Splitterwerk, Graz

Webseite(n):
www.splitterwerk.at
Beteiligt:
ca. 20 Personen
Typus:
Netzwerke
Branche:
Kunst , Architektur , Grafik- & Webdesign
Rechtsform:
Sonstige
Ort:
Graz
Recherche:
2010
Durchführung:
Katharina Siegl

Label for Fine Art, Architecture, Painting, Skulpture and New Media

Die Frage, was SPLITTERWERK eigentlich ist, ist auch für die ProtagonistInnen des Labels nicht rasch zu beantworten: Unter dem Label für Bildende Kunst, so die bewusst breit angelegte Selbstdefinition, produzieren und forschen seit über 20 Jahren bedarfsorientiert wechselnde Personenkreise und Teams unterschiedlichster Professionen in Bereichen wie Architektur, Kunst, Kommunikationsdesign und Medientheorie.

SPLITTERWERK ist dabei ein geschütztes Label, unter dem wechselnde Forschungs- und Ausführungsteams arbeiten, jedoch selbst keine Firma. Zwar gibt es im Hintergrund verschiedene projektbezogen oder dauerhaft bestehende Rechtsformen (Kapital- und Personengesellschaften), diese bestehen allerdings hauptsächlich aus haftungs- und steuerrechtlichen Gründen. Im Vordergrund stehen die gemeinsame Marke und das Kollektiv, weshalb in dieser Fallstudie keine Namen von Personen genannt werden. Das gemeinsame Anliegen des Kollektivs in Bezug auf das Label ist es, sein Renommee und seine Profilierung durch außergewöhnliche Leistungen zu steigern. So kommt es vor, dass einzelne AkteurInnen hinter SPLITTERWERK auch Aufträge abseits des Labels abwickeln, wenn diese nicht zum "Markenprofil" passen:

"Die Marke hat einen Qualitätsanspruch, eine gewisse Ausrichtung, eine gewisse Geschichte. Sie steht für etwas. Wenn man Dinge macht - die müssen gar nicht schlecht sein - die da nicht hineinpassen, dann führt man sie nicht unter der Marke." (Interview mit SPLITTERWERK)

Hauptstandort von SPLITTERWERK ist Graz, mit Ablegern in Delft (NL) und Stuttgart (im Aufbau). Hier gibt es eine gemeinschaftlich genutzte Büroinfrastruktur, in der derzeit rund 20 Personen (GeschäftsführerInnen, FreiberuflerInnen, WerkvertragnehmerInnen, Angestellte, PraktikantInnen) arbeiten. Trotz der offenen Strukturen von SPLITTERWERK wurde immer Wert auf einen gemeinsam nutzbaren Ort gelegt:

"Ja, es hat immer eine gemeinsame Bürostruktur- u. Infrastruktur gegeben. Wir waren nie Anhänger von virtuellen Bürostrukturen, auch wenn wir mit solchen ganz bewusst versucht haben, umzugehen und theoretisch abzuwiegen, wie das funktioniert, weil uns das von der Medientheorieseite sehr interessiert hat, ebenso von der Medienarchitekturseite her. Aber es gab immer einen Ort, von Anfang an. Das war wichtig." (Interview mit SPLITTERWERK)

Der Ort ist dabei nicht repräsentativ angelegt, sondern soll die Kommunikation fördern. Die Atmosphäre in einem Wohnhaus im Stile der 1970er-Jahre ist zurückhaltend und eher nüchtern funktionell, beinahe etwas "sozialistisch" (Interview mit SPLITTERWERK). Die wichtigsten Ansprüche sind das Vorhandensein der Infrastruktur, Platz für alle zu haben und sich am Arbeitsplatz wohl zu fühlen (SPLITTERWERK im Interview mit Pasek/Frodl 2009).

Das Wochenarbeitszeit-Volumen der AkteurInnen bei SPLITTERWERK variiert zwischen 40 und 80 Stunden pro Woche, wobei es keine Arbeitszeitvorschriften gibt. Es haben sich jedoch informelle "Kernarbeitszeiten" herausgebildet, zu denen ein Großteil der AkteurInnen vor Ort ist, womit dem hohen Kommunikations- und Abstimmungsbedarf im Zuge der Arbeit an den Projekten entsprochen wird. Zur Steuerung des Betriebes, der Projekte und der Abläufe finden wöchentliche "Projektsteuerungsbesprechungen" und "Atelierbesprechungen" statt, deren Protokolle die Übereinkünfte festhalten. Zur kurz- und mittelfristigen Planung, Steuerung und Kontrolle orientiert man sich an Vierteljahres- und Jahresplänen, darüber hinaus gibt es zur strategischen Orientierung Drei- und Fünfjahrespläne.

