Schraubenfabrik und Gemeinschaftsbüro, Wien

Ansprechperson:
Stefan Leitner-Sidl, Jakob Sommerhuber
Typus:
Netzwerke
Branche:
Coworking
Ort:
Wien
Recherche:
2010
Durchführung:
Nina Pohler / Lisa Mittendrein

Coworking-Spaces in Wien im Vergleich

In der Arbeitswelt gibt es einen anhaltenden Trend hin zu atypischer Beschäftigung, Ein-Personen-Unternehmen und Kleinunternehmen. Die neuen Arbeitsverhältnisse zeichnen sich durch mehr Freiheit, Flexibilität und Eigenverantwortung aus, bringen aber auch neue Probleme und Anforderungen mit sich, die sich von denen in unselbständigen „Normalarbeitsverhältnissen“ markant unterscheiden (und oft nicht durch staatliche Regulierung abgefangen werden).

Dieser Trend ist in der Kreativwirtschaft und im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien besonders stark ausgeprägt. Die Zahl der neuen Selbstständigen, ‚Ich-AGs‘ und atypischen Jobs ist um vieles höher als in anderen Branchen. Innerhalb dieser flexiblen und wenig regulierten Arbeitswelten entwickeln sich stetig neue Formen der Organisation von Arbeit. Hier entstehen, unter anderem, auch neue Formen von Kooperation durch räumliche Vernetzung. Da viele Beschäftigte im IT-Sektor und den Creative Industries selbstständig sind und nicht in klassischen Büros arbeiten, besteht für sie oft nur die Alternative zwischen teuren Einzelbüros, Heimarbeit oder Arbeit in öffentlichen bzw. halböffentlichen Räumen (z.B. Kaffehäusern). Durch die häufige Heimarbeit, nur zeitweilig unterbrochen durch das Arbeiten in (halb-)öffentlichen Räumen, etwa für Besprechungen, kommt es, stärker als in klassischen Arbeitsverhältnissen, zu einer ‚Entgrenzung‘ von Erwerbsarbeit und Privatleben. Verstärkt wird diese Problematik durch räumliche und soziale Isolation, mangelnde berufliche und soziale Sicherheit, wenig Unterstützung, fehlenden Informationsaustausch und ungeregelte Arbeitszeiten.

In den letzten Jahren entstand auf Grund dieser Umstände vermehrt die Nachfrage nach Gemeinschaftsbüros, die aber inzwischen oft anders organisiert sind als traditionelle Bürogemeinschaften, wie es sie beispielsweise traditionell bei ArchitektInnen gibt. Im Folgenden werden die beiden Begriffe 'Gemeinschaftsbüro' und 'coworking space' synonym verwendet.

Was sind Coworking Spaces?

’Coworking spaces’ sind neue Formen von Gemeinschaftsbüros und entwickelten sich als Antwort auf die Probleme der neuen Arbeitsverhältnisse. Der erste coworking space, der sich so nannte, war die 2005 gegründete Hat Factory in San Francisco. In Wien gibt es mit der Schraubenfabrik schon seit 2002 einen coworking space, der allerdings damals noch UnternehmerInnenzentrum hieß. (Interessanterweise befindet sich einer der zwei Ableger der Schraubenfabrik mittlerweile in einer alten Hutfabrik und nennt sich auch so.)

