Studio West, Salzburg

Webseite(n):
www.studio-west.net
Ansprechperson:
Hermann Peseckas
Beteiligt:
ca. 100
Typus:
Netzwerke
Branche:
Film / Video / Schauspiel
Rechtsform:
Verein
Ort:
5020 Salzburg
Recherche:
2009
Durchführung:
Günther Marchner

Verein zur Förderung freier Filmschaffender aus dem Raum Salzburg

Der Verein „Studio West“, gegründet 1993, ist ein Zusammenschluss zur Förderung von Filmschaffenden mit Schwerpunktsetzung auf Dokumentarfilm aus dem Raum Salzburg. „Studio West“ hat rund 100 Mitglieder und bietet diesen eine erschwingliche technisch-räumliche Infrastruktur für Filmproduktionen sowie inhaltliche Vernetzung und Zusammenarbeit an. Außerdem leistet der Verein für Mitglieder und den interessiertem Nachwuchs Weiterbildung, Beratung und Betreuung von Filmprojekten. Über diese konkreten Leistungen hinaus fungiert Studio West als regionale Drehscheibe, Labor und Interessengemeinschaft für Filmschaffende.

Beteiligte, Leistungen und Organisationsstruktur des Studio West

Das Studio West hat derzeit rund 100 Mitglieder, berichtet Hermann Peseckas, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins und selbst Dokumentarfilmer, im Interview. Rund 40 bis 50 davon sind im Bereich Film bzw. im weiteren Kontext von Medienproduktion (selbständig) erwerbstätig. Rund 20 bis 25 Personen sind im Rahmen von Gemeinschaftsproduktionen des Vereines aktiv. Ein Kernbereich von 10 Personen nutzt die Infrastruktur von „Studio West“ sogar intensiv für Dokumentarfilmprojekte.

Ein anderer Teil der Mitglieder ist entweder cineastisch interessiert oder hatte aufgrund einer Kooperation bereits mit Studio West zu tun. Einige davon sind Institutionen oder Vereine. Dazu zählen zum Beispiel das Filmkulturzentrum „Das Kino“, die „ARGE Kultur“, die „Lebenshilfe“ oder die Fachhochschule Salzburg. Insgesamt erweist sich der Verein Studio West als Drehscheibe und Netzwerk für inhaltliche Aktivitäten sowie für Interessenvertretung und Lobbying für Filmschaffende im Salzburger Raum.

Zu den Angeboten und Leistungen des Studio West zählen:

eine technisch-räumliche Infrastruktur für Dokumentarfilmproduktion. Dazu gehören ein Gerätepool „im Bereich der gehobenen Mittelklasse“ (Hermann Peseckas) sowie zwei Schnittplätze. Mitglieder können Geräte ausleihen und Schnittplätze mieten;
die Möglichkeit zum inhaltlichen Austausch (zum Beispiel Filmclub) und zur gemeinsamen  Arbeit (zum Beispiel Gemeinschaftsprojekte);
Weiterbildung und Beratung für Filmschaffende und für den interessierten Nachwuchs (zum Beispiel Workshops zu digitalem Schnitt, Animation, Kamera) sowie die Betreuung von Filmprojekten („Partner für die Umsetzung künstlerischer Filmprojekte“);
ein inzwischen herangewachsener „Pool“ an Personen mit unterschiedlichen Kompetenzen im Bereich Filmproduktion, wie zum Beispiel Kameraleute oder Cutter, die man für Projekte und Aufträge engagieren kann.

Das Studio West ist als Verein organisiert. Zu den derzeitigen Vorstandsmitgliedern (Ende 2010 lt. Website) zählen Hermann Peseckas, Andreas Baumgartner, Piet Six (Obmann), Nicole Baïer, Stefan Sternad und Sina Moser. Der Vorstand trifft alle grundsätzlichen Entscheidungen. Auf operativer Ebene sorgen eine Geschäftsführung (Karin Helml) für die Organisation gemeinsamer Aktivitäten und Angebote sowie ein Angestellter (Heimo Ptak) für die Betreuung von Verleih und Technik. Die Angestellten des Vereines nehmen an Vorstandssitzungen teil, sind jedoch nicht stimmberechtigt.

Finanzierungsstruktur: Der Verein kümmert sich um Finanzmittel aus der Kultur- und Filmförderung wie zum Beispiel über relevante Abteilungen von Stadt und Land Salzburg sowie von Bundesministerien. Abgesehen von Mitgliedsbeiträgen bilden jedoch vor allem Einnahmen aus dem Verleih von Geräten sowie aus der Vermietung von Schneideräumen eine wichtige Finanzierungsquelle (50% des Gesamtbudgets).

