Metalab, Wien

Webseite(n):
www.metalab.at
Ansprechperson:
Christian Benke, Florian Bittner, Markus Hametner
Beteiligt:
ca. 120 Mitglieder, ca. 200 m2 Raum
Typus:
Netzwerke
Branche:
Coworking , IT, Software
Rechtsform:
Verein
Ort:
1010 Wien
Recherche:
2009
Durchführung:
Alfons Bauernfeind / Hubert Eichmann

Hacker-Homebase und Start-up-Kultur

Metalab, der 2006 gegründete Verein zur Förderung der Erforschung und Bildung sozialer und technischer Innovationen, hat in zentraler Lage in Wien (Rathausstraße 6) ein Vereinslokal mit 200m2 Grundfläche gemietet, um den offenen Austausch im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Kunst, Technologie und Wirtschaft anzuregen.

Das Metalab finanziert sich einerseits über Mitgliedsbeiträge, andererseits über Subventionen des Netznetz-Kulturbudgets für digitale Medien der MA7 der Stadt Wien, sowie über kleinere Sponsoring-Beiträge. Zurzeit (2010) gibt es 120 formale Mitglieder, die Mitgliedschaft beträgt 20€ monatlich und berechtigt zur Mitbenutzung der Schreibtische und der Infrastruktur. Die Infrastruktur bietet einen Multifunktionsraum für Vorträge, Präsentationen, Workshops, öffentliche Computer und freies W-LAN, eine Elektronik- bzw. Hardware-Werkstätte, ein Medienlabor, eine Bibliothek, eine Lounge als Rekreations- und Sozialbereich, ein Chemie- und Fotolabor, sowie eine Küche für Verpflegung und Bewirtung. Neuerdings gibt es im Metalab auch ein Tonstudio, das benötigte Equipment wurde großteils von den Mitgliedern zur Verfügung gestellt. 

Die Förderung der Stadt Wien deckt in etwa die Mietkosten und die Instandhaltung der Räumlichkeiten ab. Das Souterrain-Lokal musste zuerst noch renoviert und für die eigenen Zwecke ausgestattet werden. Von den Einnahmen der Mitgliedsbeiträge werden die Kosten für die Infrastruktur und das Equipment finanziert. Ziel des Vereins ist es, die kostenintensive Infrastruktur, die technische Enthusiasten benötigen, gemeinnützig für die Mitglieder zur Verfügung zu stellen. Dabei gibt es keine fixe Zweckbindung der Mittel, sondern beim monatlichen Jour Fixe wird darüber entschieden, für welche Zwecke die Einnahmen eingesetzt werden. Die Aufnahme der Mitglieder verläuft laut dem Schriftführer des Vereins eher zwanglos:

„Es gibt keine festgelegten Regeln, wer wann Mitglied sein muss. Die meisten Leute kommen eh, wenn sie öfters da waren und fragen nach, wie es aussieht, ob man Mitglied werden soll … und das ergibt sich dann von selbst.“

Das Metalab versteht sich als „Hackerspace“ nach internationalem Vorbild, vergleichbar dem C-Base in Berlin. Während im Alltagsverständnis das Wort „Hacker“ eine Person beschreibt, die „über ein Netzwerk in Computersysteme eindringt und zugleich Teil einer entsprechenden Subkultur ist“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hacker), verstehen sich Hacker selbst als „Enthusiasten“, die vorwiegend technische Systeme verstehen, entwickeln und optimieren wollen. Hauptmotivation sind Neugier und Forscherdrang sowie die Kommunikation innerhalb der Hacker-Community. Die „Metalabber“, wie sie sich selbst bezeichnen, beschreiben sich als Menschen, die die „Black Box“ von Hard- und Software verstehen und beeinflussen wollen. Dabei sehen sie sich als „White-Hat-Hacker“, d.h. als „gesetzestreue“ Hacker, die den technologischen Fortschritt vorantreiben wollen. Eine weitere Motivation ist das Aufspüren von Sicherheitslücken in IT-Systemen sowie (selbstredend) die Weiterentwicklung von Open Source Software. Der Kontakt zu anderen Hackern ist dabei essentiell, das Wissen wird geteilt und uneingeschränkt allen Interessierten zur Verfügung gestellt. „Eine wesentliche Eigenheit des Metalab ist die des sozialen Schmelztiegels, den es als Homebase und Familie für viele junge, neugierige, kreative und interessierte Menschen aus Wien und Umgebung bietet. Im Metalab hat sich ein Mikrokosmos aus sozialen Beziehungen, Freundschaften und Kollaborationen entwickelt, neue Leute werden mit offenen Armen empfangen und integrieren sich schnell in der toleranten und freundschaftlichen Atmosphäre.“ (Johannes Grenzfurthner, FM-4 Beitrag 10.6.2009, http://fm4.orf.at/stories/1604159)