Typische Merkmale von coworking spaces sind:
• Großraumbüros: es existieren nicht kleine, abgetrennte Büroräume, sondern Großraumbüros mit vielen Arbeitsplätzen.
• Branchenheterogenität: anders als bei traditionellen Bürogemeinschaften, in denen sich beispielsweise mehrere ArchitektInnen Arbeitsräume teilen, haben Gemeinschaftsbüros meist Mitglieder aus unterschiedlichen Branchen, mit unterschiedlichen Berufen.
• Flexible und variable Mitgliedschaften: statt Mietverträgen gibt es (oft) Mitgliedschaftsverträge. Diese haben relativ kurze Kündigungsfristen und können problemlos in andere Mitgliedschaften umgewandelt werden. Es kann mehrere Mitgliedschaftsarten geben, die hinsichtlich der zeitlichen und räumlichen Ansprüche sowie der angebotenen Zusatzservices variieren.
• Hot Desking: es gibt nicht mehr (nur) einen bestimmten Arbeitsplatz pro Person, sondern mehrere Menschen können sich einen Arbeitstisch teilen oder es besteht prinzipiell (jeden Tag aufs Neue) „freie Platzwahl“.
• Neue Formen der internen Koordinierung, zum Beispiels Hosts, die in allen Ablegern des internationalen coworking-‚Erfolgsmodells‘ The Hub eingesetzt werden. Hosts sorgen dafür, dass es zu einem möglichst optimalen Austausch zwischen den einzelnen Mitgliedern kommt, indem z.B. Neulinge in die Gruppe eingeführt werden, etc.

Coworking spaces können mehrere, müssen aber nicht notwendigerweise alle dieser Merkmale aufweisen. Coworking zeichnet sich zum einen durch die hohe Flexibilität, Variabilität und Unverbindlichkeit der Mitgliedschaften aus. Es gibt Modelle, in denen es Mitgliedschaften mit dem Recht auf wenige Stunden Arbeitsplatz pro Monat gibt; es gibt Modelle, in denen gelegentliche 'Drop-Ins' grundsätzlich gratis sind, etc. Das andere Merkmal, durch das sich die coworking-Bewegung besonders auszeichnet, ist die Betonung der community. Die Bildung einer Gemeinschaft, die Partizipation der Mitglieder und die Kooperation zwischen diesen wird aktiv gefördert. Coworking versucht also, die Individualisierung der Arbeit mit dem Bedürfnis nach Gemeinschaft zu vereinbaren. Werte, die das Individuum betonen (Engagement, Eigenverantwortung, Self-Empowerment) werden hier mit Werten, die die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellen (gegenseitiges Lernen und Unterstützung), verbunden. (vgl. z.B. http://citizenspace.us/about/our-philosophy)

Coworking Spaces in Wien

In Wien entwickelten sich in den letzten Jahren immer mehr neue und alternative Gemeinschaftsbüros. Generell lässt sich sagen, dass diese Gemeinschaftsbüros so unterschiedlich sind, wie kreative Arbeit und Selbstständige selbst. Die Büros sind kommerziell oder gemeinschaftlich betrieben, groß oder klein, bodenständig oder luxusorientiert, jung oder etabliert, außen- oder innenorientiert und vieles mehr.

Das bekannteste und größte Beispiel dafür ist die 2002 gegründete Schraubenfabrik.  Die Schraubenfabrik betrachtet sich als Arbeitsraum und Community von UnternehmerInnen und als ‚Mutter der coworking spaces‘. Wegen des großen Erfolges gründeten die Schraubenfabrik-Macher Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll (Konnex) nach einigen Jahren zwei ‚Ableger‘ der Schraubenfabrik, und zwar den Rochuspark und die Hutfabrik.

Abseits davon gibt es in Wien noch einige andere coworking space Projekte: das Gemeinschaftsbüro im 8. Bezirk, Spaces01 im 3. Bezirk, sektor5 im 5. Bezirk, die Bureo3gemeinschaft im 7. Bezirk oder Yurp, in einem ehemaligen Kino im 14. Bezirk. Ein Ableger des international sehr erfolgreichen Modells von The Hub hat im Frühjahr / Sommer 2010 in der Lindengasse im 7. Bezirk eröffnet. 

Einen etwas anderen Typ des Gemeinschaftsbüros stellt das Angebot der bena Gruppe dar. Zwei dieser Angebote sind die business embassy fischhof3 und graben19 im ersten Bezirk. Diese Büros verstehen sich als Business Center mit Serviceorientierung für UnternehmerInnen und BeraterInnen.

Neben diesen Büros, die mit einem spezifischen Namen als Label auftreten und längerfristig angelegt sind, gibt es in Wien auch eine wachsende Zahl inoffizieller Gemeinschaftsbüros. Meist mietet sich in solchen Fällen eine Gruppe Selbstständiger Flächen an, füllt die freien Plätze über Annoncen und arbeitet dort in relativ loser Organisation zusammen.

