„Ich wollte schon mit sieben Jahren Kameramann werden“

In Bereichen wie der Filmbranche lässt sich nur selten von typischen Karriereverläufen sprechen, zu diskontinuierlich und verschieden sind die Ausbildungs- und Berufswege. Obwohl die Ausbildung in vielen Fällen den späteren Werdegang maßgeblich beeinflusst, wird in dieser Interviewpassage mit einem Kameramann eine andere Geschichte erzählt. Äußere und familiäre Umstände erlaubten es dem Interviewpartner nicht, die frühe Begeisterung für das Medium Film in einer Ausbildung umzusetzen. Ressentiments und „eine falsche Entscheidung“ verhindern den Besuch der renommierten und bezüglich des Berufseinstiegs dominanten Wiener Filmakademie. Erst über Umwege, andere Beschäftigungen und persönliches Engagement gelang in dem vorliegenden Fall ein Einstieg in die Fernseh- und Filmszene. Letztendlich ist dem Befragten gelungen, was er schon mit sieben Jahren wollte – Kameramann werden – und seit damals mit großer Leidenschaft vorantrieb.

Mich würde am Anfang eigentlich interessieren: wie bist Du Kameramann geworden?

„Weil ich mit sieben Jahren aus der Volksschule kam, und dort ein Kamerateam stand und sie wollten jemanden interviewen, und alle Kinder, die mit mir aus der Schule kamen, hatten Angst vor der großen Kamera und ich bin als einziger übriggeblieben, fasziniert von dieser Kamera. Dann musste ich witzigerweise etwas sagen, was dann auch mit meinem späteren Leben zu tun hat und was auch mit der Kamera zu tun hat. Es war ein Bericht über Politessen und ich musste sagen: ‚Ich kenne die blaue Tante schon, die da am Eck steht. Das ist eine Politesse.‘ Und, ja, von dem Zeitpunkt an wollte ich nicht mehr Astronaut werden, sondern Kameramann.“

Und wie ging das dann weiter?

„Das war dann so, dass ich mit elf, oder mit zehn eigentlich, meine erste Filmkamera bekam. Damals war das noch Schmalfilm. Also mich hat nur mehr interessiert, ins Kino zu gehen und den Film, den ich gerade sah, noch einmal zu drehen. Das waren diese Filme, wo man halt hinein musste, um sich zu beweisen, dass man jetzt schon älter ist. Also der ‚Weiße Hai‘, ‚Das flammende Inferno‘, ‚Erdbeben‘, ‚Die Tiefe‘ und diese ganzen Schinken, die damals liefen. Und mit Freunden sind wir dann zusammen gesessen und haben gesagt: ‚Okay, wir drehen jetzt den zweiten Teil von dem, wie machen wir das?‘ Letztendlich das Maximale, das wir gemacht haben, war, den Trailer für einen bestehenden Film zu drehen. Und das war wahrscheinlich auch ein Problem, dass ich damals, als ich so klein war, schon zwei Filmkameras gehabt habe. Mich hat nämlich nur noch das Filmemachen interessiert.“

Wieso war das ein Problem?

„Mich hat nichts mehr, also in der Schule, nichts mehr interessiert. Meine Mutter hat mich dann noch in die Handelsschule gesteckt und, ich weiß nicht, mit etlichen Nicht Genügend… Also es stand nur noch Film im Mittelpunkt. Ja, da habe ich mir mein ganzes Leben schon ausgemalt gehabt. Ich habe so ein riesengroßes Kassierbuch gehabt, da habe ich meine ganzen Filmideen hineingeschrieben. In der Handelsschule hat sich das irgendwie abgezeichnet, dass es eh besser wäre, wenn ich gehe. 