Im Metalab herrscht meist ab 18.00 Uhr reger Betrieb, dennoch sind tagsüber und in der Nacht durchgehend Hacker im Lab. 30 Personen besitzen einen Schlüssel ins Metalab, daraus ergibt es sich meistens, dass der Raum rund um die Uhr geöffnet ist. Vor Ort beschäftigt man sich gesamtkreativ: Computerspiele programmieren, Roboter bauen, Web-Applikationen schreiben, Kunstaktionen planen, Videos produzieren, Schaltungen designen, Software entwickeln, Start-ups gründen oder einfach nur ein bisschen mit der Konsole spielen. Ein wichtiger Aspekt des Metalab ist die Diskussion, häufig wird über Philosophie, Kunst, Spieltheorie, Soziologie, Psychologie, Wirtschaft, Politik, Musik, Datenschutz und Datensicherheit so wie über viele weitere Themen diskutiert. Darüber hinaus werden Ideen generiert, aus denen „gewerbliche“ Start-up-Projekte entstehen können. Das Metalab selbst gleicht einem Kompetenzzentrum, in dem Probleme vorwiegend technischer Natur innerhalb kürzester Zeit gelöst werden können. Interne Mailinglisten erleichtern die Kommunikationsfreudigkeit. Wenn eine Problemlage vorliegt, wendet man sich an die „Core-Member“ und erhält meist innerhalb von 24 Stunden kompetente Auskünfte. 

Für diese Fallstudie wurde eine Gruppendiskussion mit Metalab-Mitgliedern organisiert; auch deshalb, um unterschiedliche Perspektiven der einzelnen Mitglieder einzuholen. 

Geteiltes Wissen, kollektives Wissen

Das Metalab ist ein großer Wissenspool, der auf die kollektive Intelligenz im Sinn der Zusammenführung unterschiedlicher Kompetenzbereiche der Mitglieder setzt. Aufgrund der heterogenen Ausbildungswege der Mitglieder ist ein breit gefächertes Wissen verfügbar:

„Die Mitglieder schreiben Wissen sehr hoch, und wenn man etwas zu kommunizieren hat, hören andere Leute auch zu. Und wenn man eine Hypothese aufstellt, leitet die Community diese Hypothese weiter und zerschlägt sie nicht einfach. Man kann sich austauschen, ohne dass man vor einer Wand steht oder es niemanden interessiert. Das ist sicher sehr attraktiv für Leute, die sich sehr gut in manchen Sachen auskennen, und merken, man kann darüber reden und man wird auch verstanden. Und so sammeln sich Kompetenzen an“.

Ein anderes Metalab-Mitglied meint dazu: 

„Es gibt so gut wie kein Thema, zu dem man eine Frage stellt, ohne dass man binnen Stunden eine Antwort aus dem Metalab bekommt. Und sei es nur: ‚Ja, das habe ich mal gehört‘ oder: ‚Ja, da kenne ich mich aus‘. Also der Grad ist natürlich verschieden, aber es ist immens gestreutes Wissen. Man bekommt kompetente Hilfe, die Leute sind bereit, das eigene Wissen zu teilen. […] Selbst wenn man sagt: ‚Ich weiß es nicht‘, ist es ein kompetentes ‚ich weiß es nicht‘.“ 

I: Aber kann das dann nicht der Anstoß dazu sein, dass man es dann selbst wissen will?
„Ja, [im Sinn von] ‚das ist interessant, da knie ich mich rein‘. Da sieht man vielleicht schon ein, zwei Tage später die Ergebnisse der Recherche. Und dann entsteht plötzlich innerhalb von Stunden ein Projekt, das so etwas löst. Die schnelle Eingreiftruppe…“