Eckdaten Gemeinschaftsbuero

Homepage: http://www.gemeinschaftsbuero.at/
Rechtsform: Gesellschaft bürgerlichen Rechts
Gründung: 2008
Partner: Zsolt und Dora Varszegi
Größe: 170m², 23 Arbeitsplätze, 7 Unternehmen
Ansprechpersonen: Jakob Sommerhuber
Tätigkeitsfelder: hauptsächlich IT
Ort: Wien 8, Piaristengasse 11
Zuordnung: Raum, Gemeinschaftsbüro
Interviews: Jakob Sommerhuber und ein weiteres Büromitglied

Die Entstehungsgeschichte des Gemeinschaftsbüros in der Piaristengasse lässt sich ähnlich wie die Geschichte vieler anderer coworking spaces erzählen: Am Anfang der Geschichte steht ein junges Start-Up-Unternehmen auf der Suche nach einem angenehmen und leistbaren Büroraum, am Ende dann die Gründung eines coworking spaces rund um dieses Start-Up-Unternehmen, in noch immer leistbaren, doch wesentlich größeren Büroräumlichkeiten als ursprünglich geplant.

Im Fall des Gemeinschaftsbüros waren es Jakob Sommerhuber und sein Partner Florian Landerl, die 2008 auf der Suche nach Büroraum für ihr neu gegründetes Unternehmen platogo waren. Sommerhuber und Landerl hatten bereits coworking space Erfahrung in einem von Wiens ersten spaces, Yurp, gesammelt. Als FreundInnen von Sommerhuber beschlossen, ein Souterrain-Lokal im 8. Bezirk als Investitionsobjekt zu kaufen, schlug Sommerhuber vor, aus dem Lokal ein Gemeinschaftsbüro unter seiner Verwaltung zu machen. Im November 2008 wurde das Gemeinschaftsbüro eröffnet und inzwischen teilen sich dort 20 Menschen, die in 7 Unternehmen tätig sind, den Arbeitsraum.

Das Gemeinschaftsbüro ist ein Souterrain-Lokal und man gelangt über eine kleine Treppe in den ersten, straßenseitigen Raum. Dieser Raum ist mit Hilfe von Regalen in vier Arbeitsbereiche unterteilt, in denen jeweils Tische zu kleinen Gruppen zusammengestellt sind. Über einen Durchgang gelangt man in den hofseitigen Bereich des Gemeinschaftsbüros, hier gibt es einen weiteren mittelgroßen Arbeitsraum, eine Küche mit einer kleinen Sitzecke und einer Bar. Über die Küche gelangt man in einen Besprechungsraum, der durch eine Glaswand und eine Glastür von den restlichen Räumen abgetrennt ist. Die verschachtelte Struktur der Raumaufteilung, verbunden mit Pflanzen, Listen und Cartoon-Charakteren an der Wand, sowie die Aufstellung der Tische und Regale im Raum, schafft insgesamt eine sehr verspielte Atmosphäre.

Die Mitglieder des Gemeinschaftsbüros verfügen alle über fixe, eigene Arbeitsplätze und mieten diese für 150 bis 180 € im Monat, zzgl. Mwst. Mit der Mitgliedschaft im Gemeinschaftsbüro wird selbstverständlich nicht nur ein Arbeitsplatz gemietet, auch die Nutzung der gemeinsamen Infrastruktur (Internet, Drucker, Fax, Kopierer) sowie des Besprechungsraumes und der Küche gehören dazu. Die Küche ist mit einer Herdplatte, Mikrowelle, Kaffeemaschine, einem Kühlschrank und einem Geschirrspüler ausgestattet. An der Wand in der Küche hängt eine Liste, auf der der Kaffeeverbrauch der Mitglieder aufgezeichnet wird. Daneben hängen die ‚6 Regeln für ein harmonisches Zusammenleben und –arbeiten‘.

