Studio Hartensteiner, Leipzig

Ansprechperson:
Jan Hartmann, Andreas Neubert
Beteiligt:
4 Personen
Typus:
Unternehmen
Branche:
Produkt- & Interaktionsdesign , Sonstiges
Rechtsform:
Sonstige
Ort:
Leipzig
Recherche:
2009
Durchführung:
Bastian Lange

Designstudio mit der Kernkompetenz Messeorganisation

Studio Hartensteiner ist eine Bürogemeinschaft, bestehend aus 4 Designern, die sich 2003 in Leipzig gegründet hat. Seither arbeitet das Team bzw. die Agentur in den Bereichen Produktentwicklung, Ausstellungskonzeption, Raum- und Objektgestaltung. Die ebenso dazu gehörige Einheit „H&N Kultur- und Projektmanagement“ hat sich aus dem Bedarf aus diesem Studio heraus gegründet, um eine Präsentationsform für Design zu lancieren. Diese „Managementabteilung“ wird von zwei Studiomitgliedern, Andreas Neubert und Jan Hartmann, organisiert. Alle Studiomitglieder kommen aus dem Handwerk und haben knapp 10 Jahre im Handwerk gearbeitet. 

Organisationsstruktur

Studio Hartensteiner besteht aus vier einzelnen und formal selbständigen Designern. Jeder trägt letztlich für sich dieselbe Verantwortung. Gleichwohl wird die Abwicklung und Durchführung von Aufträgen gemeinsam abgesprochen. Formal ist jedeR auch vor dem Finanzamt selbständig.

„Im Grunde ist es schon so, dass jeder für sich selbst und für sein Tun verantwortlich ist. Ein größerer Auftrag geht in erster Linie an das gesamte Studio. Sind es eher die kleineren Anfragen und Aufträge, dann zählt Ambition, Eignung und Professionalität im Umgang mit dem Kunden. Zumeist trifft es denjenigen, der letztlich auch die Akquise betrieben hat.“ (Andreas Neubert)

Als Begründung für die Studio-Struktur von vier Selbständigen wird u.a. die Möglichkeit der Übernahme größerer Projekte angeführt. Selbständigkeit im Verbund, so könnte man sagen, erlaubt den Beteiligten von Studio Hartensteiner, sich flexibler vor größeren Kunden und Projekten aufzustellen, ohne aber das – vergleichsweise größere – finanzielle Risiko einer Angestelltenstruktur einzugehen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, wenngleich eine Basissolidarität im Falle von größeren Aufträgen eben alle Studio-Mitglieder gleichmäßig berücksichtigt. Als weiteres zentrales Motiv, das zur Selbständigkeit bzw. zur gemeinsamen Arbeit im Studio Hartensteiner geführt hat, wird – gegenüber einem Anstellungsverhältnis – die möglichst selbst gesteuerte Einflussnahme auf die gesamte Produktionskette angeführt. 

„Zum einen waren wir ja alle schon einmal in mehrjähriger Festanstellung tätig und haben letztlich auch bewusst den alternativen Weg gewählt. In der Realisierung eigener Ideen und Projekte steckt natürlich auch ein ganzes Stück mehr Selbstreflexion. Es geht vielleicht auch um eine deutlich höhere Alltagsmotivation und die Einflussnahme auf diverse Umweltprozesse. Zudem ist man als Selbstständiger auch sehr vielseitig beansprucht. Dies geht von der Direkt-Akquise, der Buchhaltung, der Presse- und Recherchearbeit über die handwerkliche Ausführung, bis hin zum Vertrieb und Verkauf der kreierten Produkte.“ (Neubert)

Macher der Designers’ Open in Leipzig

Parallel zu ihrer klassischen Tätigkeit als Produktdesigner haben die Partner von Studio Hartensteiner 2005 die Messe „Designers’ Open“ ins Leben gerufen. Ihren Ursprung hat die Designers’ Open in der ganz und gar traditionellen Leipziger Kunstszene. Im Jahr 1920 gründete der damalige Direktor des Kunstgewerbemuseums, Richard Graul, eine eigene Verkaufsmesse, die als „Grassimesse“ bekannt wurde. Diese sollte der kommerziellen Massenware, die auf den Mustermessen angeboten wurde, Paroli bieten und durch ihren hohen Qualitätsanspruch überzeugen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Marke Grassimesse zu einem echten Gütesiegel. 2005 entstand schließlich die Idee, im Off-Programm der Grassimesse eine Veranstaltung für die jungen Kreativen zu organisieren - die Designers’ Open waren geboren. 