Die Hierarchien bei SPLITTERWERK sind sehr flach gehalten, die Zusammenarbeit funktioniert nach demokratischen Prinzipien. Für Projekte werden jeweils mindestens zwei Projektverantwortliche gefunden, es herrscht grundsätzlich Mehraugenprinzip. Alle wichtigen Entscheidungen, sowohl in Bezug auf Projekte als auch in der Atelierorganisation fallen nach dem Einstimmigkeitsprinzip. Dadurch könnten Einzelne per Veto-Entscheidungen blockieren, was aber auch aufgrund der ausgeprägten Diskussionskultur seit mehr als zehn Jahren nicht mehr der Fall war. Generell betonen die Mitglieder von SPLITTERWERK das gute Funktionieren der Organisation:

"Wir haben verschiedenste Organisationsmodelle durchgespielt, das können Sie sich vorstellen, bei der Dauer. Es ist einfach schon sehr lange, dass es die Gruppe, also das Label gibt. Wir sind derzeit seit mittlerweile zehn Jahren so gut strukturiert, dass wir eigentlich kaum mehr wirklich übergeordnete Strukturen brauchen, damit es funktioniert." (Interview mit SPLITTERWERK)

Entwicklung: Vom studentischen Kollektiv zu internationalem Rang

Die Geschichte von SPLITTERWERK begann 1988 in Graz, als eine lose verbundene Gruppe aus rund 12 Personen aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern und Studienrichtungen (Architektur, Malerei, Fotografie, Bühnengestaltung, Literatur, Philosophie, Soziologie, Kunstgeschichte, Bauingenieurswesen, Maschinenbau) sich an einer Wettbewerbspräsentation für ein neues Kommunikationsdesign der Akademie Graz beteiligte und sich gegen eine Konkurrenz aus professionellen Werbeagenturen siegreich durchsetzte. Ein Mitglied der Jury empfahl der bis dato losen Gruppe, sich doch einen Namen zu geben, um als Kollektiv besser an die Öffentlichkeit treten zu können.

In der Folge beteiligte sich die Gruppe an weiteren Wettbewerben, insbesondere an Architekturausschreibungen, und konnte zahlreiche Erfolge verbuchen. Da SPLITTERWERK damals vor allem aus StudentInnen unterschiedlicher Studienrichtungen bestand, war das Vorgehen rechtlich nicht einfach. Durch anonyme Bewerbungen konnten sie an den Wettbewerben teilnehmen, eine fehlende Berufsberechtigung führte jedoch dazu, dass sie bei siegreichen Projekten vom Gutdünken der Jurys und auslobenden Stellen abhängig waren und zur Realisierung teilweise mit professionellen Büros kooperieren mussten. Erst mit dem Erlangen der entsprechenden Berechtigungen konnten schließlich eigenständig Projekte abgewickelt werden.

Die integrative, transdisziplinäre Herangehensweise an Projekte ist eines der Hauptanliegen und auch Markenzeichen von SPLITTERWERK. Architektur nahm und nimmt dabei einen bedeutenden Stellenwert ein: Die Architektur sei immer schon Teil der Bildenden Künste gewesen, es gelte sie einzubetten, zu vernetzen und transdisziplinär zu betrachten, so SPLITTERWERK in einem Radiointerview (Pasek/Frodl 2009). Im Bereich der Architektur ist das Label auch international anerkannt, was sich etwa durch den 38. Rang im internationalen Ranking des Magazins BauNetz widerspiegelt (BauNetz 2009).

Die Dominanz der Architektur im Label wird durch ein seit drei Jahren forciertes stärkeres Engagement im Bereich der künstlerischen Produktion (Malerei, Installation, Neue Medien) aufgewogen. Damit wird jedoch kein Bruch mit der bisherigen Entwicklung vollzogen - wie überhaupt die kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen Linie eine große Bedeutung für das Label hat:

"Für uns gilt schon, dass wir versuchen, Dinge zu entwickeln, Dinge weiter zu entwickeln. Und die Weiterentwicklung geht nur dann, wenn man nicht jedes mal von Neuem anfängt. [...] Weil dann hat man wahrscheinlich, glaube ich, einen solideren Background, wo man sich dann weiterentwickeln kann. [...] Das Experiment gehört schon auch dazu, aber es ist immer durch die langjährige Arbeit auch abgesichert. Und das ist uns wichtig, dass wir unsere Substanz, die wir aufgebaut haben und die Erfahrung, die man mit den Dingen hat, nicht jedes Mal negiert. Ab und zu muss man schon sagen, ich kann nicht nur geradlinig gehen. Dann gibt es halt einmal einen Schlenker. [...] Aber wir sind schon bestrebt, dass wir unsere Dinge in eine Kontinuität bringen." (SPLITTERWERK im Interview mit Pasek/Frodl 2009)