Uups

Und eine Freundin von meiner Mutter hat gesagt, sie hat da einen Bekannten bei der Polizei, der ist General und die nehmen jetzt Vierzehnjährige auf. Die nehmen ja jetzt Vierzehnjährige auf und die suchen Leute, die filmen und fotografieren können. Und für mich, mit vierzehn war das einfach nur: ‚Aha, auf den Straßen von San Vienna‘. Und zusammen mit meinem Freund, der mit mir im Kindergarten und in der Schule war, habe ich gesagt: ‚Okay, wir gehen miteinander zur Polizei und ich drehe dann die Polizeiserien.‘ Wir sind dann mit vierzehn wirklich in die Polizeischule gekommen.“

Und deine Interessen haben zur Polizeischule gepasst?

Also total diametral zu meinen wirklichen Vorstellungen. Da waren wir dann drei Jahre. Es war eigentlich als Offiziersausbildung gedacht, aber das hat sich dann sehr schnell relativiert, was das wirklich wird. Und ich habe dann die Zeit genutzt, um innerhalb der Schule Comic-Klamauk-Filme zu drehen. Wir haben eine Klassenkasse gehabt, da haben immer alle einbezahlt – ich habe mir das natürlich zahlen lassen – und wir haben dann so Filme gedreht wie ‚Columbo‘, ‚Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‘, ‚John Lennon‘. Also wirrste Sachen. Die Filme sind heute unter Verschluss. Also die durfte ich mir dann später nicht mehr behalten, die habe ich abgegeben, weil da lustigerweise einer mitspielt, der heute bei der Staatspolizei ist, und der spielt in einem Film sehr überzeugend einen Dealer; ein anderer einen Rauschgiftsüchtigen. Und irgendwann habe ich dann erkannt, also dieses Metier, das ist nicht meines. Mir taugt das nicht. Und habe dann meine Fühler schon wieder ausgestreckt, nur meine Mutter, muss man dazu sagen, die war Alleinverdienerin, und mein Vater hat die Alimente nicht bezahlt, also das war eine finanzielle Sache…“

Du bist ja in Wien aufgewachsen?

„Da, auf der Straße da. Also kurz und gut, ich habe mich dann zur Wasserpolizei gemeldet. Daneben haben wir dann mit sechzehn, also noch in der Polizeischule, meinen ersten Spielfilm gemacht. Ein Film über so etwas wie den dritten Weltkrieg, und das überlebt eine Handvoll Jugendlicher. Sehr semiprofessionell und sehr amateurhaft, aber wir haben ihn gemacht. Ich ging auch zur Wasserpolizei, weil mich damals das Segeln auch interessiert hat und alles was mit Wasser zu tun hat und habe mir gedacht: ‚Das ist immer noch das beste Eck innerhalb dieser Organisation.‘ Und es war recht lustig, weil nämlich dort wirklich Leute waren, die von der Polizei nichts wissen wollten. 

Quasi die Truppe der Oppositionellen?

„Wir waren eher so … der eine hat Gemälde gemacht. So impressionistische Gemälde hat er gemalt. Der Andere hat davon geträumt, nach Südafrika auszuwandern, das hat er auch gemacht. Ich habe im Nachtdienst immer Drehbücher geschrieben. Also eine schräge Partie. Und da gab es noch einen Offizier, der das auch gefördert hat. Der hat gesagt: ‚Okay, ich weiß eh, du willst lieber Filme machen.‘ Habe ich gesagt: ‚Ja, ich möchte vier Monate nach Los Angeles fliegen. Ich möchte einen Sonderurlaub, ich möchte dort auf eine Filmschule gehen.‘ Hat er gesagt: ‚Na gut, lassen wir den Urlaub zusammenkommen. Von Jänner bis April, das geht.‘ Dann habe ich in den Urlaub zusammenkommen lassen. Ich habe einen Plan gehabt: ‚Ich fliege morgen nach Los Angeles‘, dort habe ich Bekannte gehabt, bei denen ich wohnen konnte. Und war dann beim American Film Institute, da war ich noch Wasserpolizist.“

Und wie alt warst Du da?