Im Verlauf der Zeit ist die Designers’ Open auf dem besten Weg, sich als eigenständiges Festival für Design in Leipzig zu etablieren. Die Messen formierten sich im Laufe der Jahre an besonders markanten Orten mitten im Zentrum der Stadt Leipzig: im Jahr 2007 beispielsweise in dem alten Konsument-Warenhaus am Brühl, das seit dem Umzug des letzten Mieters Karstadt im Herbst 2006 leer steht. Das gesamte Erdgeschoss mit seinen 3.000 qm stand den rund 100 internationalen Ausstellern aus den Bereichen Produkt-, Mode- und Schmuckdesign zur Verfügung. Für zwei Tage fanden im Herbst 2007 neben dem Ausstellungsbetrieb auch Podiumsdiskussionen, Vorträge und Workshops zu verschiedenen Themen rund um Gestaltung, Kommunikationsdesign und Rechtsfragen statt, die sich nicht ausschließlich an ein Fachpublikum richteten. Geboten wird allerdings nicht nur ein ambitioniertes Branchenforum, auf der Designers’ Open kann auch direkt bei den Gestaltern gekauft werden. Und zwar größtenteils Dinge, die in Leipzig selten erhältlich sein dürften. 

Eine Entdecker-Messe für junge Designer aus dem In- und Ausland zu sein, das ist der jedenfalls Anspruch, dem der Veranstalter Jan Hartmann gerecht werden möchte. 

“Die Veranstaltung hat sich innerhalb der letzten vier Jahre zu einem regelrechten Designfestival gemausert. Wir sind heute eine Plattform für insbesondere junge Leute und bieten ihnen die Möglichkeit, Eigenes zu präsentieren und Neues aus der Designbranche zu entdecken” (Jan Hartmann).

Der wachsende Erfolg der Designers’ Open ist vor allem an den stetig steigenden Publikumsströmen zu beobachten: Allein 2007 zog das Festival 10.000 Besucher, Händler, Designer und Produzenten an. Dabei sind es nicht nur die kreativen Konzepte, Projekte und Produktvorstellungen aus Mode-, Industrie- und Kommunikationsdesign, die die Teilnehmer begeistern. Auch die Wahl ungewöhnlicher Messe-Locations, wie das Städtische Kaufhaus am Neumarkt, das ehemalige Konsument-Warenhaus am Brühl oder das alte pompöse Hotel de Pologne im Zentrum der Stadt Leipzig überzeugt die Besucher des Leipziger Branchentreffs. 

“Wir bespielen mit Vorliebe leer stehende Immobilien im Zentrum der Stadt. Das ist meiner Meinung nach einfach näher an der Branche und ihren Vertretern, als sich auf das Messegelände zurück zu ziehen”, so Jan Hartmann. “Meiner Meinung nach macht die Mischung aus alt-traditionell und jung-innovativ genau den Reiz aus, den wir uns erhoffen. Das spricht gerade die Vertreter aus den Bereichen der Designbranche, Designkooperationen, Hochschulen und Designverbände sowie Produzenten und Händler an”, betont Hartmann.

Frage: Designers Open ist ein Instrument der Vernetzung. Wie gestaltet sich das Verhältnis der Organisation Designers Open zum Studio Hartensteiner? 

Neubert: „Natürlich würden wir lieber auf der Designers Open ausstellen, als die Organisation des Festivals zu übernehmen. Dieses Veranstaltungsformat hat jetzt allerdings eine Größe eingenommen, wo man kaum noch zurück kann ... es sei denn, man ändert das Organisationssystem. Weg von der privatwirtschaftlichen Ebene hin zur gemeinnützigen Vereinsstruktur. Hier sind jedoch die schnellen Entscheidungen und spontanen Lösungen gefordert. Wir scheitern offen gesagt immer an dem Gedanken langer Diskussionsrunden. Hier geschieht alles in sehr schnellen Zügen, für die ein Verein wahrscheinlich einfach nicht ausgelegt ist. Man müsste die Frage beantworten, wie das in der Zukunft ablaufen kann und wie die Designers‘ Open und das Studio noch wachsen kann? Es geht ja letztlich immer um Wachstum. Fakt ist, dass durch den Handlungsradius der Veranstaltung auch Spielräume für die Designagentur generiert werden. Was allerdings in der Umkehr ebenso geschieht. Studio Hartensteiner kann die Bedürfnisse eines Designers sehr gut sammeln, reflektieren und inhaltlich weitergeben. Die Designers’Open trägt wiederum dazu bei, dass wir uns als Dienstleister kulturell, politisch und gesellschaftlich mit diversen Problemen auseinandersetzen müssen.“ 

Bewältigung von Selbständigkeit bzw. Positionierung im beruflichen Feld

In der Bewertung des bisherigen Verlaufs von Studio Hartensteiner geben sich die beiden Gesprächspartner Jan Hartmann und Andreas Neubert etwas ambivalent. Weil sie die Vergangenheit ja nur so bewerten können, wie sie tatsächlich verlaufen ist, muss offen bleiben, welche anderen Projekte ohne die Designers Open hätten realisiert werden können. 

