe ich zum Schluss erst um 6 bis 7 Uhr [morgens] schlafen, weil die Nachtzeit … niemand stört, kein Telefon, man kann nicht rausgehen, kein Mitbewohner stört. Ich sitze da manchmal 10 Stunden vor dem Computer und mache das fertig, das muss manchmal so sein. Das wäre mein Rhythmus, der sich bei mir einpendelt. Ansonsten ist es so, dass ich am Vormittag etwas zu tun habe oder dass jeden Abend ein Termin ist, wo ich hinschauen sollte. D.h. ich verliere den Abend, der bei mir produktiv ist. Das pendelt sich dann ein, am mittleren Vormittag aufstehen, Abend wohin gehen, dazwischen Job, das kann auch am Sonntagabend sein oder Samstag am Vormittag, das sind manchmal drei bis vier verschiedene Jobs an einem Tag. Dann tagelang oder wochenlang nichts…“ 

Diese Interviewpassage verdeutlicht einerseits, dass die Zeiteinteilung gerade bei guter Auftragslage eine Herausforderung ist. Auftrags-Fotografie für den Kunstbetrieb, die hauptsächliche Einkommensquelle von Gerald, ist allerdings generell ein kurzfristiges Geschäft. Aufträge erfolgen gleichsam per Zuruf, und weil er nichts Wichtiges verpassen möchte, hält es der Befragte fast für ausgeschlossen, z.B. mehr als ein bis zwei Wochen nicht in Wien zu sein. Es könnte ihm möglicherweise ein Geschäft entgehen. Eine besonders heiße Zeit sind in seinem Business der Mai und der Juni. Der Grund dafür: die Wiener Festwochen.

„Mai ist Festwochenzeit, d.h. die wichtigsten Aufträge sind im Mai/Juni. Aber sehr kurzfristig, weil die Festwochen, wie alle Theater, planen sehr kurzfristig; 

Aber man weiß ja, wann die Festwochen sind, oder?

„Ja … da war aber noch nicht absehbar, ob ich überhaupt etwas kriege oder was ich kriege, in welchem Ausmaß. […] Das war diesmal so, dass viele Regisseure ihre Fotografen aus Deutschland mitgebracht haben. In so einem Fall komme ich nicht zum Zug, das sind lauter Unsicherheitsfaktoren, die oft in letzter Minute entschieden werden. D.h. es kann sein, dass ich morgen einen Anruf kriege, oder auch nicht…“

Bei Auslastungsschwierigkeiten oder umgekehrt Überlastung in Form von Termin-Überschneidungen hilft das Berufsnetzwerk aus, eine weitere entscheidende Ressource für das Überleben in diesem Business. Der befragte Kunstfotograf schildert, wie die durchaus voraussetzungsvollen mikroökonomischen Austauschbeziehungen in seinem Umfeld funktionieren, v.a. das wechselseitige „Zuschanzen von Projekten“ bzw. auch das Mitverwenden von teuren Geräten. 

„Es gibt auch Kollegen, die ich kenne, denen ich einen Job weitergebe, wenn ich ihn selber nicht machen kann. Was den Vorteil hat, gegenüber dem … wenn ich sage: ‚Ich kann es nicht machen, sucht euch jemand anderen‘, dann kann es sein, dass die irgendjemand finden, der dann auf ewig meinen Job kriegt. Wenn ich das dagegen einem Kollegen weitergebe, dann weiß ich, wer das ist. Und die Auftraggeber sind auch froh, wenn sie sich auf eine Empfehlung verlassen können und quasi nicht selbst suchen müssen. Und mein Ersatz wird sagen: ‚Ich nehme dir das nicht weg, sondern das nächste Mal darfst du das wieder machen.‘ Das war auch schon ein paar Mal der Fall, wo ich einen Job weitergegeben habe, und der gesagt hat: ‚Die haben MICH wieder angefragt, aber jetzt nehme ich den Job natürlich nicht wieder an, weil der Job eigentlich DEINER war.‘ Das verdient natürlich Respekt, was bei wachsender Konkurrenz nicht zu unterschätzen ist.“

Und es ist vermutlich auch möglich, dass ein Kollege auch DIR so einen Job anbietet, wenn er keine Zeit dafür hat?

