Mon Ami cafe/bar/design, Wien

Webseite(n):
www.monami.at
Ansprechperson:
Tobias Pichler, Manfred Goed
Beteiligt:
2 Partner Mon-Ami, Coworkers
Typus:
Netzwerke
Branche:
Sonstiges , Mode , Coworking
Rechtsform:
Personengesellschaft
Ort:
Wien
Recherche:
2009
Durchführung:
Alfons Bauernfeind / Hubert Eichmann

"Kantine mit Öffentlichkeitsrecht"

Die „Vernetzungsplattform“ Mon Ami umfasst einerseits ein Lokal (Café / Bar), andererseits eine Bürogemeinschaft, einen Onlinemusik-Dienstleister und einen Modeverkaufs- sowie Modeproduktionsraum. Tobias Pichler, der Betreiber des Mon Ami, hatte die Vision, einen Ort zu schaffen, an dem Kreative arbeiten und im „verlängerten öffentlichen Wohnzimmer“ ihre Freizeit verbringen können. Dadurch sollte der gemeinschaftliche Austausch und die Entwicklung neuer Projekte gefördert werden.

Da beide Elternteile von Tobias selbständig erwerbstätig waren, hatte er von klein auf den Habitus von Unternehmern kennen gelernt. Selbst während des Jus- bzw. später Publizistikstudiums hat der heute 34-Jährige lieber als Regieassistent für den ORF gearbeitet als studiert. Da er seine Projektaktivitäten immer weiter ausgedehnt hatte, beschloss er, das Studium nach dem ersten Studienabschnitt abzubrechen. Tobias wurde nach seiner Tätigkeit beim ORF allein-selbständiger Eventmanager. Um nicht mehr alleine im Home-Office zu arbeiten, hat er mit anderen befreundeten Kreativen einen Gemeinschaftsbüroraum geschaffen. Weniger der ökonomische Ansatz, also der Zusammenschluss um Kosten zu sparen, sondern soziale Aspekte wie das Beisammensein, die gemeinsame Kreation von neuen Ideen und das Erzielen von synergetischen Effekten standen bei der Verwirklichung des Mon Ami im Vordergrund. 

„Ich wollte weg vom klassischen Home Office, wo einem die Decke auf den Kopf fällt und man in Unterhosen vor dem Computer sitzt. Irgendwann willst du das nicht mehr. Aber wir sind hier jetzt keine klassische Bürogemeinschaft, wo man sich einfach Fax und Kopierer teilt, das war mir zu wenig. Ich wollte einfach einen kreativen Spielraum mit sehr vielen kreativen Leuten haben, seien es Musiker, seien es Modedesigner, … mit denen ich im Freundschaftskreis oder in unterschiedlichen Projekten immer schon zu tun hatte“. 

Die Bürogemeinschaft besteht aus Grafikern, Webdesignern, Musikagenten und anderen befreundeten Kreativen, die sich im ersten Stock des Gebäudes zu fünft zwei Räume mit 70mBürofläche teilen. Die Büro-Untermieter sind Selbständige, die einerseits autark überlebensfähig sind, andererseits miteinander kooperieren: 

„…jeder hat so seine Projekte, keiner wird zu irgendetwas gezwungen. Es passiert natürlich Gott sei Dank immer wieder, dass man synergetisch miteinander arbeitet, gemeinsame Projekte realisiert, zusammen auf neue Ideen kommt, oder für ein Projekt [z.B. einen] Grafiker benötigt. Dann fragt man natürlich denjenigen als ersten, der im Nebenraum sitzt. Der kann einen dann wieder auf eine Idee bringen, weil er mit einer Firma kooperiert, die einen wiederum für eine Modeshow oder für eine DJ-Performance buchen will“.

Zusätzlich zu den Büroräumlichkeiten wurde im Erdgeschoß eine „Kantine mit Öffentlichkeitsrecht“ eröffnet. Diese Bar fördert als „verlängertes Wohnzimmer“ den internen Austausch (Bonding) und die Kommunikation mit Außenstehenden, Interessierten, anderen Kreativen und Menschen mit einem ähnlichen Lebensstil (Bridging) [1].


Um dieses Lokal zu eröffnen, benötigte Tobias einen Partner, der über eine Gastronomiekonzession verfügte. Tobias war zuvor in verschieden Clubs als Veranstalter tätig und kannte deshalb über sein ausgedehntes Netzwerk jemand, der bereits in einigen Lokalen in Wien als Geschäftsführer tätig war. Dieser konnte auch bereits einige „Herzensprojekte“ realisieren und entsprach dem gewünschten Anforderungsprofil eines „Projektierers“.

