„Ich werd ums Verrecken nicht krank … obwohl es zum Teil nicht mehr angenehm ist.“

In der Architekturbranche ist hohe Arbeitsintensität ebenso weit verbreitet wie eine starke Identifikation mit der beruflichen Tätigkeit. Private Freizeit und Ausgleich fallen dagegen in der Regel eher spärlich aus bzw. vermischen sich stark mit der Berufsdimension. Ständige Anspannung und ein permanentes „schlechtes Gewissen“ können gesundheitliche Belastungen (Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Sehschäden, Depression) zur Folge haben. Die folgenden Interviewabschnitte, die einem Interview mit einer etwa 40-jährigen Architektin entnommenen wurden, die als selbständige Handelsvertreterin Fertigteilhäuser verkauft, verdeutlichen diese Zusammenhänge und zeigen außerdem, wie die Befragte trotz empfundener Erschöpfung „Warnsignale“ ignoriert.

Beschreiben Sie mir doch bitte einen typischen Arbeitstag.

„Also ich stehe mal auf, um sieben. Und fange im Standard zwischen acht und halb neun an. Werf den Computer an und geh mal durch die Mails. Und dann schaue ich, dass ich bis halb zehn, zehn mich außer Haus begeben könnte. Dann mache ich mich auf den Weg ins Musterhaus [Anm: wohin die Kunden kommen] oder in die Zentrale, oder habe einen Termin. Ich schaue, dass ich mir die Kontinuität behalte, dass ich wenigstens von acht bis halb zehn, zehn einen Fixpunkt habe in meiner Struktur, dass ich mir das relativ kontinuierlich halten kann. Und dann gibt es entweder Termine oder ich bin im Musterhaus oder in der Zentrale und dort bin ich dann bis fünf, wenn es danach einen Termin gibt. Oder bis um 18 Uhr, wenn das Musterhaus zusperrt, wo ich dann sowieso meistens noch bis um 19 Uhr bleibe und in Ruhe Sachen fertig mache oder zusammenräume. Und oft gibt es dann abends Beratungs- oder Präsentationstermine. Weil Menschen einfach nach dem Office erst Zeit für mich haben. Das heißt, mein Tag fängt an zwischen acht und halb neun und endet durchaus zwischen 19 und 20 Uhr und dass sind fünf bis sechs Tage in der Woche. Weil seit Wochen versuch ich mir den Samstag frei zu halten, aber ich mein… der ist halt beliebt.“ 

Sie haben drei Arbeitsorte? Das Musterhaus, die Firma und bei Ihnen zuhause?

„Ja, drei Arbeitsorte und das Auto ist der vierte. Der Vorteil ist sicher, dass es nicht langweilig wird. Der Nachteil ist, dass ich Tonnen an Material mitschleppe. Ich habe wahrscheinlich auch ein persönliches Problem, dass ich das Gefühl habe, ich muss permanent immer alles zur Verfügung haben. Weil nichts ist blöder, als wenn der Kunde anruft und ich sagen muss: ‚Ich hab’s nicht da‘. Auf der anderen Seite kann man das durchaus auch in einen Vorteil umdrehen und sagen: ‚Ich ruf Sie an, machen wir uns was aus‘, weil dann kann man den Zeitpunkt selber wählen. Und ich bin da zurzeit gerade auch in einer Modifikationsphase, wo ich mir selber bewusst werden muss, dass ich der Regisseur dessen bin. 

Um gegenüber Kunden nicht ausgeliefert zu sein?

„Ich bin nicht ausgeliefert, der Fremdbestimmtheit. Insofern hat es für mich jetzt einmal den Nachteil, dass ich sehr unregelmäßig arbeiten muss. Ich hab Stöße von Dingen und kann die nie liegen lassen. Verschiedene Dinge, ich will jetzt nicht sagen, erledigen sich durch liegen bleiben, aber sie kristallisieren eine Struktur heraus, wenn sie sich eine Zeit setzen können. Meine Sachen können sich nie setzen. Und deswegen schäumt das alles permanent. Und das ist ein Zustand, unter dem ich auch ein bisschen leide. Es schäumt alles ein bisschen. Es kann kaum etwas zur Ruhe kommen, ähnlich wie auch ich. Das wird einfach anstrengend. Und ist sicher auch nicht wirklich effizient. Und oft muss man auch mal sitzen, an so einem Tisch, und sagen: ‚Okay, ich fang an im Nordwesten und arbeite mich bis in den Südwesten durch und den Westen vergess ich heute.‘ Und das geht einfach nicht. Da geht natürlich auch viel Information verloren. Weil ich die Sachen ja immer in einer anderen Reihenfolge, meistens relativ schnell wieder einpacke. Ich find ja den Zettel höchstens noch zufällig. Und das erfordert wieder eine Zusatzdisziplin, die wieder Energieaufwand bedeutet, das ist einfach das Problem, das ich momentan ganz stark habe. Weils schwer zu handhaben ist und ich auch nichts delegieren kann.“

