Filmwirtschaft: Pendeln zwischen Selbständigkeit und Unselbständigkeit

Ein als Cutter, Regisseur und Sounddesigner beschäftigter Familienvater beschreibt die unterschiedlichen Belastungen, aber auch die Vorteile seiner selbständigen und unselbständigen Tätigkeiten. Unterschiede treten vor allem bei den Arbeitszeiten auf: so kommen bei eigenen Projekten auch Wochen mit bis zu 70 Arbeitsstunden vor, bei unselbständigen Tätigkeiten lassen sich die Wochenarbeitszeiten hingegen besser begrenzen. Außerdem sei es bei eigenen Projekten nach Ende des Arbeitstages schwieriger, „den Kopf frei zu bekommen‘. Auch dadurch, dass die Arbeitszeit nicht von der Freizeit abgrenzbar ist und Arbeits- und Wohnort immer mehr ineinander über gehen, entstehen Probleme. Der Interviewpartner beschreibt auch die aus dem hohen Arbeitspensum resultierenden Konflikte innerhalb der Familie.

Ich weiß schon, es gibt wahrscheinlich in Ihrem Leben keinen typischen Arbeitstag, aber gibt es so ein paar typische Charakteristika, die Sie beschreiben können?

„Also letztes Jahr war es irgendwie heftig, dieses Jahr ist es besser. Also an den eigenen Filmen arbeitet man natürlich am meisten, da habe ich über mehrere Wochen sicher so 70-Stunden-Wochen gehabt. Und das hört halt dann auch nicht auf, wenn man sozusagen die Maschine abschaltet, also bei den eigenen Filmen arbeitet das ja dann weiter, im Kopf. Das kann wirklich familiäre Probleme nach sich ziehen. Gott sei Dank, ich habe das hingekriegt, aber ich habe da viele Auseinandersetzungen gehabt mit meiner Freundin. Die Familie hat das schon gespürt. So möchte ich es auch nicht mehr machen.“

Warum war das bei dem Projekt so?

„Es war halt ein Film, der sehr stark unter Zeitdruck entstanden ist. Fernsehen heißt immer auch, dass man sich eine Guillotine einkauft, die irgendwann einmal fällt, weil die einfach fixe Deadlines haben. Und da gibt es keine Würsteln, da muss der Film einfach fertig sein, da fährt die Eisenbahn drüber und das macht natürlich einen viel höheren Stressfaktor. Und da habe ich dann wirklich so Tage gehabt, wo man um sieben aufsteht, um acht sitzt man am Schneidetisch und eine kurze Mittagspause und das geht bis acht und dann ist man eh fix und fertig. Dann ist man aber im Kopf immer noch in dem drinnen und denkt schon daran, was eigentlich noch alles zu tun ist und wo es da noch krankt und so weiter.“

Und was für Konflikte gibt es da? Wie gelingt es, mit so etwas umzugehen?

„Ja, das gelingt gar nicht so leicht, weil ich mir oft denke, ich muss mehr arbeiten. Weil durch Familie und Kinder ist es halt oft so, dass ich mich dann halt hinsetze und denke: ‚Wie viel habe ich die Woche wirklich konkret?‘ Also ich bin da manchmal ein bisschen ungeduldig und mir geht es zu langsam. Es gibt natürlich auch immer wieder Anlass zu Diskussionen und Neukalibrierungen der einzelnen Arbeitsvorgänge, die man hat, dass ich sage: ‚Ich muss da noch‘, dann sagt meine Freundin: ‚Du musst halt schon um acht Uhr anfangen‘, dann sag ich: ‚Aber ich kann nicht um acht Uhr anfangen‘, weil da ist unser Kind oft noch nicht einmal aus dem Haus. Und ich möchte aber auch keinen Superstress in der Früh machen. 

Kleine Kinder verlangen ihre Rechte, ja.

„Oder dann ist es, dass wir in der Nacht jetzt heraus müssen, weil der Kleine schreit und dann kann ich nicht um sieben Uhr aufstehen und ich schlafe dann oft lange. Also da gibt es halt dann so Grauzonen. Und genau in den Grauzonen sind auch die Konflikte. Weil das sozusagen die undefinierten, wie sagt man denn da, die Pufferzonen sind, wo es Reibereien gibt. Aber abends arbeiten, das ist eigentlich nicht lustig. Also, wenn ich jetzt sage, es gibt negative Dinge in meiner momentanen beruflichen Tätigkeit, dann ist das etwas, was mir schon schwer fällt, weil ich am Abend einfach müde bin.“

Und bei unselbständiger Arbeit ist das anders?