Im hinteren Teil des Lokals befinden sich ein Modegeschäft und eine Modeproduktionsstätte. Ursprünglich sollte hier eine Kunst- bzw. Fotogalerie entstehen. Da jedoch eine befreundete Modedesignerin ein Atelier gesucht hatte und besonders motiviert war, hier einzuziehen, wurde der ursprüngliche Plan verworfen. Das Konzept besteht folglich darin, die eine Hälfte des hinteren Raums als Produktionsraum und die andere Hälfte als Verkaufsraum zu gestalten.

„Mir war wichtig, dass da eine Interaktion stattfinden kann; dass du als Gast hinten den Produktionsablauf und das Design hautnah miterleben kannst, und dass andererseits die zweite hintere Fläche als Verkaufsraum für mehrere andere österreichische Labels zur Verfügung steht.“

Da viele kleine österreichische Modelabels weder Geld noch Zeit dafür haben, einen eigenen Shop zu betreiben, war die Idee nahe liegend, ModedesignerInnen aus dem erweiterten Netzwerk eine Vertriebsmöglichkeit zu bieten. Aktuell werden im Modeverkaufsraum des Mon Ami Kleidungsstücke von ca. 15 unterschiedlichen Labels angeboten. 

„Das fließt dann in das Gesamtkonzept ein, dass das Mon Ami ein Platz ist, wo du einfach nur auf ein Bier vorbeikommst und dir dann vielleicht die Musik anhörst … oder im dahinter liegenden Bereich auch shoppen gehen kannst.“

Aus dieser Philosophie entstand der Mon Ami Slogan: „Ein Rock - zwei Bier - und drei Songs“. Die Songs beziehen sich dabei auf die Internet-Musik-Plattform www.phonoment.com. Die Plattform Phonoment für Independent-Labels wurde von Tobias‘ Bruder ins Leben gerufen. Der Server ist im Mon Ami lokalisiert, das werbe- und informationsfreie Internetradio der Plattform läuft im Lokal, sofern nicht gerade DJs im Mon Ami aktiv sind. 

Die Basis: Gute Freundschaften und gute Verträge

Tobias hatte bereits mehrere Lokale besichtigt. Doch als die Besitzerin eines Geschäftslokals direkt vis-a-vis seiner Haustüre beschloss, in Ruhestand zu gehen, war der sprichwörtlich naheliegendste Ort für die Mon Ami-Idee gefunden. 

„Die ehemalige Betreiberin und ich haben … immer ein ganz nettes, nachbarschaftliches Verhältnis gehabt. Als ich erfahren habe, dass die Räumlichkeiten frei werden, da sie in Pension geht, und dass es hier weitaus mehr Möglichkeiten gibt, habe ich mich mit der Hausverwaltung in sehr langen und intensiven, aber durchaus auch von beiden Seiten offenen Gesprächen, auf eine Übernahme geeinigt“.

Als nächsten Schritt musste sich Tobias mit Manfred Goed, dem besagten Freund aus der Gastronomiebranche, einigen. Wichtig war ihm, dass es eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Vision gibt, denn die  Verantwortung und das Risiko setzen eine große Vertrauensbasis voraus. Gemeinsam hat man eine OG gegründet und sowohl das Erdgeschoß als auch das 1. Stockwerk gemietet. Tobias und sein Geschäftspartner bezahlen nur jene Fläche, die sie selbst benutzen, die übrige Fläche des Mon Ami konnten sie durch Aufwandsentschädigungen, Gegengeschäfte und Untermietverträge mit den übrigen Partnern finanzieren. 

„Dann haben wir ein gutes halbes Jahr intensivste Renovierungsarbeiten geleistet, also großteils selbst, weil das ganze sonst nicht finanzierbar gewesen wäre. Arbeit hineingesteckt, bis es das geworden ist, was es heute ist. Wir haben die gesamte Grundfläche gefliest, fünf Tage lang mit Rollerblades, Knieschützern und Stemmeisen. Hier war eine Zwischendecke, hinten eine Raumtrennung … das hat alles furchtbar ausgesehen.“ 

Der hohe Arbeitseinsatz und die handwerklichen Anstrengungen haben sich gelohnt. Nachdem die beiden Jungunternehmer langen Atem bewiesen hatten, konnten sie 15 Monate nach der ersten Verhandlung das Lokal im Jänner 2007 eröffnen.

