p.m.k – Plattform Mobile Kulturinitiativen, Innsbruck

Webseite(n):
www.pmk.or.at
Ansprechperson:
Christian Koubek, Ulrike Mair
Beteiligt:
ca. 30 Mitgliedsvereine
Typus:
Netzwerke
Branche:
Kunst , Sonstiges
Rechtsform:
Verein
Ort:
6020 Innsbruck
Recherche:
2010
Durchführung:
Katharina Siegl

Veranstaltungsort der freien Kulturszene in Innsbruck

Der Verein p.m.k ist ein Zusammenschluss verschiedener Innsbrucker Vereine der freien Szene mit dem Ziel, einen gemeinsamen Veranstaltungsort zu erhalten und zu bespielen. Der Verein fungiert dabei als "Regiegemeinschaft". Zweck der p.m.k ist der Erhalt und der Betrieb der Räumlichkeiten als gemeinsamer Ort in den Viaduktbögen und die Betreuung und Weiterentwicklung einer allen Mitgliedern zur Verfügung stehenden Büro-, Service- und technischen Infrastruktur. Darüber hinaus übernimmt das Team der p.m.k auch administrative Aufgaben, etwa die behördliche Anmeldung von Veranstaltungen, Subventionsanträge, Öffentlichkeitsarbeit und die Getränke-Einkäufe für den Barbetrieb.

Das Bespielen des Ortes übernehmen die ca. 30 Mitgliedsvereine eigenverantwortlich: d.h. Programm und Acts, zusätzlich benötigte Ausstattung, Barbetrieb, Gästebetreuung und Sicherheitspersonal werden von den jeweiligen Vereinen selbst organisiert, wobei die p.m.k sie mit Checklisten für die Planung und Abwicklung von Veranstaltungen unterstützt. Das Recht zur Nutzung des Ortes erhalten die Vereine durch die Mitgliedschaft sowie eine pro Veranstaltung zu bezahlende Pauschale. Die Einnahmen aus der Veranstaltung (Eintritt, Barbetrieb) gehen zur Gänze an den veranstaltenden Verein.

Auf diese Art entsteht in der p.m.k ein überaus vielfältiges Programm aus Konzerten, Workshops, Filmabenden, Diskussionsrunden und Partys mit unterschiedlicher inhaltlicher und stilistischer Ausrichtung:

"Gehe ich heute zu einem Death-Metal-Konzert, dann ist es morgen vielleicht ein Filmabend, übermorgen eine Elektronikveranstaltung. Jeweils völlig andere Kunst, völlig anderes Publikum, andere Leute vor und hinter der Bar. Das Ganze wäre so in ein- und demselben Lokal andernorts nur schwer vorstellbar. Und doch, die unterschiedlichen Leute, die hier herkommen, haben etwas Gemeinsames. Ich würde sagen, es verbindet sie etwas, das über den physischen Ort hinausgeht, wenn auch noch nicht in dem Sinne, dass sie aktiv zusammenlaufen, sehr wohl aber, dass sie eine radikale Offenheit auszeichnet." (Vötsch, o.J.)

Die Terminorganisation für die rund 200 Veranstaltungen pro Jahr erfolgt über eine eigene Online-Plattform nach dem Prinzip "first-come, first-served". Die Vereine tragen eigenständig ihre Termine in einen Kalender ein. Ist ein Termin bereits vergeben, muss eine Alternative gefunden werden. Die Online-Plattform dient natürlich auch der Kommunikation und Information der Mitglieder. So werden etwa die Protokolle der 14-tägig stattfindenden Beiratssitzungen dort veröffentlicht.

Der Beirat ist das Entscheidungsgremium der p.m.k. Hier ist jeder Verein mit einer Stimme vertreten, die Teilnahme steht allen Vereinsmitgliedern offen. Durch den zweiwöchentlichen Rhythmus können allfällig auftauchende Probleme rasch besprochen werden. Auch über die Aufnahme neuer Mitgliedsvereine wird im Beirat abgestimmt.

In der p.m.k kann nur als Veranstalter auftreten, wer Mitglied ist. Mitglieder können nur Kul-turvereine werden, die Mitglied der TKI sind (Tiroler Kultur Initiativen, die Landesorganisa-tion der IG Kultur). Damit erfüllen sie die Voraussetzungen für die Vergnügungssteuerbefrei-ung und die AKM-Ermäßigung von 40%. Externe Anfragen für Veranstaltungen werden vom p.m.k-Team an potenziell interessierte Mitgliedsvereine weitergeleitet, welche dann selbst über eine Partnerschaft entscheiden und somit als Veranstalter auftreten.