„Ah, ja. Wenn man an einem Projekt arbeitet, dann gibt es innerhalb dieses Projekts so eine Kontinuität und ein Pensum, das einfach zu machen ist. Der unselbstständige Arbeitstag, da bin ich sozusagen als Cutter angestellt, wo es Deadlines gibt für einen Film, die dann eh meistens nie eingehalten werden, wo im Vertrag steht: zehn Wochen Schnitt, 60 Stundenwoche. Das gibt es in der Filmbranche noch sehr oft. Das ist auch kollektivvertraglich so geregelt. Da ist man dann 60 Stunden verpflichtet pro Woche. Es gibt Menschen, die arbeiten wirklich diese 60 Stunden. Es gibt Menschen, so wie mich, die das einfach nicht schaffen, wo ich sage, ‚Ich kann das nicht. Wie soll sich das ausgehen?‘ Das muss ich dann aber später herein arbeiten und wenn das herein gearbeitet ist, dann stellt man fest, der Film ist immer noch nicht fertig, weil diese Schnittzeiten eigentlich immer viel zu kurz kalkuliert sind. Das ist das, was ich den Produzenten seit Jahren sage. Ein Film mit 60 Stunden Rohmaterial und schwierigem, kompliziertem Konzept lässt sich nicht in zehn Wochen schneiden.

Wie reagieren die dann?

„Schauen wir mal, heißt es dann. Und das ‚schauen wir mal‘ endet dann meistens so, dass man dann nicht mehr angestellt ist. Also sagen wir mal, ich habe jetzt alle meine Stunden gearbeitet, überlang schon, da bin ich dann natürlich einfach in der Zeit danach auch nicht mehr versichert, logischerweise, oder musste mich dann wieder selber versichern. Und dann geht es halt so weiter, dass der Produzent zu mir sagt: ‚Na ja, wie lang werdet ihr denn noch brauchen?‘ Dann sage ich: ‚Na ja, vier Wochen müssen wir schon noch arbeiten‘. Dann er: ‚Okay, das ist drinnen, das Geld haben wir noch, aber ich kann dich nicht mehr anstellen‘.“

Und das kriegt man dann auf Werkvertrag, oder wie?

„Da macht man dann einen Werkvertrag. Und das sind diese typischen Mischgeschichten. Wodurch das natürlich steuerlich bei mir kompliziert wird. Meine Steuererklärung ist immer eine Mischkulanz aus unselbständigem und selbstständigem Einkommen.“

Und die Sachen gehen dann auch ins Wochenende, wenn Sie da was herein arbeiten?

„Da kann es schon mal sein, dass dann das eine oder andere Wochenende draufgeht. Oder zumindest ein Wochenende draufgeht. Die Arbeitszeit, auf die ich bestehe, ist die, dass ich meine Wochenenden haben will. Also das verstehen meine Arbeitgeber meistens auch. Jetzt ist es so, dass ich sehr viel zuhause arbeite, weil ich mittlerweile halt meinen Schnittplatz zuhause habe. Das fängt so an, dass ich meistens meine Tochter in den Kindergarten bringe, was weiß ich, um acht oder so, also das Aufstehen ist so zirka sieben, um acht, halb neun ist Kindergarten. Dann setz ich mich hin, um halb zehn sitze ich dann eigentlich so wirklich.“

Und wenn Sie jetzt unselbstständig schneiden, das machen Sie dann nicht zuhause, oder schon?

„Eher nicht. Wobei es da jetzt mittlerweile auch schon Mischungen gibt. Es ist im Prinzip alles auf einer Festplatte drauf. Wenn ich sage, ich möchte heute nicht hineingehen, dann nehme ich mir die Festplatte mit heim und arbeite dort daran.“

Sie haben zuerst einmal gesagt, Sie arbeiten, wenn es dann hart hergeht, 70 Stunden in der Woche. Wie ist das sonst so? Das scheint die Spitze zu sein

„Ja, es gibt Spitzen. Normalerweise schaue ich, dass ich auf eine 40 bis 45 Stunden Woche komme.“

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