Auch wenn durch befreundete Büro-Untermieter und durch den Modeverkaufsraum eine Stammkundschaft vorhanden war, hat man sich nicht darauf verlassen, dass das Lokal von selbst gute Erträge abwirft. Man benötigte einen Namen, der nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch das Szenepublikum anspricht. Enge soziale Netzwerke bieten vor allem zu Beginn Unterstützung; je länger man dann selbständig ist, desto eher verpufft der Neuigkeitswert im eigenen Umfeld. Kreative Geschäftsideen sollten demzufolge nicht vom Wohlwollen guter Freunde abhängig sein, sondern eigenständig funktionieren. Eigene Freunde können maximal einen zusätzlichen Schwung in das Betriebsgeschehen einbringen, verlassen sollte man sich darauf lieber nicht. Nachhaltiger ist es, auf bereits gemachte Erfahrungen zu bauen und das bereits erworbene praktische Wissen einzusetzen. Im Falle von Tobias und Manfred waren es Party-Aktivitäten, die ihnen in der Szene schon einen Namen gebracht haben. 

„Uns hat am Anfang sicher sehr geholfen, dass wir früher immer Partys und Veranstaltungen gemacht haben. Ich habe zum Beispiel mit zwei Partnern die ‚Camera‘ relauncht. Und früher noch, im alten ‚Deli‘, wie es eine Kebabbude war, haben wir jeden Samstag die Auflegerei gemacht. Oder im Otto Wagner Pavillon, wo es schon tot war, und dann haben sie wieder angefangen, Partys zu machen. Da haben wir schon, auf wienerisch ausgedrückt, ‚sehr viel umgerührt‘ und haben dabei einen sehr leidenschaftlichen Zugang entwickelt. Das klingt jetzt blasphemisch, aber es ging uns nicht darum, viel Kohle zu verdienen, es ging eben auch darum, dass man einen gewissen ‚Spirit‘ verbreitet. Wenn du das relativ lang und relativ ehrlich versuchst, dann schaffst du es auch, dir eine gewisse ‚Crowd‘ zu züchten, und dann wissen die Leute, was du machst. Dann vertraut die Szene darauf, dass, wenn wir das machen, das halbwegs ‚straight‘ und nett ist. Dieser Vertrauensvorschuss hat uns schon sehr geholfen.“

Das Erfolgsrezept von Tobias besteht somit aus einem Mix aus Credibility, Erfahrung, Enthusiasmus und Netzwerk-Kapital. Doch auch oder ganz besonders bei Geschäftsbeziehungen unter Freunden braucht es seiner Meinung nach klare Richtlinien und Strukturen, die transparent und legal sein müssen. 

„Zwischen der OG und den Untermietern der Büroräumlichkeiten oder dem Modelabel gibt es auch Verträge, es gibt Vereinbarungen, es gibt eine rechtliche Basis, wo es aber hauptsächlich darum geht, dass wir der Öffentlichkeit gegenüber Behörden usw. ‚straight‘ auftreten wollen. Da sind wir nicht daran interessiert, die Schlupflöcher zu suchen, weil das kostet mir mehr Zeit als es mir dann bringt. Mein Herz schlägt jetzt nicht dafür, tausende Euro und irgendwelche Fasseln Bier schwarz zu verkaufen. Mir geht es darum, dass das auf einer sehr vertrauenswürdigen und freundschaftlichen Basis abläuft. Wir wollen einfach versuchen, möglichst kostendeckend zu arbeiten und das Endziel ist es, dass die Gastronomie soviel reinspielt, dass die laufenden Kosten und die Miete gedeckt sind, dass wir mehr oder weniger die gesamte Fläche hier gratis bespielen … und dass sozusagen die Leute, die sich in letzter Zeit als fixer Pool herauskristallisiert haben, mit partizipieren können.“ 

„Filmverstärker“ als Beispiel für die „Kooperationitis“ von „Projektierern“

Der unternehmerische Habitus von Tobias macht auch größere Kooperationsprojekte über den Betrieb des Mon Ami hinaus möglich. Offenheit, Kommunikationstalent, Verhandlungsgeschick, Begeisterung und Freude, der Wille zur praktischen Umsetzung sowie generell der souveräne Umgang mit Menschen als Voraussetzung für Kooperationen sind Voraussetzungen dafür, dass der umtriebige Mon Ami Betreiber größere Events wie etwa das Projekt „Filmverstärker“ realisieren konnte.

