quitch - kunst kultur plateaus, Linz

Ansprechperson:
Ingo Randolf, Stefan Schilcher, Martin Bruner
Beteiligt:
ca. 15 Personen
Typus:
Netzwerke
Branche:
Kunst , Coworking
Rechtsform:
keine
Ort:
4020 Linz
Recherche:
2009
Durchführung:
Katharina Siegl

Hotspot der freien Linzer Kunst- und Kulturszene

Im August 2004 hat sich der Kulturverein „qujOchÖ – experimentelle kunst- und kulturarbeit“ zusammen mit befreundeten KünstlerInnen an der Linzer Kulturmeile angesiedelt. Gegenüber vom Kunstmuseum Lentos wurde ein kleines, aber feines Quartier adaptiert und auf den Namen “quitch” getauft. Diese Kombination aus Labor, Werkplatz und Atelier stellt die Grundlage für kontinuierliche und professionelle Kunst- und Kulturarbeit sicher. Die Infrastruktur der Bürogemeinschaft (ca. 100 m2) wird vom Kulturverein "qujOchÖ - experimentelle kunst- und kulturarbeit" bereitgestellt und zum Teil an selbständige Kreative vermietet.

Der Name „quitch“ ist die englische Bezeichnung für die Quecke, eine ausdauernde, krautige Pflanze, die lange unterirdische Rhizome bildet, die an jedem Knoten neu wurzeln können. Den botanischen Begriff Rhizom haben die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari entlehnt, um ihn als Metapher für ein poststrukturalistisches Modell der Wissensorganisation zu verwenden. Die Bezeichnung ist ein Hinweis darauf, was der die Infrastruktur tragende Verein qujOchÖ zu leisten im Stande sein will: ein dezentrales, ausdauerndes Netzwerk ohne Stamm zu bilden, an dem an jeder Stelle Neues entstehen kann.

Derzeitige UntermieterInnen im quitch sind: Ingo Randolf (Softwareentwicklung, Video, Post-Production), Stefan Schilcher (Mediendesign und Medienentwicklung), Martin Bruner (Grafik- und Webdesign), Christof Huemer (Fotografie, Film- und Medienkunst), Dietmar Staudinger (Film, DJing, Kulturpromotion) und Nina Fuchs (TV- und Radioredaktion). Hinsichtlich der Infrastruktur gibt es Synergien zwischen quitch und qujOchÖ sowie dem außeruniversitären Forschungsinstitut LIquA und der Kulturplattform Oberösterreich (KUPF), die im selben Gebäude im 1. Stock logieren.

Die Kunst- und Kulturinitiative qujOchÖ wurde 2001 in Linz gegründet. Sie greift in Prozesse an den Schnittstellen von Kunst, Politik/Gesellschaft und Wissenschaft mittels künstlerischer Methoden ein, die von künstlerischen Interventionen in öffentlichen Räumen, öffentlichen Vortrags- oder Diskussionsreihen, musikalischen und visuellen Aktionsformen oder veröffentlichten Schriftreihen bis hin zu aktionsorientierten Installationen reichen. Die Herangehens- und Arbeitsweise von qujOchÖ ist regelmäßig durch Transdisziplinarität von Wissenschaft und Kunst, einer besonderen Intensität sowie der kritischen Auseinandersetzung mit gewöhnlichen kulturellen Praxen gekennzeichnet. Im Verein sind ca. 10 Personen aus unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen organisiert, eine mit 10 Stunden wöchentlich teilzeitangestellte Person übernimmt die Geschäftsführungsagenden des Vereins

Die Kulturschaffenden und Einzelunternehmer, die gegenwärtig im quitch einen Arbeitsplatz gemietet haben, sind nicht Mitglieder im Verein qujOchÖ, sondern lediglich UntermieterInnen. Dennoch gibt es Berührungspunkte mit dem Verein, wenn etwa gemeinsame Projekte realisiert werden, zuletzt im Frühjahr 2009 der polit-satirische Animationsfilm "Dobuschido", der seine Premiere beim internationalen Filmfestival Crossing Europe feierte oder im Sommer 2008 anlässlich der Fußball-Europameisterschaft in Österreich die Ausstellung "Leben im Strafraum" im Kunstmuseum Lentos. 2010 wurde z.B. die Performance „Das große Manöver – über das Trickster_innenwesen im Kapitalismus“ für den Steirischen Herbst inszeniert, mit beachtlicher medialer Resonanz.