Wie oft passiert es, dass Sie am Wochenende arbeiten? Samstags oft, sonntags auch?

„Oft. Den Sonntag versuch ich mir frei zu halten.“

Und Samstag möchten Sie?

„Möchte ich mir auch gern öfter frei halten, weil ein Tag einfach nicht genug ist. Aber den versuche ich mir, wenn es geht, nicht ganz zu verpflastern oder es zu kombinieren. Ja. Ein paar Stunden hier und den Rest dann einfach frei zu haben. Wobei ich das auch unter Gänsefüßchen setze. Weil wenn ich zum Grillen bei Kunden eingeladen bin, ist es ein privater Termin, aber man redet ja trotzdem über das Haus. Und ich kann es auch nicht wirklich lassen, dann wird es letzten Endes auch eine Job-Sache. Ja, ich würd jetzt mal sagen, fünfeinhalb Tage im Schnitt wird gearbeitet in der Woche.“

Sie sind also rund um die Uhr erreichbar?

„An sich ja. Ich vertraue auf…“

Fünfeinhalb Tage, okay. Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie Ihren Kunden ihre Telefonnummer geben.

„Das muss ich. Ja, natürlich. Das ist meine Kontaktmöglichkeit. Sonst landen sie nur in der Firma, wo ich selten bin.“

Passiert es dann auch oft, dass Sie um neun, zehn am Abend noch angerufen werden?

„Nein, eigentlich nicht. Das wundert mich. Offensichtlich schaff ich es dann doch, einen Bannkreis zu ziehen sozusagen, der eigentlich nicht überschritten wird. Ja. Wenn nach acht das Handy läutet, dann ist es entweder eine berufliche Katastrophe, und dafür steht es durchaus zur Verfügung, oder es ist privat. Das funktioniert eigentlich sehr gut.“ 

Zum Punkt Urlaub…

„Urlaub, was? (lacht) Ich hasse Urlaub. Ich war im letzten Jahr zwei Wochen weg, das war eigentlich mein Drei-Jahres-Urlaub. Eine Woche war ich auf einer Malerei-Sommerakademie, da hab ich wieder produziert und wieder gelernt. Und die zweite Woche war ich, weil es mir nicht gut gegangen ist, in Budapest und habe gezeichnet und geschrieben.

Aber sonst mögen Sie Urlaub nicht – oder mögen Sie „nur“ das Nichtstun nicht?

„Also ich hasse Strandliegen, ich hasse erzwungenes Nichtstun, ich hasse Radio Holiday. Ich mache das ja alles gern, was ich mache. Das ist ja das Problem. Ich mache das ja alles verflixt gerne. Und am liebsten hab ich Ortsveränderungen mit reduzierter Verpflichtung, wo auch ein bisschen was rausschaut. Gar nicht mal unbedingt nur wirtschaftlich. Sondern: ‚Wir möchten gerne den Schuppen ausbauen‘, oder: ‚Wir möchten gern aufstocken. Komm zu uns, Du kannst ein paar Tage bei uns wohnen, machst einen kleinen Urlaub, und überlegen wir uns was.‘ Solche Sachen. Oder die Seminare, wo ich ein Wochenende verbringe und es natürlich einen Stundenplan gibt. Ein Seminar ist wahnsinnig anstrengend, aber es gibt eine Ortsveränderung. Und sich nicht um den Haushalt kümmern zu müssen. Ich bin zwar alleine, aber ich hab trotzdem einen. 

Verstehe. Also wenn Urlaub, dann Aktivurlaub?