Hauptverantwortlich für die Organisation des ‚Zusammenlebens und –arbeitens‘ sind Jakob Sommerhuber und die ‚Platogos‘, die mittlerweile sieben MitarbeiterInnen von Platogo. Jakob Sommerhuber dazu: 

„[Wir] sind eben sozusagen die Hosts, die den anderen Firmen, die hier ankommen, erklären, wie hier alles funktioniert; die Mietverträge regeln. Wenn Leute sich dafür interessieren, dann zeigen wir die Räumlichkeiten, etc. Wir sind aber selber gleichberechtigte Mieter mit allen anderen.“

Das Gemeinschaftsbüro bezeichnet sich selbst als ‚Bürogemeinschaft für Kreative im Herzen Wiens‘, und von den sieben Unternehmen arbeiten sechs im Bereich des IT Sektors. Die Mitglieder, drei Frauen, ansonsten Männer, sind im Durchschnitt zwischen 23 und 40 Jahre alt. Es gibt keine bestimmten Selektionskriterien für neue Mitglieder, die hohe Dichte an Unternehmen aus dem IT Bereich lässt sich am ehesten durch die Strategie 'Mitglieder werben Mitglieder' und wohl auch durch die Selbstselektion der potentiellen Mitglieder erklären.

Die Konzentration von Start-Ups aus dem IT-Sektor, die sich im Gemeinschaftsbüro quasi natürlich entwickelt hat, kann für andere Start-Up-Unternehmen aus der IT-Branche aber durchaus einen Vorteil darstellen, erzählt Jakob Sommerhuber: 

„Mit 123people, Tripwolf, Platogo, Challenge Labs, und Alexander Schilpp wurden in den letzten Jahren mehrere Förderungen von Mietern des Gemeinschaftsbüros an Land gezogen. Unsere Mitglieder helfen einander beim Schreiben neuer Förder-Anträge und tauschen Informationen und Erfahrungen über die diversen Programme aus.“

Die interne Kommunikation zwischen den Mitgliedern des Gemeinschaftsbüros wird unter anderem durch eine gemeinsame Google-Group, gelegentliche gemeinsame Mittagessen und eine jährliche Weihnachtsfeier unterstützt.

Die Arbeitsroutinen der Mitglieder des Gemeinschaftsbüros sind durchaus unterschiedlich. So erzählt Sommerhuber, dass die Arbeitsplätze im Gemeinschaftsbüro durchschnittlich nur zur Hälfte besetzt sind. Wie in anderen coworking spaces gibt es also nicht den einen klassischen, geregelten Büroalltag für alle. Während es Menschen gibt, die Kinder haben und das Büro deswegen bevorzugt früh benutzen, um auch früh wieder zu gehen, fängt für andere der Arbeitstag erst am späten Vormittag an. Es gibt Menschen, die in besonders arbeitsintensiven Phasen ständig da sind und auch am Wochenende ins Gemeinschaftsbüro kommen, während wieder andere diesen coworking space vor allem als 'Basislager' für Teambesprechungen benutzen und im Vergleich dazu die meiste Zeit im Außendienst bei KundInnen sind.

Die sehr unterschiedliche und flexible Nutzung des Gemeinschaftsbüros spiegelt die ebenfalls sehr unterschiedlichen und zeitlich variierenden Anforderungen der Arbeit der Gemeinschaftsbüro Mitglieder wieder und kommt diesen entgegen.

Eckdaten Schraubenfabrik

Homepage: http://www.schraubenfabrik.at
Rechtsform: Offene Gesellschaft (OG)
Gründung: 2002
Partner: Konnex Community (Rochuspark, Hutfabrik)
Größe: ca. 450 m², 35 Mitglieder
Ansprechpersonen: Stefan Leitner-Sidl, Michael Pöll
Tätigkeitsfelder: unterschiedliche Branchen
Ort: Wien 2, Lilienbrunngasse 18
Zuordnung: Raum, Gemeinschaftsbüro, Community
Interviews: Stefan Leitner-Sidl und zwei weitere Büromitglieder

Die Schraubenfabrik im Karmeliterviertel des zweiten Bezirks ist vielleicht das bekannteste Beispiel eines Gemeinschaftsbüros in Wien. Gegründet im Jahr 2002 als eines der ersten ihrer Art bietet die Schraubenfabrik heute auf zwei Stöcken Platz für etwa 35 Personen. Gemeinsam mit dem Rochuspark (seit 2007) und der Hutfabrik (seit 2004) bildet sie heute die Konnex-Communities. Die Schraubenfabrik, offiziell betitelt als UnternehmerInnenzentrum, sieht sich als ‚Mutter der coworking spaces‘ in Wien – und vertrat diese Idee lange bevor das Konzept aus den USA nach Österreich kam.