Die UntermieterInnen im quitch - sie verfügen, aufgeteilt auf zwei Räume, jeweils über einen Arbeitsplatz - sind geschäftlich nicht miteinander verbunden. Alle derzeitigen MieterInnen sind im Bereich visuelle und audiovisuelle Medien (Film, Video, Grafik- und Webdesign, Medienentwicklung etc.) tätig. Aufgrund unterschiedlicher Schwerpunkte stehen sie nicht miteinander in Konkurrenz. Durch den gemeinsamen Arbeitsplatz können sie infrastrukturelle Synergien (z. B. gemeinsame IT) nutzen und punktuell Know-How aus ihren jeweiligen Arbeitsbereichen austauschen.

Den beiläufigen Know-How-Transfer sehen die UntermieterInnen auch als einen der großen Vorteile des Gemeinschaftsbüros. "Die Distanzen sind ja kurz", beschreibt Stefan Schilcher diese Möglichkeit, rasch Informationen und Tipps auszutauschen.

Entwicklungen

Für die MieterInnen stellt das hauptsächliche Motiv für den Arbeitsplatz im quitch die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten bei überschaubaren Kosten dar. Das Gemeinschaftsbüro bedeutet auch die soziale Konstruktion eines Arbeitsplatzes, mit KollegInnen, Kaffeemaschine, Besprechungsplatz und Pausenhof. Ingo Randolf, freischaffender Künstler, Softwareentwickler und im Video-Bereich tätig und seit 2007 Untermieter im quitch, beschreibt dies folgendermaßen:

"Ich habe lange genug daheim alleine gearbeitet in einer WG in meinem Zimmer, wo ich geschlafen habe und eigentlich 24 Stunden in dem Raum war, mehr oder weniger, bei intensiven Projektphasen, und das war klar, dass ich das nicht mehr haben will. Und da geht es nur darum, dass ich aus meiner Wohnung rausgehe und da her fahre und andere Leute habe. Also das hat eine Dynamik und soziale Komponenten, die mir schon sehr wichtig sind." (Ingo Randolf)

Stefan Schilcher, als Teil des Kollektivs Contraire Mediendesigner und –entwickler, ist seit Anfang 2006 Untermieter im quitch. Er betont vor allem den Aspekt der räumlichen und zeitlichen Verortung von Arbeit. Diese ist gerade bei Alleinselbständigen, wo Arbeit und Freizeit sehr stark ineinander verschwimmen und die Arbeit gleichzeitig ein Hobby ist, besonders bedeutsam: "Es wird die eigene Arbeit einfach ein bisschen offizieller im Tagesablauf."

Schilchers Partnerin bei Contraire hat ihren Arbeitsplatz nicht im quitch und arbeitet von zu Hause aus. Aus diesem Grund stehen Überlegungen an, eventuell ein gemeinsames Büro zu finden, um eine effizientere Zusammenarbeit zu erreichen.

Ein weiterer Aspekt, der im Zeitverlauf für die AkteurInnen im quitch geschäftlich interessant wird, ist die Erweiterung der persönlichen Netzwerke durch den Kontakt zu den Netzwerken der jeweils anderen. In diesem Zusammenhang spielen auch der Verein qujOchÖ und die im Stockwerk darüber angesiedelten Organisationen LIquA und KUPF eine Rolle bei der Vergabe von Aufträgen oder beim Lancieren von Projekten. Weiters werden im Netzwerk Aufträge bei fallweiser Über- bzw. Unterauslastung auch zwischen befreundeten EinzelunternehmerInnen weitergegeben.

