Göttin des Glücks, Wien

Ansprechperson:
Lisa Muhr, Igor Sapic, Dessi Stoytcheva, Monika Bledl
Beteiligt:
4 Partner plus Angestellte
Typus:
Unternehmen
Branche:
Mode
Rechtsform:
Personengesellschaft
Ort:
1040 Wien
Recherche:
2010
Durchführung:
Alfons Bauernfeind / Hubert Eichmann

Fair-Trade-Modelabel, von der Idee bis zur Umsetzung

In der folgenden Falldarstellung wird das Wiener Mode-Label „Göttin des Glücks“ beschrieben, das von vier DesignerInnen betrieben wird. Unter dem Motto „DANKE MIR GEHT’S GUT“ produziert das Label „Wohlfühlmode“ aus nachhaltig hergestellten Stoffen. 2008 erhielt GDG den ECO TREND AWARD, 2010 gewann es den Trigos Award in der Kategorie „Markt“ für Unternehmen mit sozialer Verantwortung.

Für diese Falldarstellung wurden Interviews zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt, womit der Entwicklungsprozess des Unternehmens genauer nacherzählt werden kann. Das erste Interview fand mit Monika Bledl im Jahr 2005 statt, das zweite 2008 mit Lisa Muhr und Igor Sapic, und das dritte Interview wiederum mit Monika Bledl im Frühjahr 2010. Ziel dieser Falldarstellung ist es, Vor- und Nachteile der Organisation als Gründerteam und die Entwicklung des gemeinsamen Unternehmens darzustellen.

Gründungsphase

In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach ökologisch und sozial nachhaltig produzierten Konsumgütern kontinuierlich gestiegen. Fair Trade Bananen, Kaffee, Süßwaren und letztendlich auch nachhaltig produzierte Kleidungsstücke sind inzwischen nicht mehr Nischenprogramm für exotische „Birkenschlapfenträger“, sondern (hoffentlich) schon bald etablierter Standard in der Konsumgesellschaft. Anbieter gehen zunehmend auf die Bedürfnisse jener Konsumenten ein, denen die Produktionsbedingungen der Güter nicht egal sind. Durch die Clean Clothes Kampagne wurde eine breitere Öffentlichkeit über die ausbeuterischen Produktionsbedingungen in den so genannten „Billiglohnländern“ aufmerksam gemacht. In der Folge haben auch DesignerInnen zunehmendes Interesse daran gezeigt, ihre Produkte aus sozial und ökologisch nachhaltig produzierten Rohstoffen zu kreieren. In den letzten Jahren folgten Modeveranstaltungen wie etwa der von der Plattform „Slow Fashion“ initiierte „ECO TREND AWARD“. Dieser Bewerb zur Bewusstmachung und Promotion ökologischer Strategien der Modedesignszene ist der erste Award dieser Art in Österreich.

Die Gründung des Labels „Göttin des Glücks“ erfolgte 2005. Monika, Dessi, Lisa und Igor lernten einander 2005 auf einer Messe in Stuttgart kennen. Die Akteure fanden schnell einen guten Draht zueinander und beschlossen, gemeinsam ein neues Modelabel zu gründen, das Wohlfühlmode mit witzigen, positiven Sprüchen herstellen sollte. Die vier Kreativen kamen ursprünglich aus unterschiedlichsten Bereichen, alle waren bislang allein-selbständig tätig.

- Lisa hat Architektur studiert und war Eventveranstalterin, sie ist heute für die Kommunikation und Promotion des Labels zuständig. 
- Igor ist darstellender Künstler und betreibt einen Modeverkaufsraum im siebenten Wiener Bezirk, er kümmert sich heute in erster Linie um den Vertrieb der GDG-Produkte. 
- Monika ist Textildesignerin, sie ist u.a. für Entwurf und Umsetzung der Kollektionen inklusive flotter Sprüche und Druckgrafiken zuständig. Zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung produzierte sie Wickelröcke und T-Shirts und vermarktete diese über ihr eigenes Modelabel. 
- Dessi ist Modedesignerin, studiert Film- und Theaterwissenschaften und ist für Produktion und die Konfektion und Schnittentwicklung der Kollektionen verantwortlich.

