Kunsthochschule als praxisferne Enttäuschung

Ein ca. 40-jähriger Unternehmer im Bereich Produkt- und Corporate-Design beschreibt seinen beruflichen Werdegang, der ihn von einer HTL zum Studium an der Angewandten führte. Gegenüber der Kunstlastigkeit offenbar eher mit dem Sinn fürs Praktische ausgestattet, brach er dort sein Studium „wegen Unterforderung“ relativ bald ab und gründete anstatt dessen mit einem Partner ein Unternehmen, das er bis heute betreibt. 

Was haben Sie für eine Ausbildung gemacht, was für berufliche Stationen gibt es?

„Ok. Der Wunsch Industriedesigner zu werden ist schon sehr alt. Ich habe schon sehr früh gezeichnet und Spaß gehabt, Dinge zu entwerfen. Da wusste ich allerdings noch nichts von Industriedesignern. Mein Großvater und mein Vater sind Installateure, und ich wusste mit 15 Jahren noch nicht, was ich machen soll. Und da gibt es im Burgenland eine HTL für Maschinenbau, Heizung und Klimatechnik. Da bin ich dann hingegangen und dachte: ‚Ok, passt!‘ Im zweiten Jahr dort habe ich festgestellt, es gibt den Beruf des Industriedesigners und das würde mich total interessieren. Ich habe meine ganze Ausbildung dann in die Richtung vorangetrieben. Entsprechend mich bemüht, nicht sitzen zu bleiben. Ich habe mich beschäftigt mit diesem Thema, da gab es vom WIFI so Broschüren, da bin ich dem ein bisschen näher gekommen. Ich habe festgestellt: ‚Aha, es gibt zwei Ausbildungsstätten.‘ Damals gab es zwei Ausbildungsstätten in Österreich, in Wien die Angewandte und eine in Linz. Ja, dann habe ich nur mehr darauf hingearbeitet, die Matura zu bekommen, um studieren zu können. Zwischendurch hat mich dann Informatik ein bisschen interessiert, das ist dann stärker geworden. Ich habe sehr viel programmiert und mit Atari und so Zeugs halt gearbeitet und das war für mich dann die Folgestrategie, sollte ich die Aufnahmeprüfung nicht schaffen, kann ich immer noch Informatik studieren. Das war damals auch ganz in. Ich habe aber dann 1985 diese Aufnahmeprüfung geschafft und...“

Auf die Angewandte?

„Auf die Angewandte, genau. Diese HTL war ja im Burgenland und da war ich immer schon weg von daheim und da wollte ich dann zu Haus sein. Aus der heutigen Sicht sage ich natürlich, es wäre gescheiter gewesen, ich wäre nach Linz gegangen oder überhaupt ins Ausland, um sich ausbilden zu lassen als Industriedesigner. Aber damals wusste ich natürlich noch nicht so viel über den Beruf, und die Broschüren vom WIFI waren ganz gut für null Ahnung. Sonst waren die Informationen nicht so reichlich. Und so bin ich halt auf die Angewandte gegangen, immer mit der Vorstellung, da wird einem beigebracht, wie man diese tollen Renderings macht und wie die Massenprodukte entworfen werden usw. Die große Enttäuschung war auf der Angewandten die, das es eben eine Kunsthochschule ist und Kunst das höchste ist, was man sich vorstellen kann. Und alles wurde bis ins kleinste zerredet und diskutiert; und jede Ecke, wo man angekommen ist, hat gestrotzt vor Kunst. Ich habe mir das richtig abgewöhnt, ich habe mich lange aus dem Kunstbereich zurückgezogen, mich nicht damit beschäftigt, mir war das einfach zu viel.“

Ihr anfänglicher Zugang war schon eher ein praktischer?