Das Metalab ist demnach also nicht nur ein Wissenspool bzw. eine Hacker-Bastelstube, sondern ein Generator von neuen Ideen und Projekten, die vor allem durch Interaktion, Kooperation und Partizipation lebendig und am aktuellen Stand der Dinge sind. Dafür verantwortlich ist der offene Austausch sowohl innerhalb des Labs, als auch der Brückenschlag zu anderen Einrichtungen, Künstlergruppen, Universitäten und Hackerspaces. Man bemüht sich um neue Mitglieder und ist offen für Menschen, damit neue Ideen, Gedanken und Perspektiven die bestehende Metalab-Community befruchten können. Deshalb lädt das Lab immer wieder externe Personen zu Partys und Veranstaltungen ein. Diese Partys sind zugleich häufig das Lockmittel zur Generierung neuer Mitglieder. 

Die Mitglieder und Aktivitäten

Das Metalab ist Hobby- und Bastelzone, Party- und Weiterbildungsraum für Berufstätige, Studierende, Arbeitslose und offen für alle Interessierten. Dementsprechend haben die Mitglieder unterschiedlichsten beruflichen Background: Von Selbständigen in der „Computer-Sicherheitsbranche“ bis hin zu Erwerbstätigen in der Computerspielindustrie, Studenten verschiedenster Studienrichtungen, Freelancern in der Kreativwirtschaft, Teilzeit- oder Vollzeitbeschäftigten im Sozialwesen u.a.m. Gemeinsam ist ihnen die Neugier, ein Forscherdrang, das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Kommunikation. Im Metalab finden Partys, Vorträge und Kurse statt, nicht nur zu IT-Themen: von Seife kochen über Bier brauen, malen, Gemeinschaftskochen bis hin zum „Cooking“ mit flüssigem Stickstoff und Bastel- und Löt-Workshops werden unterschiedlichste Aktivitäten und Events organisiert. Der Frauenanteil im Metalab liegt in etwa bei 15%, die Mitglieder sind zwischen 15 und 65 Jahre alt, einander ähnlich darin, nach Informationen, Unterhaltung, Gleichgesinnten oder neuen Betätigungsfeldern Ausschau zu halten. 

Häufig entsteht der Erstkontakt zum Metalab über eine Veranstaltung. Franz Xaver, Pionier für elektronische Medien, hat beispielsweise seinen 50. Geburtstag im Metalab gefeiert. Durch diesen Event kam das heutige Mitglied Felicitas erstmals ins Metalab. Die 27-jährige Wissensmanagerin lernte auf der Party die Räumlichkeiten und einige Mitglieder kennen. So hat sie erfahren, dass jeden Sonntag ein gemeinsames Kochen stattfindet. Das soziale Klima und die Atmosphäre im Metalab hat sie angesprochen, heute ist Felicitas mehrmals die Woche und in Spitzenzeiten täglich im Metalab. 

Andreas hat eine Anstellung als Webdesigner und Systemadministrator und arbeitet von zu Hause aus. Er hat das Metalab durch einen Linux-User-Group Vortrag kennengelernt. In weiterer Folge kam er ein- bis zweimal in der Woche ins Lab, da ihm das Umfeld sehr gefallen hat, wurde Mitglied und ist heute durchschnittlich fünfmal in der Woche im Lab. Dabei kann es auch vorkommen, dass im Vereinslokal die ganze Nacht durchgearbeitet wird. Wenn man um 4.00 Uhr Nachts ins Lab kommt, sitzen meist noch immer drei bis sechs „Enthusiasten“ und arbeiten an irgendwelchen Softwarelösungen. Manche Vereinsmitglieder sind beruflich dezentral und ohne Orts- und Zeiteinschränkungen tätig, daher ist es für einige kein Problem, die Nächte im Metalab zu verbringen. Andreas berichtet: 

„Der soziale Kontakt ist schon sehr wichtig. Ich glaube, wenn man nur alleine zu Hause arbeitet, wird man stupid. Und beim Metalab hat man Support, man hat ein Problem am Server, an der Webseite, da hat man ein Loch und dann bekommt man plötzlich den Lösungslink.“

