Grafikarbeit als dumme Arbeit, weil es um nichts geht

Viele der Befragten, auffällig oft aus den Bereichen Film und Design, sprechen die schwierige Vereinbarkeit eigener kreativer Ansprüche und ökonomischer Notwendigkeiten an. Aufträge werden „gegen besseres Wissen“ zur eigenen finanziellen Absicherung durchgeführt, ohne sich mit dem Produkt oder der Arbeit daran identifizieren zu können. Dieser Konflikt spielt in vielen Fällen eine wichtige Rolle, gerade auch deswegen, weil in den genannten Branchen ein hoher Arbeitseinsatz bei gleichzeitig eher geringer Entlohnung üblich ist, was auf hohe persönliche Motivation und eigenes Interesse am Umsetzen von Ideen der dort Tätigen hinweist. Insofern ist das Ausführen „notwendiger“, aber nicht interessanter Tätigkeiten eine Problemstellung, die vielen geläufig ist.

Hast Du selber das Gefühl, dass Du ganz gut unterwegs bist in dem Bereich?

„Im Moment hab ich das Gefühl, dass ich überhaupt gut unterwegs bin. Weil mein größtes Problem war immer diese so genannte Unsicherheit: ‚Wo kommt der nächste Auftrag her?‘ Und ich hab oft Zeiten gehabt, da hatte ich keinen Auftrag und auch keinen in Aussicht, das ist dann ziemlich schwer, nicht den Mut zu verlieren. Aber jetzt ist die Situation so, dass ich schon ziemlich viel im Voraus von Aufträgen weiß, die ich haben werde. Ja, da gibt es halt dieses Problem nicht, dass ich nicht weiß, wo der nächste Auftrag herkommt. Womit man dann zu kämpfen hat, ist, dass man den Hunger verliert. Also was Neues zu machen, was Neues zu lernen, oder sich um was Neues zu kümmern. Und dann mit 40 aufgehört haben, was anderes anzufangen.“

Siehst Du das so vor dir?

„Ich weiß nicht, zum Beispiel mit meinem Ex-Kollegen rede ich schon sicher seit vier Jahren davon, dass wir einfach etwas anderes machen möchten.“

Ganz außerhalb des kreativen Bereiches?

„Ja, also Geld verdienen mit etwas anderem. Kreativ sein ist schon gut, aber es ist einfach eine saublöde Arbeit.“

Weil?

"Na ja, ich weiß nicht, es ist einfach eine dumme Arbeit. Es gibt mir..."

Das ist ja nicht unbedingt das Bild, das zusammen passt. Also kreativ und dumm. Da sagt man ja, es ist eine hochwertige…

„Okay, aber diese Grafikarbeit ist einfach eine dumme Arbeit, weil es um nichts geht, und im Allgemeinen viel zu wichtig genommen wird, ständig. In den meisten Fällen geht es um einfach gar nichts und in den anderen Fällen wird gelogen. Damit das zum Beispiel besser verkauft wird, oder irgendwas besser ausschaut, was innen drin fürchterlich hässlich ist. Und es ist ganz schwer, etwas zu finden, wo das nicht mitspielt. Ja. Und sich ständig dann mit Oberflächen zu beschäftigen, ist ein bisschen frustrierend. Also es geht nie um Inhalte, es geht immer um irgendeinen Glanz und meistens glänzt es alles nicht von alleine, sondern man muss da unglaublich nachhelfen. 

Ganz schön selbstkritisch.

„Ja, früher habe ich mir ein bisschen schwer getan, und heute sehe ich es… Ja, es ist halt meine Arbeit, die ich mache, weil ich ja auch Geld brauche. Ich arbeite jetzt auch für Geld, sehr bewusst. Früher hab ich das auch abgelehnt, da hab ich nie geschaut, ob ich das mache. Früher hab ich immer geschaut, ob ich es machen will, es war mir egal, ob ich dafür Geld kriege oder nicht. Und jetzt mache ich auch das, was ich zum Beispiel gar nicht machen möchte, aber es macht mir dann nichts aus. Ich denk mir dann halt auch, ganz viele Leute müssen Dinge machen, die sie nicht machen wollen. Oder manche Leute würden gerne Dinge machen, die sie nicht machen wollen und können nicht, weil sie keiner darum gefragt hat. Trotzdem bin ich zufrieden, aber ich spüre diesen Bedarf, in dieser Branche, oder in diesem Beruf, nicht alt zu werden. Ich würde mich gerne früher oder später mit etwas ganz anderem beschäftigen. Natürlich, davor möchte ich noch irgendwas erreichen, ohne blöd meine Stunden abzuarbeiten.“

Was wäre dann für Dich erfolgreich zu sein, oder zu reüssieren, oder was ist Karriere in dem Bereich für Dich? Das, was Du erreichen möchtest?