„Ja, 21, genau. Da haben wir den Spielfilm gemacht. Der lief dann in der Urania und es war nett. Zwei Tage lief er, oder drei Tage. Er wurde auch noch verlängert. Aber es war interessant. Also es war wirklich mit Schauspielern, also mit allem Drum und Dran. Selbst finanziert, der Film hat natürlich einen Haufen Schulden. Und dann, ein Jahr später, da habe ich gesagt: ‚Okay, ich möchte ins American Film Institute.‘ […] Die haben damals gesagt: ‚Ja, das ist ein kein Problem. Was Sie brauchen, ist nur ein VHS Film.‘ Da habe ich ihnen meinen Film geschickt. Also die Schule hat damals im Halbjahr 180.000 Schilling gekostet. Ich hätte da alles verkauft und wollte weg. Dann habe ich gesagt: ‚Was ist, wenn ich jetzt rüber komme für vier Monate, kann ich nicht als Volontär an der Schule mit teilnehmen?‘ Haben die gesagt, okay, ich kann kommen, ich kann umsonst mitmachen, solange ich bleiben will. Und bin dann dort hinüber, war am AFI, habe dann aber erkannt, dass es eigentlich gescheiter ist, man macht in Wien die Filmakademie, weil die kostet nichts. In Amerika, damals in Kalifornien war es so, dass du die Filmschule nur das erste Jahr besuchen durftest als Ausländer, zahlen durfte man aber. Und das zweite Jahr, wo du wirklich mit den großen Studios Kontakt gehabt hast, da sind natürlich nur die Besten aufgestiegen. Aber wenn du das geschafft hattest, du der Beste gewesen wärst und wärst Ausländer gewesen, hättest du nicht aufsteigen dürfen.“

Und dann bist Du wieder nach Wien?

„Ja, jedenfalls bin ich dann zurück, hab bei der Filmakademie die Aufnahmeprüfung gemacht. Da habe ich den Fehler gemacht, dass ich mich nicht in Produktion gemeldet habe, weil wenn ich mich in Produktion gemeldet hätte, dann hätten sie mich genommen. Nur ich habe mich halt für die Fächer gemeldet, wo sich alle melden, Kamera und Regie. Der Professor hat gesagt, ich soll jetzt ein Jahr, als außerordentlicher Hörer, auf die Filmakademie gehen, ich war aber immer noch Beamter in der Zeit, mit Tagdienst, Nachtdienst.“ 

Und die Aufnahmeprüfung?

„Also die Kommission dort auf der Filmakademie, kannst Du Dir vorstellen, da ist alles sehr, sehr links und die lesen ‚Polizeibeamter‘ und die haben gesagt: ‚Sagen Sie mal, was machen Sie da?‘ Und dann haben die angefangen: ‚Welchen Film würden Sie drehen, wenn wir Ihnen Geld geben?‘ Und ich habe ihnen dann eine Geschichte erzählt. Wirklich, die halbe Stunde, die ich da drinnen gesessen bin, habe ich nur Filmgeschichten erzählt und die haben gesagt: ‚Na, haben Sie nicht noch eine Idee‘ und ‚haben Sie nicht noch eine Idee?‘ Und dann habe ich gesagt: ‚Okay, aus.‘ Dann hat der eine gesagt: ‚Wir müssen jetzt aufhören, weil die Anderen müssen auch noch drankommen.‘ Also bin ich dann ein Jahr als außerordentlicher Hörer auf der Filmakademie gesessen. Ich war da total unglücklich. Ich wollte weg von dem Beruf. Habe dann nach einem Jahr wieder die Aufnahmeprüfung gemacht und fiel dann bei einem Professor in Ungnade und dann hat mich der nicht genommen. Und dann hat der Regie-Professor gesagt: ‚Wenn Sie sich für Regie gemeldet hätten, ich hätte Sie heuer genommen.‘“

Ärgerlich…

„Na gut, zwei, drei Monate später ruft dann ein Freund an, der Kameramann war und hat gesagt, das war in einem Nachtdienst, ich erinnere mich noch gut: ‚Magst du immer noch weg von dort, wo du bist?‘ Habe ich gesagt: ‚Ja, sicher‘. Sagt er: ‚Na, es gibt eine Möglichkeit. Ich bin in einer Firma, ich bin angestellt. Wir suchen einen Kameraassistenten‘. Habe ich gesagt: ‚Na ja, ich schaue es mir mal an.‘ Da habe ich wieder viel Urlaub gehabt und den habe ich mir genommen und dann nebenbei für den ORF gearbeitet.“

Also der Freund war beim ORF angestellt…?

