ZIA – Zentrale Intelligenz Agentur, Berlin

Ansprechperson:
Holm Friebe
Beteiligt:
ca. 10
Typus:
Netzwerke
Branche:
Sonstiges
Ort:
Berlin
Recherche:
2009
Durchführung:
Bastian Lange

Weblog Riesenmaschine als „Suchrüssel“

Die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) ist ein Netzwerk von Schriftstellern, Journalisten, Web-Designern, also von im weitesten Sinne im kreativen Bereich tätigen Menschen. Der Schwerpunkt der ZIA ist Berlin, ihre Mitglieder leben aber auch in anderen Teilen Deutschlands und der Welt. Der Name parodiert den Auslandsgeheimdienst der USA, die Central Intelligence Agency. In den Jahren seit ihrer Gründung hat die ZIA als Agentur für Text und Webdesign, aber auch als Organisator von Kulturveranstaltungen gewirkt. Bekannt wurde die ZIA unter anderem mit dem Buch-Bestseller „Wir nennen es Arbeit“ (http://wirnennenesarbeit.de/).

Zur Entstehung: „Die ZIA ist seit ihrer Gründung im Jahr 2001 amöbenartig organisiert, mit unklaren Außengrenzen und verschiedenen Intensitäten, mit denen man dran beteiligt sein kann. Am Anfang war es ein loser Stammtisch, mit einem sehr wolkigen Geschäftsmodell, das sich um die Zweitverwertung journalistischer Inhalte drehte. Daraus ist im Lauf der Zeit durch verschiedene Häutungsstadien eine Struktur gewachsen, die sphärenhaft organisiert ist“ (Friebe 2009).

Lose Koppelungen zwischen den Mitgliedern dieses Netzwerkes stellen also ein wesentliches Merkmal der ZIA dar. Ebenso deutet sich in der Begrifflichkeit ein gemeinsamer Wesenskern an, der sich durch „Unbestimmtheit“ sowie „eigene Regeln“ ausdrückt und somit auf eine gemeinsam getragene innere Verbindung hinweist. Ironie und Subversion sind Mittel und Ausdrucksgestalten, mit denen einerseits Distanz zu etablierten Interaktionsmodellen („Geschäftsmodell“) hergestellt wird, wie andererseits Spielräume ausgemessen werden, auf die sich eine Kern-Community von Mitwirkenden verständigt. Dies zeigt sich auch in der Beschreibung der Organisationsstruktur und der Frage, wie Mitgliedschaft in einem losen Netzwerk definiert wird.

Organisationsstruktur

Das Kernteam der ZIA besteht aus ehemaligen Fanzine-Machern, Übersetzern, Internetkolumnisten, Kulturwissenschaftlern, Grafikdesignern und Journalisten. Hervorragend ausgebildete Hochschulabsolventen, die laut der Berliner Bohemeband „Britta“ bis zum Hals mit Arbeit eingedeckt sind, die es gar nicht zu geben scheint, die paradoxerweise gleichwohl nachgefragt werden. Um die Kerngruppe der „Agenten“ (Friebe), die den Nukleus dieses netwerkartigen Geschäftsmodells ausmachen, formiert sich ein weiteres loses Netzwerk von Personen, die als „Informelle Mitarbeiter“, sog. „IM“ (Friebe), angesprochen werden. 