Den hohen Aufwand in den Anfangsjahren als Selbständige nehmen die beiden Befragten relativ gelassen zur Kenntnis. Die Positionierung, für sich selbst und z.B. nicht als Angestellte für eine Firma gearbeitet zu haben, scheint den Aufwand zu rechtfertigen.

Frage: War die Wahl der Selbständigkeit aus heutiger Sicht ein Erfolg?

Neubert: „Man steht halt immer wieder vor der Tatsache, dass man wirtschaftlich effizient arbeiten muss. Selbstkritik und das immerwährende Korrigieren seines Angebots ist zwingend notwendig, ansonsten hat unsere berufliche Existenz keinen Bestand. Wenn man mal überlegt, wie viel Zeit und Energie wir in die Designers Open investiert haben, nur um eine öffentliche Referenz für unsere Branche zu schaffen, würde sich so mancher Betriebswirtschaftler wohl die Augen zuhalten. Hätte man dieses Potenzial ausschließlich in unser Design-Studio eingebracht, dann wäre man hier schon auf einer anderen Ebene. Deshalb stellen wir uns natürlich ständig die Frage ‚was tun wir hier eigentlich, was wollen wir eigentlich erreichen?’ Die Symbiose aus Designagentur und Veranstaltungsmanagement ist äußerst spannend, aber auch zugleich risikobehaftet. Dieses Handlungsfeld verschafft uns einen sehr breiten Einblick in die gegenwärtige Situation, wir erhalten sehr viel Kritik, welche wir dankend annehmen. Und wir erhalten Gott sei Dank auch viel positive Bestätigung. Insofern war unser Entschluss hin zur Selbstständigkeit sicherlich ein Erfolg.“ 

Frage: Mit welchem Vorwissen seid ihr in die Selbständigkeit gegangen, welche Hilfestellungen gab es? 

Neubert: „Hilfestellung und Unterstützung gab es bei uns wenig. Natürlich beginnt so eine Selbständigkeit immer mit einem Geschäftsmodell, das man bei den entsprechenden Stellen, ESF, EFRE, Arbeitsamt, Finanzamt usw. einreicht. Anfänglich dominierte die Frage, was muss man tun, um unter dem Strich die Miete und laufende Kosten halten zu können? Ich glaube, als Kreativer geht man wirklich selten betriebswirtschaftlich vor. Ich denke, die meisten sagen sich: ‚Ich habe folgendes Projekt vor, was muss ich tun, um das Produkt, die Modekollektion oder den Bildband zu entwickeln?’ Die Frage, wer vermarktet mich und mein Angebot zu welchen Konditionen, wird vermutlich an letzter Stelle stehen. Man hofft mehr, als dass man rechnet. Leider bringt die Ausbildung an unseren Kunst- und Gestaltungshochschulen nur selten eine Lösung für das Leben nach dem Studium. Die Anbindungen an potenzielle Arbeitgeber, an die Industrie oder an weitere Beratungsstellen existieren kaum und lassen daher nur den Weg in die Selbstständigkeit zu. Das ist sicherlich eine große Chance, endet aber allzu oft bei hoch qualifizierten Hartz IV Empfängern.“

Frage: Ihr haltet also an der Selbständigkeit fest? 

Neubert: „Ich habe den Eindruck, dass man zwar in den Anfangsjahren unwahrscheinlich viel investiert und auch wirklich viel in Kauf nehmen muss, aber am Ende zählt das Ergebnis und das hat man dann definitiv für sich und nicht für irgendeine Firma getan.“

Frage: Ihr habt beide eine Familie, es würde mich interessieren, inwiefern es familiäre Unterstützung gibt und wie ihr eure Selbständigkeit aus der Sicht der Familie bewältigt?

Neubert: „Also Unterstützung aus der Familie gibt es schon. Zum einen passiert viel über familiären Ausgleich, über Ablenkung und das Infragestellen verschiedener Sichtweisen. Die Beschäftigung mit unseren Kindern, die unvoreingenommen und oft sehr kreativ an die Dinge gehen, ist auch ein Aspekt der täglichen Motivation. Unterstützung ist jedoch auch, wenn es um die zeitliche Abfrage geht und man statt im Reigen der Familie im Kreislauf der stetigen Arbeit zu finden ist. Gerade wenn es um Familie geht, sind doch oft die Partner, die Großeltern oder Freunde gefragt. An dieser existenziellen Problematik, Zeit und sicheres Einkommen, sehnt man sich dann doch oft nach einer ruhigen Anstellung.“ 

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