Die Metalab-Mitglieder sind mit Kooperationitis infizierte Geeks, die Spaß am Forschen, Tüfteln und am sozialen Austausch haben. Eine Gemeinsamkeit vieler liegt darin, der Komplexität v.a. technischer Probleme auf den Grund gehen zu wollen. Neben vielen Lichtinstallationen (Blinken-Wall, Blinkentunnel, Space-Invader-Wall, Metaschild, Blue LED-Printer, ...), einer originalgetreu nachgebauten Arcade-Maschine, einem Quadrocopter, Wandmalereien, einer originalen Post-Telefonzelle mit Internettelefon und im Lauf der drei Jahre der von Grund auf revitalisierten und umgestalteten Location, werden im Metalab auch physisch nicht fassbare Dinge, vornehmlich Softwareprojekte hergestellt. Darunter sind einige Internet-Startups wie soup.io und mjam.net sowie verschiedene Spiele, von "Series of tubes" über "poit" und "Super-Mario-War" bis "landscapr" entstanden (vgl. http://fm4.orf.at/stories/1604159/).

Paul Böhm, Metalab-Gründer

Das Metalab wurde 2006 von Paul Böhm, einem hochtalentierten Hacker gegründet. Bereits mit 12 Jahren hat er gehackt und mit 14 Jahren seine Fähigkeiten kommerziell genutzt. Dabei hat er mit seinen Kunden meist über E-Mail kommuniziert, da sein jungendliches Auftreten möglicherweise geschäftliche Nachteile mit sich gebracht hätte. Innerhalb der internationalen Hacker-Community hat er sich bereits mit 16 Jahren über einschlägige Webpages und Konferenzen einen Namen gemacht. Das verhalf ihm mit Anfang 20, das Metalab zu gründen. Drei Jahre später initiierte er, vorerst im Alleingang, die DeepSec. Als ihm das Projekt zu groß wurde, holte er sich Unterstützung von Mika und Lynx und anderen Metalab-Mitgliedern.

DeepSec - Organisation einer internationalen Security Konferenz

Die DeepSec (https://deepsec.net/) ist eine internationale IT-Security Konferenz, die weltweit führende Sicherheitsexperten aus Banken, Versicherungen, Industrie, Militär und öffentlichen Verwaltungen jährlich nach Wien zieht. Im November, eine Woche nach Eröffnung der Wiener Weihnachtsmärkte, werden für die Konferenzgebühr von 750€ im Renaissance Hotel in zwei Tagen topaktuelle Infos zu IT-Security unter ca. 160 Teilnehmer/innen ausgetauscht. Berührungsängste zur subkulturellen Hacker-Community seitens der Behörden und großen Unternehmen gibt es inzwischen schon lange nicht mehr. Man weiß, dass in solchen Hackerspaces wie dem Metalab hochwertige Security Research gemacht wird und ist an Kooperationen interessiert. Der voneinander abweichende Lebensstil wird nicht als Hinderungsgrund betrachtet, um zur Abschlussparty der Konferenz ins Metalab zu kommen, Kontakte zu knüpfen und mit dem einen oder anderen Hackertalent eine Kooperation einzuleiten. 

Start-Up-Schmiede?

Dem Unternehmergeist von Böhm ist es unter anderem zu verdanken, dass im Metalab inzwischen fünf, auf Kooperationen basierende Start-ups entstanden sind. Eine Unternehmensgründung lautet mjam, ein Essensbestell-Start Up mit integriertem Bewertungssystem. Die unterschiedlichen Anbieter von Essenslieferungen werden nicht nur durch subjektive Kommentare auf der Website evaluiert, sondern auch aufgrund der objektiven Wiederbestellrate. Wird also von einem Kunden immer wieder bei demselben Pizzalieferservice bestellt, ist es ein Indikator dafür, dass der Preis, die Qualität und die Lieferzeit in Ordnung sind. Mjam gibt es seit Anfang August 2008. Da die DeepSec eine positive Bilanz aufwies, gab es für die neue GmbH-Gründung Kapital, das investiert werden konnte. Dieses Konzept gibt es mittlerweile in sechs deutschen und drei österreichischen Städten, eine Markteinführung in den USA, speziell an der Westküste, ist geplant. Fin, Student an der TU und Schriftführer des Metalab, ist Gesellschafter der GmbH. Bevor dieses Start Up gegründet worden ist, hat er bereits Erfahrungen bei der Organisation der DeepSec gesammelt. Auf Basis seiner wertvollen Arbeit für die DeepSec wurde er eingeladen, sich an diesem Start Up zu beteiligen.