Frage: Was sind „Informelle Mitarbeiter“?
Friebe: „Agenten sind diejenigen mit vollem Mitsprache- und Entscheidungsrecht, die auch die Firmen-E-Mail-Adresse verwenden dürfen. Das ist immer das entscheidende Kriterium, d.h. aber auch, dass sie Verantwortung übernehmen und eigene Projekte machen dürfen. Die ZIA verfügt über eine lose Wolke von inoffiziellen Mitarbeitern, die bei einzelnen Projekten mitmachen, aber wenn es ein ZIA-Projekt ist, muss immer auch ein Agent beteiligt sein. Im Laufe der Zeit hat sich dann als Ausstülpung die „Riesenmaschine“ abgekoppelt, die eine eigene rechtliche Einheit darstellt, was den Grund hat, dass dort einfach andere Leute beteiligt sind und es andere Risiken gibt, die auch dem Verantwortlichen zugewiesen werden sollen. Aber so ist das ganze tatsächlich wabernd im Fluss, und wir arbeiten auch nach wie vor an der Organisationsform und an dem Versuch, das Ganze einzupassen in die vorhandenen Gefäße – die deprimierend wenigen, die das Bürgerliche Gesetzbuch und das Handelsgesetz dafür zur Verfügung stellt“.

Klassische Angestelltenkonzepte, resp. der dabei formulierten Arbeitsanweisungen und Verpflichtungen, die Einschluss und Ausschluss innerhalb eines Unternehmens regeln, werden von Friebe als wenig passend beschrieben. Es zeigt sich, dass angesichts von „deprimierend“ wenigen Organisationsformen, mit denen man ggf. eine Alternative zum rigiden Angestelltenverhältnis formulieren könnte, die Mitgliedschaft in der ZIA nicht auf Willkür und purer Selbstorganisation beruht; vielmehr existieren sehr klare und harte Regeln, die die Zugehörigkeit zur ZIA lenken. Die Verwendung der E-Mail-Adresse stellt dabei aus der Sicht des IM/Freien Mitarbeiters die „vertragliche Grundlage“ dar – gewissermaßen ein Kontrakt –, auf der Zuständigkeiten, Erwartungen und Verfahrensweisen geregelt werden. 

Das Netzwerk der ZIA ist des Weiteren durch eine klare Dreiteilung bestimmt: Agenten, IMs sowie „Senior Consultants“. Laut Friebe sind letztere Mitglieder, die „auch schon eine gewisse Seniorität mitbringen und von denen wir finden, dass sie einen heilsamen Einfluss haben können. Die werden aber nur angerufen in Streitfällen, in Schlichtungsfällen oder in grundsätzlichen Richtungsfragen“.

Die Effekte dieser Organisationsstruktur zeichnen sich durch ein hohes Maß an Selbstverantwortung, struktureller Unabhängigkeit sowie Projektorientierung aus. Dadurch entstehen klassischerweise keine bis äußerst geringe Betriebskosten, da Raummiete, Produktionsmittel (Technik) und Kommunikation in den Zuständigkeitsbereich der Akteure ausgelagert werden. 

Zudem kann durch diese Struktur „eine Zeit lang flach geatmet werden und eben auch einmal gar nichts gemacht oder das eigene Projekte verfolgt werden“ (Friebe). Die Delegation von klassischen Arbeitgeberfunktionen auf das Individuum wird vermieden, jede/jeder soll in der Lage sein, als Mikrounternehmer seiner selbst in der Struktur ZIA agieren zu können.

„Niemand soll erwarten, dass es Angestellte gibt, die mir zuarbeiten. Somit wird eine Hierarchiebildung vermieden, d.h. man muss alles selbst machen, von Buchhaltung über Flüge buchen usw., womit aber auch einer gewissen Bequemlichkeit oder Fachidiotisierung entgegen gewirkt werden soll.“ (Friebe)

Die skizzierte Organisationsstruktur erfährt ihre Wirksamkeit durch ein eigenwilliges Set von Sprachweisen, Metaphern und Attributen. Dieser Kontext ist zum einen als ein Eigenbild zu verstehen, hinter (und an) dem eine neue Generation von Autoren an einer Selbstzuschreibung arbeitet. Diese semantische Tarnung ist als ein gemeinsam getragener Wertekanon anzusprechen, es fühlt sich eben gut an und gibt ein Gefühl von Aufgehobenheit in einer losen, aber doch klar geregelten Gemeinschaft, einer flexiblen Gruppe von Autoren und Kreativen, die sich dann über Sprach- und Ironieformen zu verständigen weiß. Dieser Selbstbehauptungswille wird maßgeblich innerhalb von Halb- bzw. Wahl- und Gesinnungsberlinern getragen, die eine Kultur beschreiben, eine gemeinsame Haltung, einen gemeinsamen Stil, der sich abgrenzt gegenüber den aus ihrer Sicht überholten und unzeitgemäßen Arbeits-, Artikulations- und Angestelltenformen.