Inzwischen hat sich die Schraubenfabrik in der Wiener Kreativszene (und darüber hinaus) einen großen Namen gemacht, sie ist in Öffentlichkeit und Medien sehr präsent und die Betreiber sind zu prominenten Vertretern der Wiener Kreativwirtschaft geworden. Am besten lässt sich die Schraubenfabrik als Einheit von Arbeitsraum und Community verstehen, sie will ein Ort sein, „an dem wir Gleichgesinnte treffen, die nicht nur unternehmerisch selbständig sein, sondern dabei auch angenehm leben wollen.“ (http://www.schraubenfabrik.at/Home/story.php)

Zunächst nur auf der Suche nach Büroräumen für sich selbst, stießen Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll 2002 auf die ehemalige Fabrik in der Lilienbrunngasse. Sie mieteten das Loft an, gestalteten nach ihren Vorstellungen einen besonderen Arbeitsraum und eröffneten schließlich ein Gemeinschaftsbüro. Die Betreiber entschieden sich bewusst gegen die Teilung des Raumes in Parzellen und für ein Großraumbüro-Konzept auf 2x 220m². Dementsprechend vereinen die hohen, luftigen Lofts viele Einzelarbeitsplätze, abgetrennte Besprechungsräume, Küche, Loungebereich und eine Terrasse. Für eine monatliche Miete von 250-350 € steht den Mitgliedern ein Arbeitsplatz, die Büroinfrastruktur, sowie die Nutzung der Gemeinschafts- und Besprechungsräume zur Verfügung. Die Schraubenfabrik ist als OG organisiert und wird von Stefan Leitner-Sidl geleitet, der dort auch seinen Arbeitsplatz hat. Seit 2002 hat sich viel verändert und das Betreiben der Konnex-Communities ist inzwischen zu einem eigenen Vollzeitjob geworden. Leitner-Sidl trägt offiziell den Titel des Geschäftsführers, beschreibt seinen Job aber selbst mehr als ‚Hausmeister‘: er kümmert sich um das Finanzielle und Organisatorische, macht die Öffentlichkeitsarbeit, versorgt die Pflanzen und repariert die Kaffeemaschine. Viel Energie fließt auch in die Vernetzungsarbeit und die Weiterentwicklung des Konzepts.

Die Mitglieder der Schraubenfabrik verfügen über feste Vollzeit-Mietverträge und die Kündigungsfrist beträgt zwei Monate. Durch diese festen Mitgliedschaften entsteht zwar weniger neuer Input, die Betreiber erhoffen sich davon aber auch einen besseren Zusammenhalt. Derzeit arbeiten in der Schraubenfabrik circa 35 Selbstständige und Mitglieder von Kleinunternehmen. Obwohl die meisten aus der Kreativszene kommen, sind von Journalismus, über Grafikdesign, Mode, PR, Wissenschaftsberatung und Architektur die unterschiedlichsten Branchen vertreten. Die Mitglieder sind meist mittleren Alters, mehr als zur Hälfte Männer, schon etwas länger im Geschäft und ziehen oft mit dem Wunsch nach sozialer Einbindung aus dem Home-Office in die Schraubenfabrik. So berichtet ein Mitglied: 

„Ich habe dann ein Problem, wenn ich den ganzen Tag oder tagelang arbeite und keinen persönlichen Kontakt habe, das halte ich nicht gut aus. [...] Also prinzipiell ist einfach die Einbindung in ein soziales System das, was für mich das Wichtigste war. [...] Das funktioniert auch hier, ich hab keine andere Erfahrung, hier funktioniert das sehr gut.“ 