Entwicklung: Mobile Kulturinitiativen finden einen gemeinsamen Ort

Nachdem kurz nach der Jahrtausendwende mit dem Utopia eine Institution der alternativen Kulturszene in Innsbruck Konkurs anmelden musste und nicht von den Subventionsgebern aufgefangen wurde, verloren viele freie Kulturschaffende einen wichtigen Ort für ihre Aktivitäten. Aus dieser Raumproblematik heraus formierte sich in der freien Szene die Plattform Mobile Kulturinitiativen, um gemeinsam in Verhandlungen mit der Politik zu treten mit dem Ziel, die nun "freien" Subventionen für das Utopia der freien Kulturszene zu erhalten und neue Räumlichkeiten zu finden. In zahlreichen Plena entwickelten die beteiligten Vereine und Personen das Konzept für einen neuen, zentrumsnahen Veranstaltungsort für rund 300 Personen mit Büro und geeigneter Infrastruktur. Dieser sollte allen Beteiligten gleichberechtigt und unabhängig von einer Sparte, eines Stils oder eines Inhalts offen stehen, ihnen eigenverantwortliches Schaffen und auch eigene Einnahmen ermöglichen:

"Also da sind alle in die Entwicklung und Konzeptionierung einbezogen worden, weil es eben klar war, dass die Zeit andere Konzepte braucht. Also die klassischen Veranstaltungs- und Kulturzentrumskonzepte, wo es vielleicht einen, zwei künstlerische LeiterInnen gibt, oder wie man da so sagt, war für uns eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Also wir wollten eine Art aktiven Zusammenschluss der Vereine und Gruppierungen schaffen, einen Ort, wo jeder praktisch gleichberechtigt arbeiten kann, veranstalten kann, nutzen kann und auch weiterentwickeln kann." (Interview mit Christian Koubek)

In der Zwischenzeit fanden die Kulturschaffenden zuweilen nur "Notlösungen" für ihre Auftritte, beispielsweise in den Räumlichkeiten des p.m.k-Mitgliedsvereins Workstation, der Proberäume für zahlreiche Bands anbietet. Für Veranstaltungszwecke wurden dort die behördlichen Auflagen nicht erfüllt, der Obmann der p.m.k, im Zweitjob auch Administrator der Workstation, gesteht jedoch:

"In einer Übergangsphase war die Workstation drei Jahre lang eigentlich auch Veranstaltungszentrum. Aber wie gesagt, aufgrund der baulichen Gegebenheiten war es sehr, sehr illegal und sehr, sehr underground. Aber es war super, es war genial und kultig. [...] Wir haben keine öffentliche Werbung machen können, das war immer ein Versteckspiel. Natürlich hat die Öffentlichkeit Bescheid gewusst, aber solange wir nicht öffentlich aufgetreten sind, haben sie uns in Ruhe gelassen." (Interview mit Christian Koubek)

Die Verhandlungen mit der Politik gestalteten sich zwischenzeitlich schwierig: Nach anfänglichen Subventionszusagen von allen Seiten begann die Suche nach einem geeigneten Ort. Doch nach der Vorlage konkreter Konzepte änderte die Innsbrucker Stadtregierung ihren Kurs und zog die Unterstützungsabsicht zurück, das Land machte seine Finanzierung von der Beteiligung der Stadt abhängig. Nach monatelangem Stillstand mobilisierten Ende 2002 verschiedene Kulturschaffende schließlich zu aktionistischen Protestformen (Hausbesetzungen, Demo mit Open Air Konzert, Streetparade, KünstlerInnenversteigerung und Performances im öffentlichen Raum), an welchen sich die p.m.k (mit Ausnahme der Hausbesetzungen) intensiv beteilige. In der Folge kam wieder Bewegung in die Angelegenheit und eine Startsubvention konnte lukriert werden. 2003 wurden durch einen glücklichen Zufall zwei benachbarte Bögen des Eisenbahnviaduktes innerhalb kurzer Zeit frei und in Fol-ge als Veranstaltungsraum und Büro angemietet und adaptiert. Im Sommer 2004 wurde eröff-net. 2007 wurde ein weiterer Viaduktbogen (Nr. 16) dazugemietet, der nun die Büroinfra-struktur beherbergt. Dadurch konnte in den Bögen 19 und 20 die technische Ausrüstung verbessert und Platz für eine Lounge geschaffen werden.