Reputationsbildung in kulturellen Transformationskontexten

Aufmerksamkeitsstrategien stellen für ein derart loses, dezentral organisiertes Netzwerk eine zentrale Anforderung dar, um einerseits die Bekanntheit zu erhöhen sowie als ein Sprachrohr einer stetig wachsenden Szene immer wieder Neues aufzuspüren und es gleichsam mit der eigenen Les- und Interpretationsart versehen bzw. als eben IHRE Reflexion auf die Dinge der Welt vermarktungsfähig zu machen. Dazu spielen bestimmte stadträumliche Areale eine wichtige Stil prägende Rolle – wie z.B. temporäre Ereignisse, an denen sich Szenegänger zwecks Austauschs treffen.

So war z.B. die Kastanienallee (Stadtteil Prenzlauer Berg) in den 1990er Jahren und frühen 2000er Jahren ein wichtiger Referenzraum, wo die ZIA zwar keine Büroräume besaß, doch dieses Areal mit dem Verweis auf neue cafébasierte Arbeitsformen als quasi „urbanes Büro“ semantisch mitprägte. Darüber hinaus sind zentrale Veranstaltungen zu benennen, die der ZIA Bekanntheit verschafften. Im Juli 2003 veranstaltete die ZIA im Kurvenstar „Die letzte lange Nacht der Popliteratur“ zu Ehren Joachim Lottmanns. An diesem Abend begann zum ersten Mal der Stern des „Supatopcheckerbunnys“ am Berliner Bühnenhimmel zu erstrahlen. Der kurze Lesungsauftritt begeisterte so nachhaltig, dass einmal im Monat im NBI (Neue Berliner Initiative) die von der ZIA realisierten „Berlin Bunny Lectures“ stattfanden. Die unterhaltsame wie ironische Themenshow wurde ein Publikumsmagnet und die beiden Bunnies Kultfiguren des kulturellen Offs. Die ZIA konnte hier ihren ersten großen Erfolg verbuchen, auch weil sich ihr dezentrales Netzwerk bewährte: In Tageszeitungen interviewten sie einander, bewarben und besprachen die Veranstalter ihre eigenen Attraktionen, die Einladung von Gastexperten führte zu Aufwertung und Ausweitung des eigenen Mitarbeiterpools.

Der zweite wichtige Schritt zum Aufbau einer spezifisch Berlin-bezogenen Reputationsstruktur war die Inbetriebnahme des Weblogs „Riesenmaschine“ im Juni 2005 (http://riesenmaschine.de/). Der aus dem Umfeld der ZIA hervorgegangene, täglich aktualisierte Blog hat sich der Ästhetik des Alltags bzw. der Technik- und Warenwelt verschrieben. Aufgrund der originellen und witzigen Beiträge von handverlesenen Autoren wurde die „Riesenmaschine“ zu einem der beliebtesten Weblogs und erhielt im Jahr 2006 den Grimme-Online-Award. Auch wenn es schwer ist, aus einer Internetseite mit rund zehntausend Besuchern pro Tag unmittelbar Gewinn zu schlagen, lohnt sich der Betrieb insbesondere für die beteiligten Autoren: Die Bekanntheit wird gefördert und die Seite kann als Werbeplattform für eigene Veranstaltungen und Bücher genutzt werden. 

Im Jahr 2006 nahm ZIA-Agentin Kathrin Passig mit einem Text beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt teil und gewann den Hauptpreis. 