Fin: „Es gab den Aufruf an Metalab-Mitglieder, dass Helfer für die DeepSec gesucht werden. Da hab ich mit einigen anderen ausgeholfen und man hat sich näher kennen gelernt. Nach der Konferenz haben wir beschlossen, es gibt eine andere Idee, die im Raum liegt, diese Essenbestell-Startup-Idee, und es haben sich jetzt auch schon die Gründer näher gekannt. Wir haben gesagt, wir probieren das.“

Die Aufgabenverteilung erfolgt nach den jeweiligen Kompetenzen: 

Fin: „Wir haben jeder andere Stärken und arbeiten in anderen Bereichen. Anfangs ging es hauptsächlich ums Produktentwickeln. Da gab es viel zu arbeiten, anfangs haben wir viel gemeinsam gemacht. Jetzt, wo die Business Seite mehr wird, gibt’s dann schon die stärkere Aufgabentrennung: jemand macht die Technik, jemand anderer das Businesszeug, weil sonst hat man zu viele Kontext-Switches, um irgendetwas erledigen zu können“.

Der Modus: Vorschussvertrauen, testweise Kooperation, Vertrauen, Ausbau der Kooperation…

Am Beispiel der mjam-Gründung ist ablesbar, dass der Ort Metalab bzw. das dort praktizierte Kooperationssystem mit dem spieltheoretischen Modell TIT for TAT beschreiben lässt. So gut wie jedes Mitglied von Metalab ist an Kooperationen interessiert, welcher Art die auch immer sein mögen. Erweist sich die erste Kooperation als Erfolg, konnten also die jeweiligen Kooperationspartner ihre Vereinbarungen, Zusagen etc. halten, kommt es in der Regel zur nächsten Kooperation. Durch diesen Modus wird Vertrauen generiert und die Basis für weitere Kooperationen gelegt, die dann sukzessive wachsen bzw. in größere Projektvolumina münden. Über die Praxis des Kooperierens entstehen Freundschaften, Vertrauensverhältnisse und geschäftliche Partnerschaften und immer wieder Möglichkeiten, neue Projekte und Ideen zu generieren.

Aufgrund des Vertrauensvorschusses, den die Mitglieder einander entgegen bringen, gibt es kaum Blockaden, neue Ideen weiterzuleiten und zu diskutieren. Aufgrund der moralischen Wertebasis (und der wechselseitigen sozialen Kontrolle) wird diese Offenheit nicht durch Ideenklau ausgenutzt, sondern geschätzt und gepflegt. Über einen längeren Zeitraum kristallisieren sich Qualifikationen und Interessensgebiete von Einzelnen heraus. Abgeschlossene Projekte werden implizit evaluiert, dadurch fallen jene Personen beinahe zwangsläufig auf, die für anstehende Projekte geeignet wären. 

Dazu Lynx, Ende 30 und alleinselbständiger IT-Experte: „Das ist gerade das, was im Metalab sehr gut funktioniert, weil die Atmosphäre sehr locker ist und man eigentlich keine Angst hat, eine Idee zu äußern. Weil es gibt Foren, wo man sich traut, etwas zu sagen … und dieses Testen von Kooperationen in kleinen Projekten funktioniert ganz gut und baut das Vertrauen auf. Wenn man gemerkt hat, wir können uns unterhalten und gegenseitig helfen, das ist der erste Schritt; da macht man ein größeres Projekt, ok, funktioniert und dann kann man aufbauen. Das Umfeld hier ist sehr günstig für diese Vorgehensweise.“ 

Mika: „Oft ist man durch so kleine Projekte zusammen gekommen, als Erstkontakt.“ 

Fin: „Das Testprojekt, ich wusste damals nicht, dass es eine Startup-Idee gibt, aber nach der DeepSec haben wir gemerkt, wir können gut zusammenarbeiten. Und das Metalab hatte ein Problem, nämlich keine gute Mitgliederverwaltung. Wir haben ein kleines Team zusammengestellt, sind ein Wochenende aufs Land gefahren, in eine Hütte und haben da ein webbasiertes Managementsystem entwickelt; zufälligerweise auch mit der gleichen Technologie, mit der wir später auch die Firma angefangen haben; also das Produkt entwickelt haben, das hat gut funktioniert.“

I: D.h. es gibt vor größeren Kooperationen kleinere Testphasen, die nicht als solche tituliert werden; es ist ein Ausprobieren…

Mika: „Man wächst zusammen.“ 

I: Dann geht es auch weiter, wenn es funktioniert...