Aus Sicht des Kulturvereins qujOchÖ bestand das hauptsächliche Motiv zur Schaffung eines gemeinsamen Raums mit einzelnen Kreativen darin, einen pulsierenden Ort für Kunst und Kultur in Linz zu etablieren. Den UntermieterInnen werden die Arbeitsplätze inklusive einer guten technischen Infrastruktur zu einem sehr niedrigen Mietpreis zur Verfügung gestellt. Ein Nebeneffekt hierbei ist, dass bei einem Wechsel der UntermieterInnen sehr schnell wieder eine Nachfolge gefunden wird, wobei hierbei darauf geachtet wird, dass diese von der inhaltlichen Ausrichtung der Aktivitäten auch in das quitch passt. Bei einzelnen Projekten des Vereins wird außerdem immer wieder versucht, die versammelten Kompetenzen einzubinden.

Erfolgsfaktoren für das Arbeiten im Netzwerk

Als Alleinselbständige sind die AkteurInnen im quitch auf ein tragfähiges Netzwerk an KundInnen und PartnerInnen angewiesen. Der Kontakt ergibt sich jeweils über vormalige Erwerbsverhältnisse, über Mundpropaganda und aus dem Freundes- und BekanntInnenkreis. Aus positiven Zusammenarbeiten entwickeln sich wiederkehrende Kooperationsverhältnisse und bisweilen relativ stabile Partnerschaften. Gute Kooperationen basieren damit vor allem auf Vertrauen.

Die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten im Netzwerk ist eine gute Kommunikation, dabei sind sich die interviewten UntermieterInnen einig. Sie ist Voraussetzung für die möglichst genaue Vereinbarung von Aufgaben und die Organisation von Prozessen zwischen den meist ebenfalls selbständigen PartnerInnen.

Ebenfalls große Bedeutung spielt die Selbstorganisation und die richtige Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und zeitlichen Ressourcen. Martin Bruner, Grafiker und Webdesigner, der seit 2006 im quitch ist, betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Delegierens für effizienteres Arbeiten:

"Ja, also bei mir war es anfangs so, dass ich sehr viel und immer alles selber machen wollte, und mittlerweile sehe ich einfach, dass ich bei gewissen Tätigkeitsbereichen viel, viel länger brauche als wie jemand anderer, und suche eigentlich dann schon andere. Der sehr konkrete Fall Programmieren: Früher habe ich da halt immer im Internet, in Foren herumgesucht, wenn ich vor einem Problem gestanden bin, und jetzt tue ich das nicht mehr. Jetzt sage ich einfach zu mir, klipp und klar, die Zeit, die ich da verschwende, die lasse ich lieber einen professionellen Programmierer dran sitzen. Der braucht dafür eine Stunde." (Martin Bruner)

Vorteile des Arbeitens im Gemeinschaftsbüro wurden teilweise bereits genannt. Im Vordergrund steht die Herstellung einer sozialen Arbeitsatmosphäre mit allen positiven Begleiterscheinungen: Die räumliche Trennung von Arbeit und Privatsphäre bei geteilten Kosten für die Infrastruktur, der laufende Know-How-Transfer unter "KollegInnen" und die Möglichkeit, zwischendurch qualifiziertes Feedback auf Werke einzuholen sowie die Erweiterung des beruflichen Netzwerkes sind durchwegs starke Argumente für ein Gemeinschaftsbüro. Für qujOchÖ ergibt sich ein weiterer Vorteil dadurch, dass bei notwendigen Arbeiten im Rahmen von Kunstprojekten auf das im Haus vorhandene Potenzial zurückgegriffen werden kann. 

Nachteile werden von den quitch-UntermieterInnen keine genannt, die zu bewältigenden Probleme sind vergleichbar mit typischen "WG-Problemen" wie Aufräumen und Ordnung halten.

