Gelassenheit, und wie man sie üben kann

Das Gespräch mit einem knapp über 40-jährigen Werbe- und Dokumentarfilmer dreht sich zunächst um die Frage nach Zeit für Erholung und insbesondere für Urlaub. Bei nicht wenigen Selbständigen trifft man hier auf einen wunden Punkt: Mangelnder Urlaub als Code für Zeitmangel ist oft ein Reizthema, z.B. dann, wenn die Befragten meinen, nicht länger als eine Woche abwesend sein zu können, weil sonst potentielle Aufträge verloren gehen könnten. Interessant an der nachfolgenden Passage ist, dass der Befragte eine ganz andere Position vertritt: Obwohl noch kein materieller Reichtum eingekehrt ist, will und/oder kann er es sich leisten, einmal im Jahr mit Partnerin und Tochter vier Wochen „am Stück“ auf Urlaub (mit Ortswechsel) zu gehen, wenn gleich in der geschäftlichen „Saure-Gurken-Zeit“, d.h. rund um die Weihnachtszeit. Und freilich wird gerade der Urlaub dafür benützt, viel Fachliteratur etc. zu verschlingen und ist das Notebook immer in Griffnähe. 

Ob sich Selbständige ohne Vertretungsperson Urlaub gönnen oder nicht, hängt, das ist die eigentliche Botschaft dieses Beispiels, nicht nur von den objektiven Bedingungen ab, die bekanntlich immer irgendwie schwierig sind, sondern darüber hinaus auch davon, ob man es sich selbst ohne Gewissensbisse zugestehen kann, auch einmal über längere Zeit nicht erreichbar zu sein. Die Tugend der Gelassenheit wäre hier das passende Stichwort, und die scheint nicht unbedingt von selbst zu entstehen. Der Gesprächspartner hat sich diese Kompetenz unter anderem über Meditationsübungen antrainiert.

Hast du Zeit für Urlaub?

„Mit dem Urlaub ist es easy, weil die Arbeit nicht unbedingt verlangt, dass ich dauernd Meetings habe, sondern dass man vieles telefonisch machen kann, viel auch über Mail. Und das heißt, dass ich ortsunabhängig bin; nicht nur Wien und XY, sondern auch Wien und Malta. Ich fliege mit meiner Familie einmal im Jahr im Winter einen Monat nach Malta. Da nehme ich ganz viel Arbeit mit. Ja, das geht, wenn man ein paar Tage vor Weihnachten wegfährt und ein paar Tage nach dem Dreikönigstag wieder kommt. Da geht man keinem Menschen ab (lacht), das sind insgesamt fast vier Wochen…“

Stimmt, in der Zeit tut sich berufsmäßig wirklich nix…

„Da wird abgeschlossen und so. Du nimmst die Arbeit mit, hast halt einen kleinen Bildschirm, da muss man damit auskommen, da arbeitet man ein paar Stunden am Tag; jetzt nicht sieben oder so, sondern zwei bis drei. Und die sind sehr konzentriert, da kann man viel weiterbringen. Da hat mir das Buch vom Timothy Paris sehr gut gefallen, das kann ich hundertprozentig unterschreiben, dass man in den kurzen Zeiten irrsinnig viel weiterbringt.“

Gibt’s noch andere Strategien für Auszeiten, die dann dennoch wieder mit Arbeit gemischt werden?

„Wenn ich in Zeitdruck war, bin ich oft acht Tage nach Barcelona in ein Hotelzimmer geflogen und habe es dort fertiggemacht. Da war es klar, dass mich die Leute nicht so erreichen können, da war ich quasi weg. Du hast die Familie nicht am Abend, bist sehr erholt und mit dem fertigen Projekt zurück gekommen.“

Liege ich richtig, dass dieses regelmäßige „Abstand-Nehmen“ wichtig für dich ist?

Ich glaube, man muss das körperlich-seelische Wohlfühlen pflegen, man muss den inneren Kompass eichen, um gute und richtige Entscheidungen zu treffen; gerade solche Entscheidungen, die geschäftlicher Natur sind.“ 

Wie machst du das? Gibt es irgendwelche Techniken dafür?

„Regelmäßige Meditation, leider nicht mehr täglich, vielleicht wird das wieder so. Aber mit [ca. dreijährigem] Kind ist es halt so, dass es sehr viele Ablenkungen gibt, dass das halt dann einfach eine zeitlang unruhiger ist. Das haben andere Eltern auch bestätigt, das kommt dann ab einem gewissen Alter wieder, dass man sich dann wieder mehr auf sich selbst bezieht und nicht nur aufs Kind. Da passieren dann die Sachen, dass man sich selbst spürt. Ich glaube, das ist wichtig, dass man Entscheidungen treffen kann, nicht nur aus logischen Gründen, die der Geist hervorbringt, sondern aus einem größeren Wissen oder Spüren, sage ich mal. Das sagen ja diese alten Philosophien alle, das Wissen von allem …da kann man ewig weiter philosophieren.“ 

Könnte man ewig weiter philosophieren, ja.

„Meine Erfahrung zeigt mir, dass ich bei wichtigen Entscheidungen darauf warte, ob es dieses Signal gibt, diesen inneren Impuls, der sagt: ‚Ja, das ist das Richtige‘. Und das stellt sich als sehr gut heraus, man landet dann bei Leuten, zu denen man gehört, weil das die gleiche Körpersprache oder eine ähnliche Art mit den Augen zu schauen ist. Da schwingt man auf derselben Welle, das führt zu einem Projekt, dass etwas beinhaltet, womit man etwas zu tun hat und man landet tendenziell weniger bei Leuten, die ganz anders drauf sind.“

D.h. du setzt dich hin und meditierst, und stellst Dir ein Projekt vor?

„So formal nicht, aber die Meditation ist dazu da, dieses Gefühl aufrecht zu halten…“

Um sensibel zu bleiben, um solche Impulse zu spüren?

„Ja, genau. Um zu wissen: ‚Spüre ich mich gerade usw.?‘ Und dann sind Entscheidungen oder wichtige Richtungen, die man einschlagen muss. Und man muss ja oder nein sagen, oder Dinge erfinden. Also entweder Entscheidungsfragen mit ja oder nein beantworten, oder überlegen, was ein Prozedere wäre, wie etwas funktionieren könnte. Solche Sachen passieren beim Auto fahren oder in der Badewanne…“

Bei den beiläufigen Tätigkeiten…

„Da fällt einem entweder etwas ein, was man wirklich will, der Impuls, oder du kommst auf die Idee, okay, das führt langfristig zu nichts…“

Ist die Meditation schon eine Art Erfolgsfaktor bei Dir?

„Man braucht schon das etwas Klügere, als das reine Denken, dieses ‚alles wissen‘, damit man weiter kommt; weil soviel aus dem Unterbewussten geschöpft wird. Rein mit dem logischen, muss ich ehrlich sagen, meiner Erfahrung nach geht das nicht. Durchs reine Planen kommt man nicht soweit.“ 

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