Das wichtigste Selektionskriterium bei den MieterInnen ist, dass sie zur ‚Community passen‘, sagt Leitner-Sidl. Die Auswahl erfolgt aber auch nach Branchen, da sich die Betreiber eine möglichst große Durchmischung wünschen und Kooperation entlang der Wertschöpfungsketten fördern wollen. Ist etwa eine Branche schon öfter im Büro vertreten und steht ein Neueinzug aus dem selben Bereich bevor, so haben die Mitglieder hier ein Vetorecht. Bestimmten Unternehmen, deren Philosophie jener der Schraubenfabrik widerspricht, bleibt der Einzug in die Schraubenfabrik generell verwehrt (beispielsweise einem Wettbüro). (http://derstandard.at/1231151853223/Lokalaugenschein-IchAGs-in-der-BueroWG)

Ein Tag in der Schraubenfabrik läuft meist anders ab als in einem klassischen Büro. Für viele Mitglieder beginnt der Arbeitstag am späten Vormittag. Hierzu gibt es eine nette Anekdote: Als der Wirtschaftskammerpräsident eines Tages, um halb neun am Morgen, den Rochuspark besuchen wollte, traf er zu dieser Zeit gerade einmal eine Person im Büro an. Abseits davon, dass wenige einen ‚nine-to-five‘-Job haben, ist die Besetzung an jedem Bürotag anders; denn viele Mitglieder kommen nicht täglich in die Schraubenfabrik, sind auf Außenterminen, arbeiten in ihrem Zweitjob oder zu Hause. Ebenso unterscheiden sich die Arbeitsrhythmen: manche arbeiten ganztags, manche halbtags und die Legende erzählt von manchen, die immer in der Nacht arbeiteten. Unterbrochen wird der Arbeitstag dennoch meist von gemeinsamen Kaffeepausen, Treffen auf der Terrasse und dem Mittagessen.

Gemeinschaft wird in der Schraubenfabrik generell als wichtig erachtet. Sowohl im Hinblick auf den Beruf, als auch auf den Arbeitsalltag ist der Community-Faktor Teil des Bürokonzepts. Gemeinsam mit der Konnex-Gruppe teilt das Büro das Motto ‚wish you were here‘ und die Betreiber wünschen sich Synergien in vielen Bereichen: "voneinander lernen, miteinander spielen und allenfalls gemeinsam Aufträge bearbeiten."  Die integrative Gestaltung der Räume soll Kommunikation fördern, die Gemeinschaftsflächen Raum zum Austausch bieten. Neben dem gemeinsamen Mittagessen gibt es ein kleines Beisammensein mit Sekt oder Kuchen zu besonderen Anlässen, wie zu Geburtstagen oder Geschäftsabschlüssen, sowie Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern. 

Die Mitglieder kommunizieren untereinander und mit den Betreibern viel via face-to-face und per Mail, bürointern und übergreifend läuft aber auch viel über die drei Mailverteiler. Dort gibt es Informationen rund um das Büro, es werden Organisatorisches und Berufliches diskutiert, während der Verteiler ‚Gala‘ Raum für jegliches ‚Off-Topic‘ bietet. Abseits des allgemeinen Gemeinschaftsaspekts ist die Entstehung von Synergien ein ausdrückliches Ziel der Schraubenfabrik. Durch das Miteinander im Arbeitsalltag entstehen Vertrauen und zudem neue Möglichkeiten des Einander-Helfens und der Zusammenarbeit. Auf der alltäglichen Ebene betrifft das kleine Unterstützungsleistungen wie Übersetzungsarbeiten, Korrekturen oder Hilfe bei technischen Gebrechen. Einen wichtigen Stellenwert nimmt für manche Mitglieder der Austausch über den Arbeitsalltag ein: 