Mika: „Der Vertrauensvorschuss im Metalab ist relativ hoch, weil die Menschen ja sehr hohe ethische Standards haben. Das gilt für jeden hier, dass man sehr starkes Vertrauen hat.“ 

I: Was sind die Normen? 

Mika: „Man kann sich drauf verlassen, wenn jemand sagt, wir machen das so, dann geschieht das auch so. Ich habe die und die Idee, dann weiß ich genau, der macht sich nicht zwei Monate später selbstständig mit dieser Idee. Das ist der Ton hier de facto.“

Netzwerkebenen des Metalab

Die Netzwerkpraktiken des Metalab lassen sich auf drei Ebenen Beschreiben. Die Mikroebene der Organisation besteht aus 120 Mitgliedern, hier ist die Identifikation am höchsten. Die Mitglieder spornen sich untereinander an, unterstützen einander über Mailinglisten und sind physisch real vor Ort. Die Mesoebene beschreibt den nationalen bzw. Wien-bezogenen Austausch mit Künstlergruppen wie Monochrom, anderen IT-Vereinen wie Quintessenz, Forschungseinrichtungen oder musikalischen Gruppierungen. Durch diesen Austausch werden auch immer wieder neue, potentielle Mitglieder angezogen. 

Auf der Makro-Ebene wird der Austausch z.B. über internationale Hackercamps oder freundschaftliche Verhältnisse zu anderen Hackerspaces gepflegt. So ist das Metalab über die zentrale Vernetzungsplattform http://hackerspaces.org weltweit vernetzt. Man nimmt einmal im Monat an einer Telekonferenz teil, um am Laufenden zu bleiben und zu erfahren, womit sich die anderen Hackerspaces beschäftigen. Metalab ist beispielsweise in reger Verbindung mit „Noisebridge“ in San Francisco, dem C-Base in Berlin oder dem /tmp/lab in Paris. Alle zwei Jahre findet in den Niederlanden ein großes internationales Hackerfestival statt, wo 5000 Hacker weltweit ihre Erfahrungen austauschen und Kontakte knüpfen und pflegen. Der CCC-Chaos Computer Club veranstaltet weltweit Kongresse, die das Netzwerk der Enthusiasten fördern sollen. 

Das Metalab beteiligt sich am Projekt RepRap, wo ein 3-D Drucker vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) gestartet worden ist, an dem mehrere Hackerspaces weltweit teilhaben. Der 3-Drucker kann sich erstens selbst replizieren, und zweitens können mit dem speziellen schnelltrocknenden Kunststoff verschiedene Kunststoff-Gegenstände hergestellt werden. Konkret benötigte Ausdrucke waren u.a. schon ein Planetengetriebe, ein Ersatzknopf für einen Geschirrspüler, Martinigläser für die Roboexotica, ein Fahrradlichthalter, schraubbare Schachteln und ein Architekturmodell für die Expo 2010 in Shanghai (http://fm4.orf.at/stories/1604159/).

Gerade durch die internationale Vernetzung der Hackercamps entsteht ein wechselseitiger Ansporn, und das bringt neue Ideen. Doch generell sind alle Ebenen des Austausches für das Metalab wichtig, um lebendig, up to date und innovativ zu bleiben. Ohne diesen Austausch würde sich das Metalab isolieren, stagnieren und vermutlich den Innovationsgeist einbüßen. 

Das Metalab als Karrierecenter?

Im Metalab lernen einander Menschen mit unterschiedlichsten Qualifikationen kennen. Da die Mitglieder zumeist berufstätig sind, werden in diesem Kontext auch jobrelevante Informationen ausgetauscht und Jobs vermittelt.  