„Mein Zugang war, mein Wunsch war immer, und das war auch die Vorstellung, wie ich da hingegangen bin, Produkte zu entwerfen, an denen viele Menschen Freude haben, die vielen Menschen das Leben erleichtern. Mein Ansatz, von der HTL weg schon, warum ich mich für diesen Beruf interessiert habe, warum ich da drauf gekommen bin, war, weil eine Menge Dinge in meinem Umfeld nicht so funktioniert haben, wie ich es wollte. Die waren unpraktisch zu benutzen und sie haben auch nicht schön ausgeschaut. Und ich hätte es gerne ordentlich gehabt und geordnet und ästhetisch ansprechend, soweit man das halt damals mit 15, 16, 17 Jahren hat können beurteilen. Plus, ich wollte, ich habe eine gewisse Vorstellung gehabt von der Funktion. Das war schon immer wichtig für mich, das es pfiffig zu bedienen ist. Das es bequem zu bedienen ist. Und daher in Folge dann die Massenfertigung, es ging dann immer darum, kein Einzelstück. Natürlich habe ich Dinge für mich persönlich entworfen, das war dann ein Einzelstück, das war dann mühsam, die einzeln anfertigen zu müssen. Aber eigentlich war im Hinterkopf immer, viele Leute sollen daran partizipieren können und es geht immer um 100.000 Stück Auflage. Bic Feuerzeuge oder Kugelschreiber oder irgend so etwas. Dann kommt man zur Angewandten und dort sagen die dann: ‚Wir machen jetzt eine Ausstellung‘. Jeder von den Studenten soll einen Pavillon planen. Das ist ein super Spezial-Einzelstück. Das war nicht das, was ich wollte. Und nächstes Jahr war das dann wieder, Stadtmöblierung. Gut, das geht mit größerer Auflage, aber...“

Na ja, das ist ja schon eher ein Massenprodukt, oder?

„Wir haben uns über Streukisten Gedanken gemacht und über Mistkübel. Ja, natürlich habe ich da schon größere Auflagen, aber ich bin da immer noch nicht gefordert vom Markt. Was wir heute hier machen, ist, wir müssen Produkte entwerfen, die 80% der Menschen ansprechen, die sagen, die sind super, das möchte ich haben, das will ich mir kaufen, das leiste ich mir und dafür bin ich bereit, mehr Preis zu bezahlen. Und gleichzeitig denen aber einen Nutzen zu stiften, wie die das besser bedienen können. Ihr Leben halt angenehmer leben können, weil sie eben diese Produkte um sich haben.“

Heißt das, haben Sie dann die Angewandte durchgestanden und abgeschlossen?

„Nein, ich habe während der Angewandten, um dieses, wie soll ich sagen, dieses Arbeitsvakuum  auszufüllen, man ist nicht ausgefüllt gewesen auf der Angewandten. Ich bin von der HTL in Pinkafeld gekommen, das war zur damaligen Zeit eine, wenn ich so sagen darf, eine Elite-HTL. Ein unheimlicher Drill. Ich sehe das durchaus negativ, ja. Aber wir waren, ich war unheimlich motiviert und habe pünktlich die Vorlesungen und Prüfungen abgelegt in den ersten zwei Semestern. Dann kommen aber schon die Meldungen der anderen Studenten: ‚Äh, wurscht.‘ Und natürlich ist das ganz bequem, wenn man da ein bisschen ausbricht aus diesem engen, starren Raster, den die HTL vorgegeben hat. Ich habe schon diese Freiheit gespürt. Vor der Angewandten habe ich noch ein Ferialpraktikum gemacht bei einer Heizungsfirma, das war voll ok für mich, das war spannend, da habe ich Heizstrangberechnungen gemacht und alles bestens. Dann ein Jahr auf der Angewandten und dann habe ich wieder, weil ich ja das Geld gebraucht habe, wieder dort ein Praktikum gemacht und ich habe es nicht mehr dort ausgehalten! Das war dann, das weicht sich auf, das ist ganz klar. Ja, und so war ich da einfach zu wenig gefordert, was ich gewohnt war, war ich zu wenig gefordert. Da habe ich mir andere Tätigkeitsbereiche gesucht und bin dann konkret, habe bei einer österreichischen Computerzeitung mitgearbeitet. Und nachdem ich der einzige ‚Künstler‘ war, haben die gesagt: ‚Ja, mach du das! Layout und all diese Dinge.‘ Das hat mich auch immer interessiert, das war auch mein Hobby, schon seit der Hauptschule, würde ich sagen. Da habe ich mich rein gearbeitet und habe begonnen, mich selbstständig zu machen mit ein paar Grafikaufgaben und dachte: ‚Ok, da könnte man auch ein bisschen Produktdesign machen‘.“ 

Das war dann der Auslöser für die selbständige Erwerbstätigkeit?