Das Budget von „Studio West“ wird sowohl für die Organisation und Betreuung von Angeboten als auch für die Entwicklung und Umsetzung von Projekten verwendet. Für Gemeinschaftsprojekte werden zusätzlich auch Mittel aus einschlägigen EU-Förderprogrammen sowie Sponsorenmittel akquiriert.

Entwicklung und Veränderungen

In der ursprünglichen Intention wurde das Studio West als Zusammenschluss freier Filmschaffender gegründet, um ein gemeinsames und damit erschwingliches Equipment für Filmproduktionen zu schaffen. Inhaltlich war das Interesse von Beginn an auf das Thema Dokumentarfilm fokussiert, verbunden mit einem künstlerischen wie politischen Anspruch der Mitglieder, vor allem hinsichtlich der Kreierung einer eigenständigen Filmsprache.

„Wir machen im Unterschied zum ORF keine Stimme aus dem Off. Und wir sind parteilicher und unabhängiger“. (Hermann Peseckas)

Seither wurde eine Vielzahl an Filmen im Kontext des Studio West produziert (vgl. die Website). Die Filme werden in Programmkinos gespielt oder in TV-Sendern wie zum Beispiel 3Sat, ARTE oder BR 3 eingesetzt.

„Der Schwerpunkt des Studio West liegt auf dem künstlerischen Dokumentar- und Kurz(spiel)film. Kreative Laborsituation, Ermutigung zum Experiment und inhaltliche Diskussion bilden die ideale Arbeitsatmosphäre, um künstlerisch tätig zu werden. Seit Bestehen des Studio West (1993) sind Dutzende Dokumentar- und Kurzfilme entstanden. Zahlreiche Beteiligungen und Auszeichnungen bei internationalen Festivals und Filmreihen bezeugen den künstlerischen Erfolg. Einige Filme wurden über TV–Sender (u.a. 3 sat, Bayerischer Rundfunk, ARTE, etc.) ausgestrahlt oder mit diesen koproduziert“. (Website)

Filmemachen beim Studio West bedeutet, „von der Pike auf“ alles zu lernen, was mit der Herstellung eines Filmes verbunden ist.

„Ich mache Filme von A bis Z selbst, bin quasi eine Art Einpersonen-Doku-Macher. Produzent dieser Filme ist meist das Studio West. Wir gehen mit selbst entwickelten Stoffen zu den TV-Sendern“. (Hermann Peseckas)

Wichtige und nach außen hin deutlich sichtbare Initiativen von Studio West sind die regelmäßigen stattfindenden Gemeinschaftsprojekte (Filmproduktionen und Filmfestivals).

„StudioWest ist Drehscheibe für Vermittlung und Präsentation freier Produktionen. Öffentliche Veranstaltungen insbesondere in Kooperation mit in- und ausländischen PartnerInnen bieten einem interessierten Publikum auch die Möglichkeit zu film- und kunsttheoretischer Auseinandersetzung. Im internationalen Austausch mit Medien- und Kulturinitiativen erarbeitet StudioWest Präsentationsformen, die neue Wege medialer Vermittlung beschreiten. 

Unsere Festivalreihe „StudioWest goes East“ wurde 2001 mit einer Pilotpräsentation von Filmen aus dem ehemaligen Jugoslawien begonnen. 2002 kooperierten wir mit der Dokumentarfilm- und Animationsszene aus der Tschechischen Republik. 2004 präsentierten wir einen Überblick über den aktuellen polnischen Dokumentarfilm mit einem Special über und mit Lech Kowalski. Im Herbst 2006 ging StudioWest „Far East“ und präsentierte Dokumentarfilmer aus der VR China 2006, eine lebhafte Szene, die in Europa größtenteils unbekannt ist.“ (www.studio-west.net/04_festivals.htm)

Ein kürzlich abgeschlossenes Projekt war „Vide_o_drom“, ein integratives Medienprojekt zu Lebensumständen und Kultur der Roma und Sinti in Mittel- und (Süd-)Osteuropa. Mit Partnern in Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien wurden Medien- und Filmprojekte umgesetzt. An mehreren Orten entstanden Mediengruppen, deren Mitglieder lernten, Filme über ihre Lebenswelten zu machen. Der Schwerpunkt schloss mit einem Festival zu Filmen von und über Roma in Europa ab. „Vide_o_drom. Integratives Medienprojekt mit Roma und Sinti“ wurde mit dem Sponsorship Erasmus EuroMedia Award 2009 ausgezeichnet.