„Genau, ja; wenn dem das passiert.“

Das gilt vielleicht auch für teure Geräteteile, gerade dir als Fotograf?

„Ja, ich habe einen Freund … der fotografiert schon 10 Jahr länger, macht ähnliche Sachen und wir haben zufällig die gleiche Ausrüstung; mit ein paar kleinen Unterschieden. Einmal borgt er von mir ein Objektiv aus, das ich nicht habe; oder umgekehrt. Das ergänzt sich natürlich wunderbar.“ 

Geben und Nehmen erhält die Freundschaft in den kleinteiligen Reputationsnetzwerken von Freiberuflern. Die eigene Reputation ist eine elementare Währung und hilft bis zu einem bestimmten Ausmaß dabei, Aufträge vermittelt zu bekommen. Allerdings werden „Gefälligkeitsguthaben“ auch aufgebraucht, die Kontostände sind dementsprechend immer wieder aufzufüllen bzw. auszugleichen, etwa durch gute Tipps bis hin zu Aufträgen an Mitglieder des eigenen Netzwerkes. In diesem Kontext ist an die Wortschöpfung der „Gefälligkeitsbank“ des Schriftstellers Paulo Coelho („Der Zahir“) zu denken: „Die Gefälligkeitsbank ist die mächtigste Bank der Welt. Sie besteht aus Kontakten und sonst nichts.“

"Was ist die *Gefälligkeitsbank?" (aus: Der Zahir)
"Das wissen Sie doch. Jeder Mensch kennt sie."
"Schon möglich, aber ich weiß noch immer nicht, was Sie damit meinen."
"Sie wird im Buch eines amerikanischen Schriftstellers erwähnt. Es ist die mächtigste Bank der Welt. Sie ist allgegenwärtig."
"Wo ich herkomme, gibt es kaum eine literarische Tradition. Und außerdem könnte ein Gefallen von mir niemanden helfen."
"Das macht nichts. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich weiß, das Sie jemand sind, der sich entwickeln und eines Tages viel Einfluss haben wird. Ich weiß es, weil ich einmal wie Sie war, ehrgeizig, unabhängig, anständig. Heute habe ich nicht mehr die Energie von damals, aber ich möchte Ihnen helfen, weil ich nicht stillstehen kann oder will. Ich will nicht von der Rente träumen, sondern von diesem aufregenden Kampf, der das Leben, die Macht, den Ruhm ausmacht. Ich mache ein paar Einzahlungen auf Ihr Konto - Einzahlungen, die nicht aus Geld bestehen, sondern aus Kontakten. Ich stelle Ihnen den einen oder anderen Menschen vor, erleichtere bestimmte Verhandlungen, soweit dies zulässig ist. Sie wissen, dass Sie mir etwas schulden, obwohl ich nie etwas verlange."
"Und eines Tages..."
"Genau. Eines Tages bitte ich Sie um etwas, Sie könnten nein sagen, aber Sie wissen, dass Sie mir etwas schulden. Sie werden tun, worum ich Sie bitte. Ich werde Ihnen weiterhelfen, die anderen werden erfahren, dass Sie ein loyaler Mensch sind, und ebenfalls auf Ihr Konto einzahlen - stets Kontakte, denn diese Welt besteht aus Kontakten und sonst nichts. Eines Tages wird man Sie um etwas bitten. Sie werden der Bitte entsprechen und denjenigen unterstützen, der Ihnen geholfen hat. Im Laufe der Zeit werden Sie über ein Netzwerk verfügen, das die ganze Welt umspannt, Sie werden diejenigen kennenlernen, die Sie kennenlernen müssen und Ihr Einfluss wird stetig wachsen."

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