„Dann ist der A dazugekommen, also mit einem anderen Freund habe ich ein Grafikdesign-Studio gegründet. Dann ist der A dazugekommen, den ich eben von der Arbeit bei einem Prof. näher kennengelernt habe, schon auf der Angewandten. Dann haben wir gemeinsam bei einem unserer Professoren gearbeitet. Da haben wir uns auch näher kennengelernt zu dritt, da haben wir uns schon ein bisschen mehr selbstständig gemacht und kleinere Projekte betreut. Irgendwann war dann die Information, die die Angewandte liefert, die ich unmittelbar gebraucht und umgesetzt habe, die war dann erschöpft. Da gab es nichts mehr zu holen, da könnte ich noch 17 Proseminare und Seminare machen oder sonst was. Das wäre vielleicht auch geschickt gewesen, aber das hat mich nicht interessiert. Bevor ich da jetzt Zeit rein stecke, in Aufgaben, die mich nicht weiterbringen bei meinem beruflichen Plan, arbeite ich lieber in meiner Praxis und bringe die zu einem Erfolg.“

D.h. Sie haben auf der Angewandten schon noch ein bisschen weiterstudiert, während Sie die Grafiksachen angefangen haben?

„Genau, ich habe studiert bis 1990 und 1992, da hat es dann aufgehört. Bis zum 5. und 7. Jahr, da war ich noch inskribiert, da war ich noch gelegentlich dort, dann ist das ausgelaufen.“

Ausgetröpfelt. Dieses Selbstständigmachen im Grafikbereich, war das am Anfang einmal so als Freelancer oder haben Sie da sehr schnell ein Unternehmen gegründet?

„Wir haben ziemlich schnell ein Unternehmen gegründet, ja. Ich habe eigentlich nie bei jemanden … ah, ja, doch, während des Studiums habe ich bei einem Professor bei uns als Produktdesigner gearbeitet, da war ich als Freelancer im Unternehmen tätig.“ 

Das war ein Professor mit einem Unternehmen?

„Ja, der hatte ein Unternehmen, genau. Wir haben dort mitgearbeitet, so stundenweise an Projekten, also typisch Freelancer. Aber unsere Grafikdesign-Projekte waren immer solche als freie Auftragnehmer, wie sagt man da heute, also Selbstständige, neue Selbstständige, so irgendwie.“

Genau.

„Damals war das nicht so. Wir haben da mit einigen Werbeagenturen und kleineren Unternehmen zusammengearbeitet und die haben gesagt, wir brauchen ein neues Erscheinungsbild, ein neues Logo bei Werbung ... da haben wir das daheim gemacht in unserem Büro. Das war zu Hause, bei mir zu Hause, da haben wir das dann entworfen. D.h. das war nie ein Freelancerjob, wo wir jetzt im Büro bei jemanden anderen gesessen sind.“

Also nicht freier Dienstnehmer, die da irgendwo auf Zeit arbeiten?

„Wie gesagt, ausgenommen diese Arbeit bei dem Professor. Das waren gut 2 Jahre, auf jeden Fall. Zwischen 2 und 3 Jahren.“ 

Aber diese anderen Geschichten gleich zu Beginn, war das ein Unternehmen im Sinne von Firmenbuch?

„Also Firmenbuch, das sind wir ja heute noch nicht einmal. Wir haben uns schon als Unternehmen gefühlt. Wir sind nach bürgerlichem Recht gegründet und wir sind dann auch beim Finanzamt vorstellig gewesen als Gesellschaft. Wir haben da schon auch das Selbstverständnis gehabt, jetzt nicht so, machen wir halt ein paar Jobs und dann wieder was anderes. Das war für uns ernst. Wir haben uns Betriebsmittel angeschafft, Kopierer, Computer, das war damals ein Macintosh ohne Drucker, ein Macintosh mit Farbbildschirm, der hat 90.000 Schilling gekostet! Dann haben wir uns ein Jahr später erst einen Drucker gekauft, um 60.000 Schilling. Naja, Wahnsinn.“

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