Zwar besteht der inhaltliche Schwerpunkt von Studio West im Dokumentarfilm. Allerdings sind Mitglieder in unterschiedlichen Genres von Filmarbeit tätig, sei es im Bereich des Spielfilms oder im Bereich der kommerziellen Werbung.

Im Lauf der Entwicklungsgeschichte des Vereines entstand auch der Ansatz, den filminteressierten Nachwuchs – wie zum Beispiel AbsolventInnen der Universität Salzburg, der Universität Mozarteum oder der Fachhochschule (Schwerpunkt MultiMedia) – beim Einstieg in die Filmarbeit und bei der Realisierung von Projekten zu unterstützen. Studio West bietet jungen Leuten Lern- und Praxismöglichkeiten für erste Projekte und unterstützt deren professionelle Entwicklung. Aus dieser Nachfrage heraus entwickelte sich zum Beispiel ein Workshop-Angebot: Wie produziere ich? Wie schreibe ich eine Story? Wie arbeite ich mit Kameras?

Inzwischen ist aus dem Netzwerk rund um Studio West ein Pool an SpezialistInnen im Bereich Filmproduktion (Kameraleuten, Cuttern u.a.m. ) herangewachsen, die der Verein weitervermittelt. Insofern ist aus der ursprünglichen Intention des freien Filmschaffens und einer gemeinsam leistbaren technisch-räumlichen Infrastruktur seit der Gründung von Studio West vor über 15 Jahren eine Vielfalt an Angeboten und Aktivitäten entstanden. Abgesehen von der verfügbaren Infrastruktur und gemeinsamen Filmprojekten bietet der Verein nun Bildung, Beratung und Projektbetreuung an – auch in Kooperation mit regionalen bis internationalen Partnerorganisationen.

Aufgrund der technologischen Entwicklung ist Soft- und Hardware für die Filmproduktion zwar wesentlich kostengünstiger geworden. Allerdings wird das „Finish“ von Produktionen aus Qualitätsgründen meist mit den Geräten und Schneideplätzen von Studio West gemacht.

Vorteile und Nutzen

Die Mitgliedschaft beim Studio West schafft Möglichkeiten zur inhaltlichen Vernetzung sowie zur Beteiligung an Aktivitäten und Projekten. Der Verein hat sich einen guten Ruf mit kritischen Dokumentarfilmen erworben, mit einem Themenbogen, der sich über Ökologie, Migration, die Aufarbeitung zeitgeschichtlicher Aspekte sowie zeitgenössische Kunst und Kultur erstreckt.

„Das Studio West ermöglicht Filmschaffenden einen offeneren Blick auf die allgemeine Entwicklung im Filmbereich. Studio West ermöglichte vielfältige Kontakte, Gespräche und Synergien – nicht zuletzt vernetztes Arbeiten. Ich kenne Leute und weiß, was ich mit denen tun kann. […] Wir nutzen das Potenzial in Salzburg. Zum Beispiel gibt es Kameraleute, insgesamt einen Pool an Menschen, die man engagieren kann. Gemeinnützige Organisationen, die an der Darstellung, an Kultur, Bildungs- und Medienprojekten Interesse zeigen, nutzen diesen Pool und die Kooperationsmöglichkeiten mit uns.“ (Hermann Peseckas)

Studio West hat sich demnach zu einer Anlaufstelle für Informationen über das Filmemachen entwickelt, was insbesondere vom Nachwuchs entsprechend genutzt wird. Der Verein ermöglichte vielen, sich zu entwickeln und erstmals Projekte umzusetzen. Jedoch verlassen nicht wenige Nachwuchs-Filmschaffende Salzburg, sobald sie dazu in der Lage sind. In Wien gibt es mehr Kontakte und mehr Budgets, da der Großteil der einschlägigen Fördermittel in Wien vergeben wird.