Für mich ist Urlaub in erster Linie geistige Veränderung, neue Sachen anschauen, Ortsveränderung, neue Leute, andere Umstände, andere Zeitstrukturen, andere Währung. Das ist für mich Urlaub. Ich bin mir sicher, wenn ich eine Woche in die Steiermark fahre, länger halt ich es eh nicht aus, dann habe ich mit: Sicher ein Musikinstrument, jedenfalls das Notebook und das Handy. Und wenn ich wirklich nichts hören will, dann drehe ich es ab. Aber wenn ich es aufgedreht hab, dann bin ich auch erreichbar. Und das ist es. Ich mach das ja gern. Ich muss mich ja nicht von etwas erholen, wo ich mir ‚endlich Freitag‘ sage.“

Aber für wie viele Wochen machen Sie dann diesen Urlaub, der nebenbei auch Arbeit oder sehr erfüllt ist?

„Nicht viel mehr als zwei Wochen im Jahr.“

… und Erholung spielt sich sonst eher am Sonntag ab?

„Oder bei sehr angenehmen Dingen. Ich bin offensichtlich sehr begünstigt. Ich führe das auch darauf zurück, dass ich im Grunde das mache, was ich will. Ich brauche relativ wenig… Ich regeneriere relativ schnell. Und ich bin durchaus robust, was Belastbarkeit und Gesundheit betrifft. Zwei Wochen Ortsveränderung, oder wenn zwischendurch Seminare sind, wird’s möglicherweise mehr. Aber die fünf Wochen mag ich eigentlich gar nicht.“

Glauben Sie, dass Ihre Arbeitszeit vergleichbar ist mit der von Ihren Kollegen, Kolleginnen?

„Definitiv. Ich mache weniger Relaxing als der Schnitt. Absolut.“

Die sind da viel strikter?

„Die sind strikter. Die haben auch nicht so dicht zu tun und so unterschiedlich. Die zweite Architektin, die ist angestellt, die hat eine Tochter und ist völlig anders gebaut als ich. Die macht ihre fünf Wochen und hält sich auch, soweit sie kann, die Wochenenden frei. Und die anderen schauen sicher, dass sie auf ein bisschen mehr Urlaub kommen und fahren ans Meer. Oder machen einfach Freizeit. Viel mehr als ich, glaube ich. Weil ich auch meine berufliche Existenz, nicht a priori als etwas sehe, wovon ich mich erholen müsste. Sonst könnte ich es wahrscheinlich auch nicht machen.“ 

Sie haben jetzt schon ein paar Mal angesprochen, dass Sie bei Kunden zum Grillen gehen oder bei Privatem ein kleines Geschäftsgespräch rausschaut. Welchen Stellenwert hat denn das Privatleben im Verhältnis zum Erwerbsleben?

„Sehr wenig, eigentlich. Leider. Ich würd sagen … na ja, sehr wenig. Gute Güte. Ist jetzt natürlich auch nicht einfach. Private Aktivität, wo ich nicht einfach nur ferngesteuert vor der Glotze sitze und einfach nicht arbeite, sondern wo ich sage: ‚Geh, ich komm zu dir, machen wir etwas Lustiges. Machen wir einen Ausflug.‘ Vielleicht 20 Prozent … indem ich jetzt Single bin, und so wie ich mir das anschaue, auch noch länger bleiben werde. Weil da einfach wenig Platz ist, oder ich wenig Platz einräume, oder ich möglicherweise die Prioritäten selber so lege. Ich sage jetzt mal 20%. Ich verbring schon 80% der aktiven Zeit mit Arbeit. Doch, ja. Mit irgendetwas, was damit zu tun hat.“ 

Sie haben bisher zweimal gesagt, Sie hätten eine recht gute Statur, Sie wären sehr robust…

„Ich bin robust.“

Also das Privatleben ist so eine Restlebenszeit?

„Ja, genau. Es kriegt das, was überbleibt, sagen wir so. Ja, stimmt.“ 

Ist das frei gewählt, oder doch irgendwie von Umständen aufgezwungen?