„Und da geht es jetzt gar nicht darum, dass ich mich genau über fachliche Details austauschen kann, sondern einfach so prinzipiell einen Kaffee trinken kann. Es gibt ja auch Sachen, wo jeder die gleichen Probleme hat. Also wenn prinzipiell, wenn du in Zeitnot bist oder ein Projekt abgeben musst, das ist immer das gleiche. Und das ist viel angenehmer, wenn du wen hast, der das gleiche Problem hat und einen Kaffee trinken oder dich austauschen kannst.“

Es kommt aber auch zur konkreteren, projektbezogenen und längerfristigen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern: 

„Also ich hab einen Auftrag vergeben und das war sehr, sehr angenehm, weil ich denjenigen, an den ich vergeben habe, auch schon von hier ganz gut gekannt habe. Dadurch, dass die Kommunikation auch ziemlich gut funktioniert hat, konnte ich ihm vermitteln, was ich will, das hat ziemlich gut funktioniert. Das gibt es auch, soweit ich es beobachte, öfters. Also relativ oft momentan, dass Leute sich gegenseitig Aufträge geben. Das hat sich irgendwie aufgebaut.“ 

Die Schraubenfabrik und insbesondere die Konnex-Communities sehen sich mit ihren Mitgliedern und Alumni als großes Netzwerk an Kontakten und möglichen Synergien. Über Wien hinaus sind die Konnex Communities auch mit der internationalen Coworking-Bewegung vernetzt. Die Kooperation zwischen den Mitgliedern und die entstehenden Synergien sind freilich in jedem Fall stark abhängig von den konkret handelnden Personen. Manche Mitglieder würden sich auch noch mehr unmittelbare Zusammenarbeit wünschen: 

 „Es ergeben sich natürlich Sachen, weil man ja weiß, wenn man jetzt konkret irgendetwas sucht und man weiß, was die Leute machen, kann man sie natürlich ansprechen und hat gleich jemanden im Haus. Ich finde nur, manchmal denk ich mir, es wäre schön, wenn fast noch mehr wäre, vielleicht auch für die Einzelnen. Das könnt fast vielleicht noch verstärkt sein.“

Vergleichende Betrachtung Schraubenfabrik / Gemeinschaftsbüro

Die Schraubenfabrik bzw. das gesamte Netzwerk der Konnex-Communities ist größer, älter und insofern wohl auch ‚eingespielter‘ als das Gemeinschaftsbüro der Piaristengasse. Darüber hinaus macht es z.B. für Kooperationen einen Unterschied, ob das Büro branchenheterogen (Schraubenfabrik) oder relativ homogen (Gemeinschaftsbüro) besetzt ist. Im ersten Fall sind Kooperationen eher in Form einander ergänzender Skills möglich, im zweiten Fall existieren mehr Möglichkeiten zur Zusammenlegung von Kapazitäten zwecks Bewältigung größerer Projekte.

Die Schraubenfabrik als Teil der Konnex-Communities bewirbt sich selbst explizit mit einem ‚interaktionsfreundlichen Klima‘, um damit auch neue, bislang nicht bekannte Personen anzuziehen, denen das wichtig ist. Im Vergleich dazu haben sich im Gemeinschaftsbüro mehr oder weniger implizit Personen und Firmen ansiedelt, die einander bereits vorher gekannt haben, weil sie aus derselben Branche sind etc.

Wenn man ein Spektrum zwischen Interaktionsverdichtung (aufgrund der vorhandenen Gelegenheiten) und tatsächlichen Kooperationsformen annimmt, finden sich auf diesem Kontinuum, die von Hilfeleistungen in oder abseits der Kerntätigkeiten (‚du installierst ein Programm auf mein Notebook, dafür lese ich dein Förderansuchen quer‘…), über Auftragsvermittlung, Auftragsvergabe, fallweise bzw. kontinuierliche Zusammenarbeit bis hin zur gemeinsamen Neugründung gehen.

In der Schraubenfabrik scheint es generell mehr um spontane wechselseitige Hilfeleistungen zu gehen, darüber hinaus auch um Auftragsvermittlung oder Subauftragsvergabe. Im Gemeinschaftsbüro werden sowohl nieder- als auch höherschwellige Hilfeleistungen in den Interviews zumindest als Möglichkeit genannt, bürointerne Auftragsvergaben scheinen dagegen bislang selten zu sein (was auch mit der geringeren Anzahl an Mitgliedern im Vergleich zur Schraubenfabrik zu tun haben mag). Dafür gibt es im Gemeinschaftsbüro wiederum ein Beispiel für kontinuierliche direkte Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern sowie eine gemeinsame Neugründung. 