„Das Studio West verstreut viele Informationen, ohne daran zu verdienen und ohne, dass dies entsprechend gewürdigt wird. Im Umfeld unseres Vereines entwickeln sich Leute, bis sie selbständig arbeiten können. Hier machen sie die ersten Schritte. Hier können sie fragen: Wie mache ich das und das? Leute eignen sich hier viel an Wissen an. Sie lernen, mit diesem Dschungel umzugehen. Viele Fehler müssen sie gar nicht mehr selber machen. Zum Beispiel: Wenn sich jemand in einem Bereich nicht auskennt, dann geht er zum Studio West. Da kriegt er mehr oder minder einen Schnellsiedekurs. Wenn sie dann alles fertig haben, dann gehen sie weg“. (Hermann Peseckas)

Spannungsfelder

Zu einem ständigen Spannungsfeld innerhalb des Vereines sind die unterschiedliche Interessen und Vorstellungen von Mitgliedern geworden. Die Praxis des Filmemachens bewegt sich zwischen der Notwendigkeit, kommerzielle Projekte durchzuführen einerseits und dem Wunsch nach freien, künstlerisch orientierten Filmprojekten andererseits.

Viele der Mitglieder haben eigene Unternehmen gegründet. Sie leihen Geräte aus dem Studio West aus. Was früher nur für „freie Filmemacher“ gedacht war, wird auch für kommerzielle Projekte genutzt. Verleih macht schließlich einen wichtigen Teil der Finanzierung aus. So besteht bei einigen Mitgliedern auch der Wunsch, die Ausrüstung und Ausrichtung des Studio West breiter anzusetzen und über Dokumentarfilme hinauszugehen, wie zum Beispiel in den Bereich Werbung oder in das Genre des Spielfilms. Diesbezügliche Entscheidungen über eine breiter orientierte Ausstattung des Studio West würden allerdings sehr kostspielig ausfallen.

Zudem kollidieren alte Grundorientierungen des „kooperativen Arbeitens“, wo „alle alles miteinander machen und entscheiden“ zuweilen mit aktuellen Organisationsformen des mehr „privatwirtschaftlichen“ Arbeitens mit Angestellten und mit Hierarchie.

Spielregeln und Grundlagen für gelingendes Zusammenarbeiten

Wie wichtig bestimmte Voraussetzungen und Spielregeln für ein gelingendes Kooperationsmodell sind, ist dem Verein inzwischen sehr bewusst.

„Vertrauenswürdigkeit ist wichtig. Wir waren fast schon einmal am Ende, weil der Vorstand alles für seine eigenen Interessen nutzt.“ (Peseckas)

Als wichtig erscheinen Identifikation der Mitglieder mit dem Verein sowie Verbindlichkeit und Vertrauen – anstatt die um sich greifende „Selbstbedienungsmentalität“.

„Wir haben viele Schlüssel ausgegeben. Und es ist in den letzten drei Jahren nichts weggekommen oder kaputt geworden. Es wird mit allem ziemlich gut und rücksichtsvoll umgegangen. Wenn die Leute hereinkommen, sehen sie: Hoppla, das ist ein ‚klasser‘ Platz. Da kommt auch gegenseitiger Respekt auf. Wir schauen auch genau, wer da hereinkommt. Es gibt Leute, da weiß ich genau, das geht nicht, zum Beispiel wenn die Selbstdarstellung von Menschen zu stark ins Spiel kommt. Der Umgang untereinander und mit anderen Leuten ist entscheidend, was der Verein vermittelt“. (Hermann Peseckas)

Wie neue Angebote entstehen und sich das Profil weiter entwickelt

Aus der Erfahrung des vielfältigen Nutzens des Studio West für den Nachwuchs haben sich die Angebote und das Profil dieses Vereins weiter entwickelt. Daher sind neben dem Verleih zunehmend Beratung, Bildung und Projektbetreuung für Interessierte und Mitglieder wichtige Aktivitäten geworden. Darüber hinaus ist das Studio West bei Projekten zunehmend als Co-Produzent aktiv.

„Heute sind wir vorsichtiger beim Umgang mit Informationen. Wir haben die Vermittlung unseres Know how inzwischen zu einem Angebot gemacht. Wir leisten heute gezielte Beratung und Betreuung von Projekten sowie Fortbildung. Wir haben die gesamte Bandbreite an Fähigkeiten und Technik versammelt, um Filme zu produzieren. Das kann man nutzen. Denn da gibt es Leute mit sehr guten Projektideen. Aber sie sind nicht so gut organisiert, um eine Finanzierung zustande zu bringen, weil sie die Wege nicht kennen. Zum Beispiel sagen sie: Ich will nicht zur Landesregierung oder mich mit Beiräten herumtreiben. Dann kommen sie zu uns und fragen, ob wir das machen können. In diesen Fällen produzieren wir mit, sind anteilig dabei“. (Hermann Peseckas)

Quellen

Interview mit dem Obmann von Studio West, Hermann Peseckas, vom 4. November 2009

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