„Das ist… Also ich krieg momentan das Gefühl, dass es verstärkt von Umständen aufgezwungen ist. Ich hätte zurzeit das Bedürfnis, es anders zu machen. Ich würde gerne etwas ändern. Ich würde mich wirklich gerne ein paar Tage hintereinander um achtzehn Uhr aus der beruflichen Position hinaus begeben in eine, sag ich jetzt einmal, genießbare private Situation. Nicht nur so einen Rest, sondern wirklich zu sagen: ‚Ich sperr um sechs zu und dann gehört das mir.‘ 

Welche Situation gibt es da noch, in denen Ihnen das auffällt, dass es so schwer ist, die Verknüpfung oder Trennung von Beruf und Privatleben? Oder ist das ein allgemeines Gefühl?

„Es ist einerseits natürlich auch ein allgemeines Gefühl, weil das auch zum Teil, glaub ich, auch eine Funktion einer bereits beginnenden Erschöpfung ist. Ja. Ich geb unumwunden zu: Ich bin mördermüde. Ich merk auch an meiner … punktweise an meiner Konzentrationsfähigkeit, dass ich urlaubsreif bin. Wobei ich Urlaub ja nicht machen will. (lacht) Also der Konflikt spielt sich für mich wirklich am Wochenende ab, an den Samstagen, die sind für mich… Weil ich gern einfach wieder zwei Tage hätte, wo ich kein schlechtes Gewissen haben muss, dass ich nicht irgendwo auf der Matte stehe. Ich habe das schlechte Gewissen im Prinzip gepachtet. Ich habe relativ leicht das Gefühl, dass ich was tue, was ich nicht tun sollte. Das ist eigentlich ein Standard-Zustand. Hält einen auch aufrecht. Es ist ein Korsett, irgendwo… Erleichtert das Stehenbleiben (lacht). Aber ich denke mir, momentan hätte ich es gerne anders.“ 

Wenn man so freischaffend und vielfältig ist wie Sie, ist das einfach so, dass man Abstriche bei dieser Vereinbarkeit machen muss?

„Es ist eine Entscheidung, die man treffen muss. Für mich ist es einfach schwierig, die Arbeit vom Leben zu trennen. Ja. Für mich ist einfach schwierig, zu sagen: Wenn ich mit der Arbeit aufhöre, dann fange ich mit dem Leben an. Und das ist eine Frage der Definition, was für einen das Leben ist. Ob man arbeitet um zu leben, oder lebt um zu arbeiten. Ich glaube, ich kann es nicht sagen. Ich kann es wirklich nicht sagen.“ 

… und auf der anderen Seite, sind Sie müde und urlaubsreif.

Es stimmt auch beides. Es ist punktweise. Ich habe eine gute, robuste Natur und ich werde auch ganz schwer krank. Ich werde leicht krank, wenn ich es verwende, nicht bewusst, aber dann verschaffe ich mir Ruhe. Und ich glaube nicht, dass ich kurz vor einer Krankheit stehe. Ich glaube aber, dass ich abbaue und merke, dass ich mich sukzessive in den Bereich der Reserve begebe oder eh schon drinnen bin. 

Haben Sie da irgendwelche Strategien dagegen?

Ich versuche, mich einzubremsen. Ja. Das ist es ja, ich merke das jetzt erst in der Reflexion. Ich habe eine Instanz, die auch mit meiner Robustheit zu tun hat. Erstens mal liebe ich das ja, was ich mache. Was man liebt, hält einen gesund, das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, dass es einfach Abnützungserscheinungen gibt und irgendwann ist der Tank leer. Und da gibt es eine Instanz, die sich zum Teil auch verselbstständigt, immer wieder. Ich merk das erst im Nachhinein, dass Dinge einfach wo anders reguliert werden und auf das kann ich durchaus vertrauen, und tue das auch und reize das dann auch aus. Ich weiß, die machen das schon, irgendwo in der Thymusdrüse, keine Ahnung wo. (lacht) Im Mittelhirn oder so, da regelt man das schon. Keinem Marathonläufer geht es über die ganzen 42 Kilometer gut. Genauso ist das. Das ist Teil der Sache, dass es da Hänger gibt. Dass es Abnutzungserscheinungen gibt. Ich sehe das relativ undramatisch, solang es nicht wirklich in eine ernsthafte Erschöpfungsdepression führt, wo ich auch schon war. Und so lange es nicht ernsthafte gesundheitliche… oder Anfälligkeit gibt. Ich werd ums Verrecken nicht krank. Das kann ich noch wegstecken. Obwohl es zum Teil nicht mehr wirklich angenehm ist.

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