Filmverstärker ist eine Veranstaltungsreihe, die im Gartenbaukino in Kooperation mit den Betreibern des Lokals ‚Phil‘ und dem Mon Ami realisiert wurde. Im Gartenbaukino werden einzelne Filmsequenzen gezeigt, die von jenen musikalischen Akteuren live begleitet werden, die den Soundtrack zum jeweiligen Film beigesteuert haben. Zum Beispiel wurden einzelne Ausschnitte der ‚Brenner-Trilogie‘ von Wolf Haas gezeigt, die live von den ‚Sofa Surfers‘ musikalisch begleitet wurden.

Tobias hat den Partner ‚Phil‘ aufgrund der räumlichen Nähe zum Mon Ami kennen gelernt. Im Zuge seiner Recherche nach einem geeigneten Raum hatte er damals das leer stehende Geschäftslokal begutachtet. Auch wenn er sich nicht für die Räumlichkeiten entschieden hatte, nahm er es wohlwollend wahr, dass ein Mitbewerber in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Cafe eröffnet, das seinen Besuchern eine Fülle von Büchern zum Lesen anbietet. Andere Geschäftsleute hätten dies vielleicht als unwillkommene Konkurrenz aufgenommen, Tobias war hingegen von Anfang an Gast des neuen Lokals, so kam es auch zum Austausch. Da das Cafe Phil Pächter der Bar des Gartenbaukinos ist, kam es zum gemeinsamen Projekt Filmverstärker.

„Vor der Kooperation hatte ich schon Auswärtsspiele im Gartenbaukino: Partys und Veranstaltungen, Modeshows im Foyer. Mich hat es immer schon interessiert, auch direkt im Kino zu veranstalten; und es gab jetzt bei der Geschäftsführung des Gartenbaukinos eine Neubesetzung mit Norbert Schettler, Gründer der Videothek Alphaville in der Schleifmühlgasse. Das war der ‚Missing Link‘, der ist genauso drauf wie wir und möchte auch etwas bewegen; und ist in Kooperationen mit dem Direktor der Viennale, Hans Hurch, die ja auch Hausherren des Gartenbaukinos sind. Und so ist vor allem zwischen dem Phil, sie nennen es dort ‚Philiale‘ und dem Gartenbau ein regerer Austausch entstanden. Und so ist die Idee des Filmverstärkers gereift, weil es auch in einem visuellen Kontext stehen muss, damit das Kino etwas davon hat, damit es einbezogen werden kann. So wie mit dem Event der Sofa Surfers bin ich halt immer wieder Ideengeber oder Vorschlaggeber und konzipiere teilweise Dinge selbst. Oder teilweise machen sie Ihr Ding, wie mit Universal Love und Naked Lunch, aber ich habe in meiner Tätigkeit als Agentur- und Serviceprovider quasi an der Umsetzung mitgearbeitet.“ 

Fazit

Der Fall Mon Ami zeigt, dass die Entstehung einer Geschäftsidee Vorwissen, viel Eigeninitiative und einen guten Umgang mit Menschen benötigt. Aus diesem Erfolgsrezept wachsen kontinuierlich größere Netzwerke, gleichzeitig erhöht man mit qualitativ hochwertigen Events die Glaubwürdigkeit in der Szene. Dabei arbeitet sich ein guter „Projektierer“ Schritt für Schritt voran, von einem Event zur nächsten Aktion, nicht zu schnell und nicht zu langsam, auf Basis der bisherigen Erfahrung und in realistischer Abschätzung von anschlussfähigen Möglichkeiten. Die Mon Ami-Akteure sind zwar einerseits risikofreudig, schaffen sich andererseits durch professionelle Organisation ein gewisses Maß an Absicherung. Die ‚Deals‘ von Tobias Pichler zielen meist darauf ab, dass mehrere Leute eingebunden sind, die an einem Projekt teilhaben. Das senkt das Risiko des Scheiterns und bietet einen Puffer, falls etwas einmal doch nicht nach Plan funktionieren sollte. Sinnbildlich und etwas pathetisch gesprochen, soll durch diese Methode das Mon Ami zu einem „geerdeten Baum werden, der verschiedene Blüten und Früchte trägt“.


[1] In der Sprache der Netzwerktheorie stärkt „Bonding“ den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, dagegen ist „Bridging“ die Verbindung zu Menschen außerhalb der Community. Das Beziehungs- oder Sozialkapital wird gestärkt, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Bonding und Bridging vorliegt. Durch die Vermengung von Büroräumlichkeiten im ersten Stock und gastronomischen Aktivitäten im Erdgeschoß sowie der Modeverkaufs- und Produktionsstätte im hinteren Teil des Erdgeschoßes werden sowohl die Bindungen innerhalb der MieterInnen, als auch die Kontakte nach außen gestärkt.

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