Arbeiten im Netzwerk: Praxis und Erfolgsfaktoren

Vernetzen von Professionen

Um bei aller Kontinuität nicht in Routinen zu gleiten, holt sich SPLITTERWERK regelmäßig neue AkteurInnen ins Team, auch aus ganz unterschiedlichen Professionen. Dadurch werden andere Perspektiven und Zugänge möglich. Durch das Einstimmigkeitsprinzip und die rasche Gleichberechtigung neuer AkteurInnen innerhalb der flachen Hierarchien ermöglicht sich das Kollektiv SPLITTERWERK immer wieder frische Inputs durch neue Personen und deren individuelle Zugänge. Es verlassen auch immer wieder Personen das Label, wobei häufig ein freundschaftlicher Kontakt erhalten bleibt:

"Es gibt ehemalige SPLITTERWERKerInnen, mit denen wir immer noch freundschaftliche Verhältnisse pflegen oder noch in Geschäftsbeziehungen stehen. Wir haben also nie jemand verloren, das ist ein wichtiger Punkt." (Interview mit SPLITTERWERK)

Der unternehmerische Zugang von SPLITTERWERK ist eigenwillig und erinnert an das Schumpetersche Unternehmerideal. Es geht um das Entwickeln und Umsetzen neuer Möglichkeiten und Wege im Umgang mit Raum und Oberflächen. Die Ausrichtung ist wirtschaftlich, wenn auch nicht Gewinn maximierend (wobei die Höhe der Honorare in den Creative Industries auch von SPLITTERWERK als problematisch niedrig im Vergleich zu anderen Berufen, etwa Rechtsanwälten, empfunden wird). SPLITTERWERK versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Label für Bildende Kunst und nicht als Dienstleistungsbetrieb:

"Wir wollten wirklich Dinge umsetzen. Ob das jetzt Architektur, Design, Malerei oder Neue Medien ist. [...] Andererseits gab es bei uns immer einen Punkt, wo die Forschungen und die Entwicklungen ganz einen hohen Stellenwert hatten. Wir haben immer versucht, weiten Abstand zum Dienstleister zu bekommen. Also einerseits kein Verein und in der Wirtschaft stehend, andererseits ein ganz großer Abstand zu Dienstleistungsbetrieben, die gewinnorientiert sind." (Interview mit SPLITTERWERK)

Dennoch spielen Dienstleistungen eine wichtige Rolle in der Akquise neuer KundInnen. Oft entstehen Aufträge in Folge von Dienstleistungen, etwa bei der Beratung und Bewertung bei Immobiliengeschäften oder der Entwicklung von Corporate Identities. Über diese Leistungen entstehen Vertrauensverhältnisse zu KundInnen, durch welche dann in Folge ganzheitliche Aufträge - Corporate Identity, Architektur und Bildende Kunst - entstehen. Unter anderem bedeutsam für das Erhalten von Aufträgen ist PR in eigener Sache, wobei diese ebenfalls durch die Breite an Professionen und die Breite des Tätigkeitsfeldes geprägt ist. Durch den internationalen Rang und die Sonderstellung - SPLITTERWERK versteht sich selbst als extremer Nischen-Player und wird auch so rezipiert - gibt es häufig Einladungen zu Vorträgen, Beteiligungen an Ausstellungen und internationalen Kunstinstitutionen (Documenta in Kassel, Biennalen in Venedig und São Paulo, Ars Electronica in Linz etc.) sowie nationale und internationale Preise.

Wissensvermittlung: Lehren & Lernen

Eine bedeutende Rolle bei SPLITTERWERK spielt der Wissenstransfer. Einige AkteurInnen sind auch in der Hochschullehre an verschiedenen Universitäten, Fachhochschulen und Akademien aktiv. Dabei werden gelegentlich StudentInnen zu MitarbeiterInnen. Darüber hinaus werden - explizit nicht aus dem Kreis der StudentInnen, die ja an den Universitäten unterrichtet werden - auch regelmäßig PraktikantInnen in die Arbeit mit einbezogen, bei denen der Fokus ebenfalls auf der Ausbildung liegt. SPLITTERWERK betont das große Potenzial der Lehre:

"Wir denken, dass das ein ganz wichtiger Punkt ist, speziell in der Lehre, dass man sich vermittelt. Dass man nur dann etwas vermittelt, wenn man auch selber mit den Dingen arbeitet. Also dass der Bezug nicht verloren geht und man nicht nur auf einer theoretischen Ebene hocken bleibt, die man dann Dritten präsentiert und sagt, so geht das Kochrezept. [...] Und ein anderer Aspekt, der ist für mich auch ein ganz besonderer und auch wichtig: [Man handelt] ja auch als Lehrer in meinem Verständnis nicht monodirektional. Sondern da passiert Interaktion, nicht, des Lehrenden - Lehrer klingt irgendwie so nach Pult, aber das ist es nicht. Aber in dieser Interaktion ist es auch Zusammenarbeit oder Miteinander, wo man mit Studenten Projekte entwickelt, und ich meine, dass man durchaus auch sehr viel bekommt als Lehrer. Das muss auch einmal gesagt werden. Und das ist eine Dimension, die mich schon reizt und die durchaus auch wieder einen Input bringt für die eigene Arbeit, für das eigene Arbeiten. Ich glaube, das ist ein wichtiger und freudvoller Punkt." (SPLITTERWERK im Interview mit Pasek/Frodl 2009)

SPLITTERWERK versteht die universitäre Lehre im ursprünglichen Sinn als "universitas magistrorum et scholarium", d.h. als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Auch innerhalb der Organisation spielt der Wissenstransfer daher eine große Rolle. Junge MitarbeiterInnen und PraktikantInnen arbeiten im Team mit erfahrenen AkteurInnen, um das Voneinander lernen zu fördern. Besonders geeignet für solches Teamwork ist die Forschungstätigkeit von SPLITTERWERK, wo der Druck weniger fremdbestimmt ist als bei der Umsetzung von Realisationsprojekten.

Externe Kooperationen und Vernetzung

Unter SPLITTERWERK arbeiten Menschen unterschiedlichster Profession zusammen, daher spielen externe Kooperationen eine untergeordnete Rolle. Dennoch existieren Personen bzw. Unternehmen, mit denen immer wieder Kooperationen eingegangen werden - als Auftraggeber, Auftragnehmer oder gleichberechtigte Partner. Dazu gehören auch ehemalige SPLITTERWERKerInnen. Die Kommunikation läuft dabei jeweils über die ProjektleiterInnen, wobei man sich "nicht dreinredet". Der Kommunikationsaufwand erhöht sich jedoch durch externe Kooperationen deutlich.

Institutionalisierte Netzwerke wie Interessensvertretungen oder Vereine der Kulturszene spielen für die Praxis von SPLITTERWERK eine geringe Rolle. Man ist zwar Mitglied bei einigen Plattformen, die Bedeutung dieser Mitgliedschaften ist jedoch eher symbolisch. Ebenso spielen Online-Netzwerke eine untergeordnete Rolle für das Kollektiv, obwohl, oder gerade deshalb, weil man sich intensiv mit Medientheorie auseinander setzt. Allerdings unterstützen Online-Communities das Halten von internationalen Kontakten.

Wie es der Vielfalt innerhalb von SPLITTERWERK entspricht, gibt es auch bei der Netzwerkpflege individuelle Strategien.

"Das macht jeder bei uns im Atelier irgendwie nach seiner Art. Da gibt es Leute, die Listen haben und da gibt es Leute die [lacht] ein großes Herz und einen großen Bauch haben und einfach nach Gefühl handeln [...] und welche, die gar nicht wollen…" …berichtet SPLITTERWERK im Interview, wobei die Bedeutung eines guten Netzwerkes geschätzt wird: "Sonst könnten wir nicht so lange überleben in der Branche."

Quellen

Interview mit SPLITTERWERK am 4. Jänner 2010
BauNetz Media GmbH, Architects Ranking. Office Ranking, Ranking Lists, Regions, International, September / Oktober 2009, abrufbar unter http://www.baunetz.de/ranking/?lang=en&type=regionen&area=ranking&area=ranking&type=regionen&sub=a, (14. Jänner 2010)
Blaschitz, Mark, Freiszmuth, Hannes, Hemmrich, Edith, Roschitz, Josef, SPLITTERWERK. Whoop to the Duck! Es lebe die Ente! Springer, Wien 2005
Pasek, David, Frodl, Bernhard, A Palaver - Architektur im Radio. Episode 90: Ein Gespräch aus dem Inneren der Gruppe SPLITTERWERK mit einem der Gründungsmitglieder, Josef Roschitz, gesendet am 7. September 2009 auf ORANGE 94.0, abrufbar unter http://sendungsarchiv.o94.at/get.php/094pr3699, (10. Jänner 2010)

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