„Nein, das war eine Subfirma, die Teams zur Verfügung gestellt hat.“ 

Und was machst du jetzt für Aufträge?

„Ich drehe für den ORF und für die BBC…“. 

Ok, und das war dann der echte Einstieg in die Filmbranche?

„Mit der Etta Scollo. Das ist damals sogar Nummer eins geworden, dieses Lied. Und natürlich ist der Videoclip ständig im Fernsehen gelaufen. Das war „Oh Darling“. Das war so eine Coverversion, von den Beatles. Ja, und seit dem war ich Kameramann im ORF. War angestellt, war natürlich schlecht bezahlt, nicht nach Kollektivvertrag. Dann hat mich einer von der Gewerkschaft angesprochen und gesagt: ‚Was verdienst denn du da?‘ Ich habe gesagt: „Nein, auch nicht so…“. Da kam es dann zu einem Prozess.“

Aber das war nicht der ORF, das war die Subfirma, die für den ORF produziert hat?

„Eine Filmproduktion, die für den ORF gearbeitet hat. Der ORF hat früher keine eigenen Kamerateams gehabt, die im ORF angestellt waren. Man ist natürlich dann im Zuge, wie man gesehen hat, was das alles kostet, weggegangen und hat andere Firmen beauftragt. ‚Ihr stellt uns ein Kamerateam. Bestehend aus Kameramann, Kameraassistent, Kameraequipment.‘ Weil das nicht wirklich billig war und die Firmen haben natürlich unterbezahlt.“

Und das führte dann zur Prozessgeschichte bzw. in welchem Jahr war das jetzt?

„Anfang der 90er. Und 1993 habe ich mich dann selbstständig gemacht. Weil ihnen die Lohnkosten und Lohnnebenkosten immer noch zu hoch waren. Bis dahin war Filmproduktion ein gebundenes Gewerbe. Das heißt, du musstest eine Konzessionsprüfung machen. Und dann ist jemand auf die geniale Idee gekommen … und der hat gesagt: ‚Passt auf, wenn wir die Filmproduktion freigeben und wir den Kameraleuten und Kameraassistenten sagen: ‚Macht euch eine eigene Filmproduktion auf‘, dann können wir uns die Lohnnebenkosten sparen, weil dann können die eine Rechnung stellen.‘ Und mittlerweile stellen nur noch fünf Prozent aller Firmen die Leute an, so wie es eigentlich sein müsste. In Deutschland gibt es ein Gesetz, Kameraleute müssen angestellt sein. In Österreich hat man sich da so durchlaviert. Also wenn ich in Deutschland drehe, und mit den deutschen Kollegen spreche, die wundern sich alle: ‚Das ist doch hier verboten, dass du selbstständig bist‘.“

Das heißt, du wirst, wenn du jetzt engagiert wirst als Kameramann, nicht für die Zeit der Produktion angestellt, sondern du stellst ein Honorar?

„Prinzipiell ist es so: 70 bis 80 Prozent [der Kameraleute, Anm.] haben eigene Filmproduktionen. Also es gibt in diesem Land Filmproduktionen wie Sand am Meer, und die arbeiten alle für Firmen, die mit dem ORF Verträge haben. Und die sagen: ‚Okay, deine Gage ist von 300 Euro am Tag bis 400 Euro am Tag.‘ Und du drehst ‚Zeit im Bild‘, oder je nachdem, wo du da halt hineinkommst. Ja, und beim Spielfilm, dadurch dass ein Spielfilm acht Wochen gedreht wird, werden dort die Leute meistens angestellt, in der Spielfilmbranche.

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