Seither bemüht man sich um eine kontinuierliche Weiterentwicklung der p.m.k. Mit den Jah-ren wurden sowohl technische Belange, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation und Kommunikation als auch kaufmännische Aspekte erweitert und professionalisiert. Eine Programmzeitschrift erscheint mittlerweile zweimonatlich, ein Newsletter wird wöchentlich versandt, Onlinepräsenzen werden betreut, Dokumentation und Archiv erweitert und nicht zuletzt konnten einige wichtige Vergünstigungen wie eine AKM-Ermäßigung oder die Vorsteuerabzugsbe-rechtigung erreicht werden. Von großer Bedeutung ist die Beteiligung an verschiedenen Initiativen in der Kulturpolitik. Eine dieser Initiativen ist die ‚Baettlegroup for Art‘, eine Arbeitsgemeinschaft aus Interessenvertretungen und Zusammenschlüssen aus dem Kulturbereich. Ziel der Baettlegroup ist kulturpolitisches Lobbying für die freie Szene und für unabhängige Kunst- und Kulturschaffende in Innsbruck. Um die Bemühungen mit Zahlen und Fakten zu untermauern, wurde 2006/07 ein großangelegtes Rechercheprojekt gestartet, dessen Ergebnis eine umfangreiche Darstellung der freien Kulturszene in Innsbruck ist. Seit 2009 beteiligt sich die p.m.k an der Produktion der neuen Zeitschrift für kulturelle Nahversorgung "Mole" bzw. molekultur.at. Selbstverständlich ist man auch in der TKI (Tiroler Kultur Initiativen), der Landesorganisation der IG Kultur, vertreten.

Arbeiten im Netzwerk: Praxis und Erfolgsfaktoren

Struktur als Programm

Die p.m.k fungiert für ihre Mitgliedsvereine in erster Linie als Strukturanbieterin. Sie tritt nur in wenigen Fällen selbst als Veranstalterin in Erscheinung, zumeist durch die Beteiligung bei größeren kulturellen Festen in der Stadt Innsbruck. Die FunktionsträgerInnen der p.m.k ver-stehen sich als Knotenpunkte in der Szene und vertreten in diesem Sinne die Haltung, den Mitgliedsvereinen und deren hauptsächlich ehrenamtlichen Mitgliedern möglichst gute Be-dingungen für ihre Aktivitäten zu bieten:

"Ich sehe mich als jemand, der für eine Szene arbeitet, der Basis-Voraussetzungen schafft, der schaut, dass finanzielle Mittel da sind, um Infrastruktur, Orte, Projekte realisieren zu können." (Interview mit Christian Koubek)

Die Mitgliedsvereine sind dabei nicht exklusiv an die p.m.k gebunden, sondern veranstalten auch an anderen Orten in Innsbruck und natürlich auch darüber hinaus:

"Die p.m.k wolle nie die Szene an einen Ort binden oder aufsaugen, sondern es war einfach ein Zusatzangebot und eine Art Homebase mit einem gewissen Identifikationsfaktor und, wie wir finden, 'Top-Konditionen', um Qualität möglich zu machen." (Interview mit Christian Koubek)

Neben einer ausgeprägten Kommunikationsfähigkeit sowie inhaltlichem, technischem und organisatorischem Knowhow ist für das Team der p.m.k auch das Bewusstsein für die Ressourcen und Motivationen der Personen in den Mitgliedsvereinen von Bedeutung. Der Großteil arbeitet unentgeltlich und ehrenamtlich aus Idealismus, Leidenschaft und Spaß. Dennoch ist es wichtig, dass alle ihre Verantwortung für das Gesamte erkennen: Alles, was die einzelnen Vereine in der p.m.k machen, falle auf die p.m.k zurück, das positive wie das negative, so Obmann Christian Koubek im Interview.

Offen, aber nicht beliebig

Trotz der Offenheit für unterschiedlichste Stile, Genres und Sparten wird die Mitgliedschaft in der p.m.k nicht leichtfertig vergeben. Über neue Mitglieder wird im Beirat abgestimmt, davor gibt es ausreichend Zeit für alle Vereine, sich über den antragstellenden Kulturverein zu informieren und zu prüfen, ob Anspruch und Qualität zur p.m.k passen. Die günstigen Konditionen und Rahmenbedingungen der p.m.k locken immer wieder InteressentInnen ohne nen-nenswerten kulturellen Qualitätsanspruch an, die dann abgelehnt werden. Die Aufnahme durch Mehrheitsbeschluss bedeutet für die p.m.k also eine Qualitätssicherung. Mario Vötsch, der im Rahmen seiner Dissertation eine umfangreiche Fallstudie über die p.m.k erstellt hat (Vötsch 2010, S. 195), beschreibt als implizite Kriterien für eine Mitgliedschaft in der p.m.k einen professionellen Anspruch, Qualitätsorientierung, aber auch die Fähigkeit und den Willen, das Funktionieren des Kollektivs durch entsprechende ethische, kommunikative und organisatorische Ansprüche zu stützen:

"Durch den erfolgten Zutritt ist auch bereits die Praxis der Akteure verbürgt. Einmal aufgenommen, werden ihre laufenden Inhalte nicht weiter verbindlich beurteilt - es sei denn, es kommt zu eklatanten Unvereinbarkeiten im Zuge der Praxis". (Vötsch 2010, S. 196)

Auf diese Weise entsteht ein heterogenes, in zentralen Punkten jedoch gut aufeinander abgestimmtes Gefüge. So beschreibt Koubek die Atmosphäre in der p.m.k abgesehen von typischen "WG-Problemchen" als freundschaftlich bis familiär. Nur einmal kam es zu einem größeren Konflikt. Nach den mehrmaligen, gewaltbereiten Handlungen eines politisch ausgerichteten Kulturvereins wurde dieser nach hitzigen Debatten Mitte 2009 aus der p.m.k ausgeschlossen. Die p.m.k hat damit ein sehr aktives Mitglied verloren, der Schritt sei aber aufgrund des für die Institution potenziell gefährlichen Verhaltens des Vereins notwendig geworden, begründen Vorstand und Geschäftsführung diese Zäsur in der Vereinsgeschichte in einer Stellungnahme (p.m.k 2009).

Gebündelte Kräfte, organisierte Freiheit

In ökonomischen Termini gesprochen bündelt die p.m.k durch ihre Konstruktion die Marktmacht ihrer AkteurInnen, ohne ihnen selbst als Marktmacht gegenüber zu treten. Durch den Zusammenschluss erhalten die Vereine nicht nur Ort und Struktur, sondern werden als p.m.k zum lokalen "Player" in der Kulturpolitik, in der Akquise von Subventions- und Sponsorgeldern, gegenüber der Urheberrechtsgesellschaft AKM, in der Öffentlichkeitsarbeit, bei der Bestellung von Getränkelieferungen und sogar gegenüber dem Finanzamt (Vorsteuerabzugsberechtigung).

Durch ihre basisdemokratisch geprägte Struktur und das Commitment der Mitglieder zum Ort und zueinander ermöglicht die p.m.k ihren Mitgliedern größtmögliche Freiheit im Ausleben ihrer Ansprüche in der Kulturproduktion und -vermittlung und verzichtet darauf, zu Gunsten einer "Linie" oder eines "Stils" "Programm" zu machen:

"Das Gefüge der p.m.k zeigt, dass für die Kulturschaffenden der Freien Szene in Innsbruck ein Organisieren von Freiheit möglich geworden ist, durch das Ideen kollektiv ins Leben gerufen werden und Menschen zueinander in produktive Spannungen treten." (Vötsch 2010, S. 301)

Das Vorgehen der p.m.k nach außen ist dabei von hoher Professionalität im Umgang mit den Behörden, den Partnern, der Politik und den Medien geprägt. Nach innen gibt es außer den Protokollen der Beiratssitzungen keine schriftlichen Vereinbarungen, es herrschen Vertrauen, Toleranz und Solidarität:

"Es macht jeder aus Idealismus und es verdient keiner was dabei. Und von dem her sollte es auch nicht zu bürokratisch werden, sonst verliert man auch den Spaß daran. Und der Spaß ist für die Leute, die aktiv das Programm gestalten, schon der Hauptfaktor. [...] Aber es ist auch jedem bewusst, was er vom Ort hat und dass man deshalb mit dem Ort, mit den Leuten und mit der Infrastruktur vernünftig umgehen sollte." (Interview mit Christian Koubek)

Quellen

Interview mit Christian Koubek, durchgeführt am 17. Dezember 2009
p.m.k, Stellungnahme zum Ausschluss der Grauzone aus der p.m.k, Juni 2009
Vötsch, Mario (o.J.): Organisieren von Freiheit, Essay auf der Homepage der p.m.k, abrufbar unter http://www.pmk.or.at/articles/mario-vötsch-das-organisieren-von-freiheit (5. Jänner 2010)
Vötsch, Mario (2010): Organisieren von Freiheit. Nomadische Praktiken im Kulturfeld, VS-Verlag, Wiesbaden 

Verwandte Artikel:

Verein zur Förderung freier Filmschaffender aus dem Raum Salzburg
Label for Fine Art, Architecture, Painting, Skulpture and New Media
Gemeinschaftslabor in einem Stellwerk über den Gleisen von Innsbruck
Verein zur Entwicklung und Erforschung zeitgenössischer Ausdrucksmittel
Hacker-Homebase und Start-up-Kultur
„Wir haben es mit eigenen Händen gebaut“