Firmenverkauf, Karenz, Wiedereinstieg, Neugründung

Karin, Anfang dreißig, ist bereits seit acht Jahren selbständig tätig und hat schon während des Studiums gemeinsam mit ihrem damaligen Freund und heutigem Ehemann eine PR- und Marketing-Agentur gegründet. Das Unternehmen entwickelte sich gut. Als Karin jedoch, mittlerweile dreifache Mutter, ihr zweites Kind bekam, verkaufte sie ihren Anteil an der Firma und beschloss, sich einige Jahre aus dem intensiven Berufsleben zurückzuziehen. Sie wollte während ihrer Karenzzeit keine Teilzeit-Firmenchefin sein. Ihr Mann stieg schon davor aus der gemeinsamen Firma aus und übernahm neue berufliche Aufgaben. Nach ihrer Entscheidung für den beruflichen Wiedereinstieg, der knapp zwei Jahre zurück liegt, hat Karin zunächst Subaufträge von ihrer eigenen ehemaligen Firma übernommen. Die neue Rollenstruktur funktionierte allerdings nicht ganz reibungslos, da sie nun nicht mehr als Chefin, sondern gleichsam als ausgelagerte Freelancerin agierte. Deshalb trennte sie sich vom einst gegründeten Unternehmen, pflegt dorthin aber nach wie vor freundschaftliche Kontakte. 

"Ich habe ja dann über ein Jahr frei dort gearbeitet. Und das ging schon einmal deshalb nicht so gut, weil die Rollenverteilung nicht mehr dieselbe war. Davor war ich genauso stimmberechtigt; das wurde mir auch nicht unbedingt weggenommen, aber man hat als Mitarbeitern eine andere Rolle im Vergleich zu einer Chefin sozusagen. Wir verstehen uns nach wie vor sehr gut, wir arbeiten nach wie vor lose zusammen, aber ich eben in einer anderen Firma.“ 

Deine Kunden hast du mitgenommen, oder ist das ohnehin alles sehr verflochten?

„Ich habe ihnen keinen einzigen Kunden weggenommen. Wir haben natürlich – über die Jahre hinweg – schon ganz gute Kontakte gehabt; es haben sich neue Dinge ergeben … halt so kleine Projektchen. Es ist nichts, wo ich einen Jahresvertrag hätte. Das ist mein Ziel: ein oder zwei Kunden, die mir einen Einjahres- oder Dreijahresvertrag unterschreiben. Das wäre das Schönste, das wäre gut für die Sicherheit, und auch um wachsen zu können…“

Das ist ja eigentlich ein toller Wiedereinstieg, nach weniger als zwei Jahren gleich wieder selbst volle Auslastung zu haben und auch noch eine Mitarbeiterin zu beschäftigen.

„Ja, man braucht Glück, Kontakte und Können – das ist schon auch wichtig … Derweil bin ich ganz zufrieden.“

Die Beteuerung, keinen einzigen Kunden aus ihrer alten Firma mitgenommen zu haben, hörte sich im Gespräch an wie ein Ehrenkodex. Dennoch blieb ihr ein Teil des Kundenstocks und auch das Peer-Netzwerk erhalten, weil die seinerzeitigen Kontaktpersonen Karin als Person in positiver Erinnerung behalten haben. Nach ihrer erneuten Unternehmensgründung im Marketingbereich hat sie bereits wieder genügend Aufträge, um sich selbst und eine freie Mitarbeiterin zu beschäftigen. Die Mitarbeiterin nimmt ihr das „Nachfassen“ von Presseaussendungen und administrative Tätigkeiten ab. Steuerberatung, Online-Programmierung, Grafik, Flyer, Druck werden ans existierende Berufs-Netzwerk ausgelagert. Trotz des gelungenen Wiedereinstiegs mit einer weiteren Firmengründung kämpft sie gelegentlich noch etwas mit der „Contenance“, wenn sie merkt, dass ihr altes Netzwerk von einem Kunden profitiert, wo sie auch gerne mitarbeiten würde; oder, wenn es sich um eine Kooperation handelt: gerne die zentrale Rolle übernehmen würde. 

„Aber das muss man in Kauf nehmen und fair bleiben, das ist mir wichtig, das ist dann auch klar, dass man etwas von dem Umsatz verliert. Natürlich denkt man sich, ‚ich habe den Kunden gebracht, ich habe die Idee entwickelt und mein Netzwerk arbeitet einfach nur ab, und dort ist dann das Geld.‘ Aber das würde ich nicht unbedingt als Nachteil bezeichnen, es ist eine andere Form der Zusammenarbeit. Man muss genau berechnen, man muss sehr genau sein, man muss die Leistungen der anderen berechnen, das muss auch sehr schnell gehen, da darf man nicht aneinander vorbei reden.“

Gibt es zwischen dir und den ehemaligen Partnern aus deiner alten Firma auch Rivalität? Oder überwiegt das Miteinander?

„Ja natürlich; es kommt natürlich auch vor, dass sie Kunden haben, die ich selbst gerne betreut hätte. Ich glaube einfach, wenn man vertrauensvoll miteinander agiert und arbeitet, dass das auch immer wieder zurückkommt; dass man sich auch gegenseitig darauf aufmerksam macht: ‚Pass auf, ich habe gehört, ein Etat ist frei; da wärst du geeignet‘.“

Karin arbeitet ausschließlich mit Bekannten zusammen, sie ist häufig auf Veranstaltungen diverser Kunden und Netzwerkpartner. Bei Entscheidungsprozessen ist ihr zufolge der Vertrauensfaktor maßgeblich, es läuft fast nichts mit Unterschrift oder Verträgen, sondern per Handschlag. Die meisten Leute kennt sie bereits lange, und wenn jemand Neuer ins Netzwerk kommt, vertraut sie auf ihr Bauchgefühl und auf die Empfehlungen aus dem Netzwerk. Angesprochen auf ihre Berufsziele, spielt für sie der Aufbau einer möglichst stabilen Kooperation mit mehreren Partnern für gemeinsame Projektabwicklungen eine wesentliche Rolle, z.B. im Rahmen einer neu zu gründenden GmbH. 

„Mein Berufsziel ist relativ einfach. Ich hätte gerne eine Ausfinanzierung, also relativ fixe Kunden, sodass ich ein monatliches Fixum habe, mit dem ich rechnen kann. Und dann hätte ich gerne, dass sich der Netzwerkgedanke etwas dichter manifestiert, so ein Netzwerk der besten Köpfe. Da sind wir mit manchen im Gespräch, dass das dann wirklich auf eine geschäftskörperliche Ebene abzustellen. Man wird sich dann überlegen, was man gründet, ob das eine GmbH ist oder nicht; und dort dann zu operieren, um an größere Kundenetats heranzukommen. Das gelingt mir natürlich nicht als Einzelunternehmen, den Leuten dann wirklich Full-Service anzubieten, aber jeder hat seine Bereiche.

Karin geht es also darum, einen Verbund von befreundeten Freiberuflern nicht nur zur Kooperation, sondern darüber hinaus in eine gemeinsame Rechtsform zu bringen, in der dann ein breiter gefächertes Repertoire an Kompetenzen vorhanden ist, ohne die Autonomie des Individuums allzu stark einzuschränken. Diese Form, gemeinsame Sache zu machen, erfreut sich im Übrigen in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. 

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