„Ja, schon etwas machen, zum Beispiel etwas, das vorher noch niemand gemacht hat, oder das so wirkt, als ob es vorher noch niemand gemacht hat. Oder etwas, das Aufmerksamkeit erregt. Also schon etwas, das bekannt macht. Was ich vorher aufgezählt habe, was mir gar nicht gefällt …. ist trotzdem schon der Reiz, irgendetwas so hin zu stellen, dass es plötzlich auffällt. Ein schlechtes Produkt besser zu machen, irgendetwas zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Wenn man das schafft, dann ist es auch etwas Schönes.“

Das heißt, es gibt manchmal Dinge, die Du aus der Hand gibst und die für Dich dann scheinbar passen, aber in Wirklichkeit, im Inneren, bist Du damit nicht zufrieden?

„Ja, ich hab das jetzt ein paar Mal gehabt in letzter Zeit, dass ich für Sachen Geld bekommen habe, die mir aber nicht gefallen haben, aber dafür dem Auftraggeber. Ich mag diese Situation einfach nicht, aber ich mag natürlich das Geld bekommen. Also sozusagen, ein Projekt anzunehmen, zum Beispiel, wenn man das dann umsetzt, kann man ja beim Umsetzen immer noch kreativ sein, so gut es halt geht. Aber ich habe jetzt vor lauter Pragmatismus Sachen angenommen, die hätte ich einfach nicht annehmen sollen, weil es niemandem was gebracht hat. Mir nicht und dem Auftraggeber nicht.“

Es hat nichts gebracht? Es war quasi das Geld nicht wert, im wahrsten Sinne?

„Konkret hab ich für ein Ministerium einen Auftrag angenommen, wo ich im Vorhinein gewusst hab, ich mag die Leute nicht, ich mag das Thema nicht und was ich für die mache, hat überhaupt keinen Sinn, weil sie nur versuchen, verschleudertes Steuergeld irgendwie zu retten. Das war aber nicht mehr zu retten und es wurde dann auch nicht gerettet. Und ich hab mir im Vorhinein gedacht, dass es so wird. Und es ist so gekommen, und ich hab das aber nicht hören wollen, was ich mir gedacht habe. Und habe es trotzdem gemacht, weil ich mir gedacht hab: ‚Ja, das ist jetzt Geld und das mache ich, und es wird schon nicht so schlimm werden.“ Es ist schlimmer geworden als ich befürchtet habe. Dann ist es auch gut, Sachen abzulehnen, wenn es nicht geht.“

Kein Platz für Kreativität, weil schon so klar war, wo es hingehen soll?

„Ja, genau, und es war auch nicht durchführbar, technisch nicht möglich. So wie wenn man beauftragt wird, zehn Autos anzumalen und dann sind keine Autos da. Das war eine total verfahrene Situation.“ 

Du hast auch gesagt, Du hättest Supervisionsbedarf gehabt?

„Vielleicht das Schwierigste, was ich empfinde, am kreativ sein, ist die Trennung zwischen einem selbst und den Dingen, die man tut. Ich finde, dass es zu einem großen Teil ich selber bin und nicht das Stück Papier. Zum Beispiel hab ich oft nicht gewusst, wie ich mit bestimmten Kunden umgehen soll, nämlich nicht taktisch jetzt: ‚Wie krieg ich mehr Geld?‘ Sondern, wie bringe ich das überhaupt zu einem Ende, oder zu einem guten Ende, oder was mache ich, wenn mich was ärgert? Ist es das wert? Ich hab am Anfang alles sehr persönlich genommen und mittlerweile mache ich das nicht mehr. Weil ja, wenn den Leuten etwas nicht gefällt, was ich mache, dann heißt das ja nicht, dass sie mich nicht mögen. Und so hab ich das aber immer wahrgenommen. Also die haben mich abgelehnt, wenn sie einen Entwurf abgelehnt haben. Da war ich persönlich gekränkt, also da war dann überhaupt keine Trennung zwischen privat und Beruf, eher das Gegenteil. Wenn ich jemandem einen Zettel hingelegt habe, dann hab ich mich hingelegt. Und dann war ich dabei, wenn ich dann zerrissen worden bin, das war ganz… Also ich spür jetzt noch manchmal, wie mir das wehgetan hat, wenn ich heute in so eine Situation komme, es tut mir halt jetzt nicht mehr so weh.“ 

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