Marktstrategien

Der Charme eines dezentral organisierten Netzwerkes darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mitglieder des ZIA Netzwerkes ein hohes Maß an strategischer Selbst-Regulation zu bewältigen haben. Sie müssen vor sich selbst wie nach außen eine Position als Profession kommunizieren, die es ihnen z.B. ermöglicht, Preise bei Beibehaltung ihrer angestrebten Autonomie einzufordern. Diese Ambivalenz betrachtet Holm Friebe als eine Art…"Grundkompetenz, die durch eine gewisse Todesverachtung sowie einen beharrlicheren Starrsinn, oder nennen wir es "hedonistischer Defekt", getragen wird, sich guten Ratschlägen von Eltern, Lehrern oder Universitätsprofessoren, oder Stellenanzeigen in Zeitungen entgegenzustellen. Wir können sagen, dass das genau die Form ist, wie wir arbeiten möchten und dass das die Leute sind, mit denen ich zusammenarbeiten möchte."

Diesem Wunsch nach selbstbestimmter Arbeit steht die Frage gegenüber, wie die formal Selbständigen der ZIA Sicherheit und Risikominimierung organisieren. Unternehmerisches Risiko wird letztlich durch thematische Heterogenität verringert. Spezialistentum würde zu hohe Risiken bergen: 

„Also das Einzige, was ich bisher substanziell neu gelernt habe im Zuge der momentanen Krise, ist von einem Wissenschaftler, der sagte, das System war eigentlich zu effizient. Immer wenn ein System sehr spezialisiert ist, auf Effizienz getrimmt, dann lässt es Redundanzen vermissen, das macht es krisenanfällig. Angefangen von den Monokulturen“. 

Gegen diese Monokultur und gegen das Spezialistentum setzt die ZIA lt. Friebe auf einen „wild wuchernden Dschungel“.

Multitasking, Innovation und Feldverknüpfungen

Der Reputationsaufbau des dezentralen Netzwerkes vollzieht sich über temporäre Projekte sowie über reale face-to-face basierte Events. Gleichwohl bedarf es eines organisationalen Verständnisses, um Ideen und Innovationen innerhalb des dezentralen Netzwerkes zu formen und zu ermöglichen. 

Frage: Wie arbeitet die ZIA?

Friebe: „Wir haben versucht, Ideenfindung mit eigenen internen Datenbanken zu systematisieren. Das hat alles nicht funktioniert, weil es eine andere Form von Disziplin erforderte, die wir nicht aufbringen. Was dann aber daraus geworden ist und funktioniert hat, ist, das Ganze nach außen gestülpt als Weblog Riesenmaschine. Das ist lange Zeit unser Suchrüssel für Themen gewesen und ist es auch immer noch. Dadurch, dass man kleine Beobachtungen, Gedanken, Momente, die einem dazu einfallen, anskizziert und für die Veröffentlichung im Weblog fit macht, findet es auch erst mal tatsächlich statt. Es lässt sich als eine systematische Feldbeobachtung von allem, was uns interessiert, ansprechen. Also es ist eigentlich unser nach außen gekrempeltes Firmen- und Ideenarchiv“. 

Die Art und Weise der Ideefindung ist nach außen gerichtet, sie ist prozessual und verhält sich somit situativ zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie ist darüber hinaus ebenso vernetzt angelegt (Weblog), wie sie gleichsam auf der Basis der individuellen Leidenschaft und Fähigkeit der ZIA Mitglieder aufbaut. 

10 Jahre Zentrale Intelligenz Agentur

Die ZIA existiert seit nunmehr 10 Jahren, ein Ende ist nicht abzusehen. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums (2011) widmete das deutsche Wochenmagazin "Die Zeit" der ZIA einen eigenen Artikel (http://www.zeit.de/2011/31/Zentrale-Intelligenz).

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