Kreative sind keine Chaoten

Im Anschluss an die Einstiegsfrage nach dem „typischen Arbeitstag“ bei einem Grafik- und Designunternehmer dreht sich das Gespräch um die Frage, inwiefern das Klischee zutrifft, wonach Kreative zu wenig strukturiert arbeiten würden bzw. Probleme damit hätten, wenn ästhetische Fragen wie jene nach der Farbe, Gestalt etc. eines bestimmten Designs in der Gruppe zu entscheiden sind. Der Gesprächspartner mit langjähriger Berufserfahrung verwehrt sich einerseits gegen das Vorurteil von Kreativität = Chaos. Darüber hinaus gibt er zu erkennen, dass professionelle, erfolgreiche Kreativarbeit in der richtigen Mischung von nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel Ordnung zu liegen scheint.

Gibt es für Sie einen typischen Arbeitstag?

„Das ist das interessante an dem Job. Da beneide ich manchmal, wenn es sehr chaotisch zugeht, beneide ich Ärzte oder Busfahrer, die sagen können, sie fangen an, die Leute kommen rein, dann wird das abgearbeitet und um 13.00 ist es aus. Dann geht man Mittagessen, dann macht man seine Protokolle, das ist immer das gleiche. Wenn ich mir das aber durchdenke, dass ich das gerne hätte, dass das so regelmäßig abläuft, dann sage ich, ich bin doch froh, dass ich kein Arzt bin oder ein Busfahrer, der immer die gleichen Stationen abfährt. Das heißt, bei mir gibt es keinen wirklich typischen Arbeitstag. Es ändert sich häufig, man sieht immer, was ist heute relevant, was muss man machen, was steht an. Das ist sicher nicht der einzige Beruf, wo das so ist, aber es gibt auch Berufe, da weiß man, man geht in der Früh hin, man hat den und den Auftrag zum Beispiel als Installateur, dann stemme ich dort auf und dann gehe ich wieder heim. Aber ich muss mir immer überlegen, welche Projekte geht man an, welche Maßnahmen setzt man, um Kunden zu akquirieren. Es ist nicht nur die Arbeit an sich kreativ, auch was [wann/wie/wo usw.] zu arbeiten ist, ist eine Herausforderung.“ 

[…]

I: Gerade in Ihrem Berufsfeld müssen ja viele „kreative“ Fragen gewissermaßen auch „kreativ“ entschieden werden. Wie läuft das bei Ihnen, wenn etwa geklärt werden muss, ob ein bestimmtes Design z.B. grün oder blau, rund oder eckig etc. ausschauen soll?

„Wichtig ist, dass man sieht, wer ist in welchem Bereich der Taktgeber. Ich denke nicht über Design als basisdemokratische Sache. […] Über Geschmack lässt sich ja streiten, der eine sagt, ich finde es rund besser, der andere sagt, eckig, also irgendwie muss man sich einigen. Da kann man nur einen schlechten Kompromiss schließen, aber es geht ja um Konsens. Das muss man vorher festlegen: einer hat das Sagen! Das haben wir schon seit 1992 so ausgemacht, einer ist Projektleiter, d.h. wir diskutieren so lange, bis wir stecken bleiben. Und in der Situation entscheidet der Projektleiter, so handhaben wir das bis heute.“ 

Wie gut sind Kreativunternehmen generell organisiert? Wie ist das bei Ihrer Firma?

„Das ist schwer zu sagen … ich wünschte mir manchmal ein strafferes Projektmanagement, und arbeite in diese Richtung. Stelle dann aber in Gesprächen fest, wie es woanders zugeht. Oder wenn ich Leute von großen Unternehmen treffe, dann denke ich manchmal, das ist chaotischer organisiert als bei uns. Ich kriege auch sehr viel Feedback, von neuen Mitarbeitern und Kunden, die sagen: ‚Bei Euch läuft das sehr sauber und straff ab.‘ Und ich denke mir, ja, es könnte noch sauberer sein … etwa besseres Zeitmanagement. Gleichzeitig stelle ich fest, dass ich mit meinen Forderungen ans Team schon an der Grenze bin. Da gibt es Überlegungen, dass man sagt, noch mehr Kontrolle verhindert das Kreativ-Sein.“

Verstehe…

„Das ist immer eine Diskussion. Regeln schränken nicht die Kreativität ein, das ist ein Blödsinn. Kreative sind keine Chaoten. Erst durch die Ordnung kann ich kreativ sein. Bestes Beispiel ist das Spiel, Fußballspiel, es gibt eine Regel, es gibt das Spielfeld, die Tore, 22 Leute und so weiter. Dass es diese Regeln gibt, führt eben zu kreativen Spielzügen, das schränkt die Kreativität überhaupt nicht ein. Im Gegenteil, es ist ein krasser Unterschied zwischen Champions League und österreichischer Meisterschaft. Es geht darum, ob man die Regeln beherrscht oder nicht.“ 

Wäre jetzt ein Noch-Mehr an Ordnung ein Vorteil oder eher zuviel des Guten?

„Ich könnte mir vorstellen, dass der Apparat noch besser funktioniert. Die Gefahr ist, dass der Wirtschafter nur seine Zahlenwelt sieht. Das ist das Stereotyp, das man im Kopf hat. Der würde das durchpeitschen und das könnte schon zu Unzufriedenheit führen und die Kreativität dämpfen. Bei den großen Unternehmen höre ich schon manchmal, dass es sehr hart ist, da muss man diese und diese Zettel ausfüllen, dieses und jenes Reporting machen. Und so ein ausgeprägtes System gibt es bei uns nicht. Wir haben aber ein sehr gutes Arbeitsklima, die Leute arbeiten sehr gerne hier, das verbreitet sich auch von Hochschule zu Hochschule, dass man hier ein Praktikum macht, weil hier ist es klasse; guter Raum, gute Chefs, man ist voll integriert, der Praktikant tut nicht zusammenkehren, der ist ganz integriert in die Arbeitswelt. Er darf sich mehr Zeit nehmen, als wir von einem Profi verlangen … aber er muss auch die Leistung erbringen. Das taugt den Leuten.

Kann man diesen Balanceakt – also ausreichend Vorgaben machen, aber nicht zu viel davon, um die Kreativität nicht zu verscheuchen… – kann man das immer richtig machen?

„Die Frage ist, ob ein reiner Wirtschafter das auch kann, weil dem die Empathie der Künstler fehlt. Ich habe mir kurz überlegt, ob man einen professionellen Verkäufer anstellen soll, und da gibt es in der Literatur auch Hinweise, dass der Chef selber verkaufen muss. Ich habe auch festgestellt, dass man dem Verkäufer das nicht so vermitteln kann und der auch nicht so authentisch auftreten kann. Ich habe noch keinen gefunden, der das so macht, wie ich das will.“ 

Und was genau haut da nicht hin?

"Es ist doch eine sehr persönliche Geschichte, Design ist nicht wie Seife zu verkaufen, 40 Stück Seife, verkauft, fertig. Es ist eine Partnerschaft, wir sind nicht Lieferanten, sondern wir sind Partner der Kunden … so ist auch die Arbeit, wir haben sehr langfristige Kooperationen mit den Kunden."

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