Fazit

Das Gemeinschaftsbüro und die Schraubenfabrik sind nur zwei von vielen Beispielen für Gemeinschaftsbüros bzw. coworking spaces in Wien. Je nach der Ausrichtung, der Art der Tätigkeit und den Wünschen der ‚UserInnen‘ an das Büro können Interessierte zwischen verschiedenen Varianten wählen.

Die Büros unterscheiden sich je nach Entstehungsgeschichte und Gründungszielen, es gibt Büros, die speziell auf die Bedürfnisse von JungunternehmerInnen ausgerichtet sind, wieder andere sind auf bestimmte Branchen spezialisiert oder bevorzugen umgekehrt Branchenheterogenität. Je nach Büro kann die Förderung beruflicher Synergien, der Aufbau von Netzwerken und sozialer Einbindung unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Je nachdem, was die/der Betreffende im Gemeinschaftsbüro sucht, kann eine bestimmte Bürokonzeption besser oder weniger gut passen. Ungeachtet der genannten Kriterien sind die wichtigsten Aspekte jedoch die persönlichen Beziehungen, inklusive der Nähe- und Distanzbedürfnisse von Interessierten.

 Die Gemeinschaftsbüros unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich folgender Aspekte:

Entstehungsursache und -form
Größe
Branchenhomogenität bzw. -heterogenität
Raumorganisation
Flexibilität von Mitgliedschaft und Arbeitsplätzen
Einbindung in Gemeinschaftsbüro Netzwerke

Was die Größe der Büros angeht, reicht die Bandbreite in Wien von eher informellen Büros mit 2-3 Personen bis hin zu großen Büros mit bis zu 50 Mitgliedern. Manche Büros sind zusätzlich auch mit anderen coworking spaces vernetzt (v.a. Konnex-Communities mit Schraubenfabrik, Hutfabrik und Rochuspark), oder Teil einer größeren internationalen Community (v.a. The Hub). 

Manche verfügen über ein eigenes Management, d.h. über Personen, die explizit die Rolle der Vermieterin/des Vermieters bzw. des Hosts haben (und davon leben). Damit hängt auch die Art und Weise zusammen, in der der Alltag der Büros und zusätzliche Serviceangebote organisiert sind; und mit welchen Kosten MieterInnen zu rechnen haben.

Die meisten Gemeinschaftsbüros sind in Form von Großraumbüros organisiert, unterscheiden sich aber deutlich in der Raumgestaltung. So kann es mehrere kleine oder einen großen Raum geben, und die Anordnung der Arbeitsplätze kann verstreut oder zentral und sehr integriert sein. Manche Büros bieten zusätzlich zu Arbeitsplätzen in Großraumbüros auch einige Einzelbüros an.

Die Büros handhaben ihre Mitgliedschaften darüber hinaus in einem unterschiedlichen Maß an Flexibilität. Klassische Modelle vergeben fixe Arbeitsplätze für eine monatliche Miete und sehen meist auch eine Kündigungsfrist vor. Andere Modelle bieten wiederum Mitgliedschaften über eine bestimmte Stundenzahl im Monat, während derer man dann im Rahmen des ‚hot desking‘ jedes Mal frei einen Arbeitsplatz wählt. Letztendlich unterscheiden sich die Büros oft auch dadurch, wer ihre Mitglieder sind (branchenhomogen vs. -heterogen) bzw. wie diese ausgewählt werden.

An diesen Beispielen zeigt sich, welche unterschiedlichen Leistungen ein coworking space für seine Mitglieder erbringen kann. Für die meisten gilt jedoch, dass sie einen Raum für vielfältige Möglichkeiten der Kooperation darstellen und dass diese durch die gemeinsame Entwicklung von sozialen und professionellen Beziehungen unterstützt wird.

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