Daniel: „Man liest öfters auf den Mailinglisten, dass Chefs von Firmen oder HR-Abteilungen von Firmen auf der Metalab-Liste schreiben, ob jemand Interesse hat, mitzuarbeiten. Wir haben teilweise Leute im Metalab, die so von Firmen akquiriert wurden.“

Fin: „Sonst auch in der Webbranche gibt es einen regen Austausch. Also man kann sicher sein, wenn man kündigt, dass man binnen zwei Tagen einen Job bekommt; weil man sich gegenseitig kennt, es werden immer Techniker und Designer gesucht.“ 

Mika: „Gute! Es gibt eine Schwemme von schlechten Technikern, die vom AMS über einen Kamm ausgebildet werden, aber die erfüllen oft die Anforderungen nicht. Hier in dem Umfeld findet man garantiert die besseren Leute, die Enthusiasten…“

Daniel: „Die das einfach privat auch zum Spaß machen, weil es Freude macht.“ 

Mika: „Die Leute, die hier regelmäßig erscheinen, haben in dem, was sie machen, ein relativ hohes Niveau; mit Interesse und Enthusiasmus dahinter kann man das erreichen.“ 

Lynx: „Es gibt einen Effekt, der sich bei mir auch beruflich niederschlägt. Das ist das Bewerten von Kollegen oder auch von Kunden. Es hilft mir, weil man merkt, wie jemand über eine bestimmte Technologie oder Arbeit spricht; wie jemand dazu steht.“ 

Lynx (ist selbständiger IT-Security-Experte und trifft häufig auf Kunden, die eine bestimmte Lösung suchen. Für ihn ist es wichtig, die richtigen Leute im Metalab zu kennen): „Es gibt natürlich Kunden und Leute, die sich für ein Problem interessieren, weil sie es gelöst haben wollen. Da ist es natürlich günstig, wenn ich einen Programmierer suche. Dann will ich für ein Problem jemanden haben, der sich wirklich reinkniet und schaut, was kann ich da machen, kann ich eine bestehende Software verbessern. Es gibt auch Kunden, die das nachfragen. Es gibt auch Kunden, die sagen, wir haben ein Problem, wollen das aber nicht irgendwie gelöst haben, sondern wollen wirklich, dass das richtig gelöst wird. Wenn man ein Auge dafür entwickelt, kann man das auch sehen, wer für welches Problem der Richtige ist oder an wen man sich wenden kann. Das hilft auch schon sehr bei der Kooperation. Da weiß ich, den kenn ich, der ist gut und besessen genug, da kann ich eine Verbindung ziehen und der macht das dann richtig.“ 

Daniel erzählt in der Diskussion, dass auch Kooperationen zwischen unterschiedlichen Firmen zustande kommen, weil die Mitglieder im Vereinslokal über aktuelle Probleme bei ihren Arbeitgebern sprechen. Durch den Austausch von Informationen und durch das Erzählen von Arbeitsschwerpunkten entstehen Kooperationsmöglichkeiten zwischen Unternehmen, die sich sonst nicht ergeben hätten. 

Fazit

Die Fallstudie Metalab zeigt, dass physische Räume gerade im Zeitalter von Web 2.0 eine besondere Bedeutung haben, die sich nur über virtuelle Kommunikation allein nicht oder nur schwer herstellen lässt. Um die Dezentralisierung auszugleichen, sucht man lokal nach Gleichgesinnten, um im Kollektiv Wissen zu entwickeln und zu teilen. Der soziale Zusammenhalt gibt Bestätigung und stärkt das Vertrauen, mit den eigenen Ideen und Unternehmungen an die Community-Öffentlichkeit zu gehen. Durch das örtlich gebundene Sozialkapital werden Ideen generiert, die zu Unternehmensgründungen führen. Da die Altersgruppierungen, Erfahrungsbestände und Ausbildungen sehr heterogen sind, wird ein beachtliches kollektives Innovationsklima gefördert. Die Nähe zu den „Auskennern“ mit speziellen Wissensgebieten erleichtert das Eingehen von Anstrengungen mit ungewissem Ausgang und reduziert die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.

Quellen:
Gruppeninterview im Metalab, Juni 2009
Johannes Grenzfurthner: http://fm4.orf.at/stories/1604159/
Pamela Bartar: http://www.pfm-magazin.at/Metalab_Zwischen_Netzkultur_und_Start-up.id.8934.htm.

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