Allgemein wird die Verbindung von beruflichem Netzwerk und Freundeskreis mit gemeinsamen Interessen betont. Die persönliche Sympathie ist zwar keine Voraussetzung für gemeinsames Arbeiten, dennoch sind solche Verhältnisse vorherrschend. In diesem Sinne wird auch das Angebot von Veranstaltungen zur Vernetzung der Wirtschaftskammer (noch) nicht genützt. Zwar gibt es gelegentliche Überlegungen, "sich das einmal anzuschauen", jedoch ohne ernsthafte Ambitionen oder Erwartungen.

Das Bewusstsein für aktives Netzwerkdenken und -handeln ist jedoch vorhanden. Stefan Schilcher berichtet in diesem Zusammenhang von einer Erfahrung im einschlägigen Freundes- und BekanntInnenkreis:

"Also was ich mal probiert habe, so, und das war ganz witzig, was das ausgelöst hat: In dem Moment wo wir im Freundeskreis, Filmemacher, Kunstuni angefangen haben, über Netzwerke zu reden, ist das schon konkreter als Netzwerk wahrgenommen worden. Also es ist dann nichts Konkretes daraus geworden, nur die Wahrnehmung, dass man eigentlich ja ein Netzwerk ist. Dass dieses Bewusstsein darüber schon irgendwie existiert, aber vielleicht gar nicht so explizit da ist. Und in dem Moment, wenn man anfängt, darüber zu reden und das so wahrnimmt, ergeben sich vielleicht mehr Synergien." (Interview mit Stefan Schilcher)

Der Kulturverein qujOchÖ legt jedoch sehr großen Wert auf Vernetzung. Er ist etwa aktives Mitglied bei der IG Kultur und der Kulturplattform Oberösterreich, darüber hinaus außerdem sehr aktiv in einer losen Plattform der freien Kunst- und Kulturinitiativen in Linz. qujOchÖ ist kein offener Verein, d.h. eine Mitgliedschaft ist nicht jederzeit möglich, sondern ergibt sich nur durch die Einbindung von Seiten der aktiven Vereinsmitglieder. Diese sind jede und jeder für sich vielfältigst vernetzt. qujOchÖistInnen - so nennen sich die bei qujOchÖ aktiven Kunst- und Kulturschaffenden - sind beispielsweise im OÖ. Landeskulturbeirat, im Linzer Stadtkulturbeirat oder im Architekturforum Oberösterreich vertreten. Enge Beziehungen bestehen zur Kunstuniversität Linz und zur Johannes Kepler Universität Linz, wo einige der qujOchÖistInnen lehrend tätig sind und zu einer ganzen Reihe an anderen Kunst- und Kulturinitiativen, in denen teilweise parallel eine Mitgliedschaft besteht. Außerdem bestehen personelle Überschneidungen mit dem Linzer Institut für qualitative Analysen, einer außeruniversitären sozial- und kulturwissenschaftlichen Einrichtung, die im selben Gebäude im ersten Stock eingemietet ist.

Als größter Erfolgsfaktor für das quitch kann gelten, dass ein sehr stabiler und äußerst gut im Kunst-, Kultur- und Kreativbereich vernetzter Kern in Form des Kulturvereins qujOchÖ für die infrastrukturelle Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung zuständig zeichnet. Darüber hinaus tragen die Vielfältigkeit der vorhandenen Disziplinen und damit verbundenen Kompetenzen wesentlich dazu bei, dass mit dem quitch ein pulsierendes, produktives Zentrum zwischen Creative Industries und Kunst/Kultur verbunden wird - wenn auch in überschaubarer Größe. Wert wird zudem auf flache Hierarchien und einfache Kommunikationsformen gelegt. Der Pflege von Online-Netzwerken stehen die einzelnen quitch-AkteurInnen hingegen eher kritisch gegenüber. Zum einen seien die typischen Plattformen vor allem "Entertainment-Geschichten" zum "Austausch von Befindlichkeiten", zum anderen wird die Pflege derartiger Online-Repräsentanzen als zu zeitaufwändig empfunden.

Quellen

Gruppeninterview mit Stefan Schilcher, Martin Bruner und Ingo Randolf am 23. Juli 2009

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