Nachdem die ersten Entwürfe und Produkte des gemeinsamen Labels hohen Zuspruch erfahren haben, entschloss man sich dazu, die Kooperation auf eine professionelle Ebene zu heben und gründete eine offene Gesellschaft. Diese Geschäftsform wurde aus pragmatischen Gründen gewählt: Die GDG-Betreiber wollten keine Kredite aufnehmen, sondern die gesamte Abwicklung über vorhandenes Kapital finanzieren. Um dem Thema Wohlfühlen gerecht zu werden, entschied man sich 2006, ausschließlich Fair Trade-Stoffe zu verarbeiten. Lisa, die PR-Verantwortliche des Labels, erklärt den plausiblen Grund für den Entschluss: „Eine Wohlfühlkollektion, die Menschen ausbeutet und der Umwelt schadet, das geht einfach nicht“. Deshalb wird die Baumwolle in Indien unter Kontrolle des „Fairtrade“-Siegels produziert und in Mauritius vom „Fairtrade“-zertifizierten Betrieb CRAFTAID  verarbeitet.

Die Fair Trade Importorganisation EZA konnte als Kooperationspartner gewonnen werden, damit wurde die Belieferung der österreichischen Weltläden ermöglicht. Zusätzlich sind die Kleidungsstücke in einigen Modeboutiquen Österreichs, Deutschland und der Schweiz sowie seit 2009 in zwei eigenen Shops erhältlich. Die Kooperation mit EZA wird von Monika wie folgt beschrieben:

„Da rennt es so, dass die EZA uns das nicht abkauft, sondern … Also wir machen die Entwürfe, dann kommen die Weltläden, die bestellen dann halt, was sie brauchen. Sie bestellen aber bei der EZA. Und wir kassieren dann pro Stück einen gewissen Prozentsatz an Designanteil. Also das ist jetzt ein anderer Vertriebsweg als sonst. Das Risiko trägt hier die EZA.“

I: Okay. Dafür bekommt ihr halt weniger, oder?

„Ja. Das ist zum Teil ganz wenig. Also je nach Stück halt gestaffelt. […] Wir haben es so gemacht, weil wir uns dadurch die Produktion finanziert haben, praktisch. Ja, also dass das dann abgedeckt ist.“

I: Es ist einmal eine fixe Einnahmenquelle, eine relativ fixe...

„Ja. Aber es ist schon immer die Frage gewesen: Werden die Weltläden weiter bestellen? Und es scheint ... also jetzt, für den nächsten Winter haben sie dann doch wieder ganz schön bestellt.“

I: Tendenz steigend?

„Das ist jetzt steigend, ja.“ (Interview Monika 2010)

Die Anfangsphase: Von der Allein- zur Teamarbeit

Zum Zeitpunkt des ersten Interviews 2005 hatte sich das Modelabel gerade neu formiert, Monika hatte unterschiedliche eigene Kunst- und Modeprojekte am Laufen. Damals war noch nicht abzuschätzen, wie erfolgreich das Label „Göttin der Glücks“ werden könnte.

Monikas Hauptprojekt war die Produktion von Wickelröcken und T-Shirts, die sie über ihr eigenes Label MONIKOVA vermarktete. Insgesamt arbeitete sie vor fünf Jahren bis zu 60 Stunden in der Woche, für das damals neue Modelabel konnte sie aus ökonomischen Gründen noch nicht so viel Zeit wie gewünscht investieren. Ihr Verdienst als alleinselbständige Modedesignerin war deutlich bescheidener als das heutige Einkommen mit GDG, zudem hatte sie zwischenzeitlich nur mehr wenig Kontakt zu Freunden und Bekannten (außerhalb ihres Arbeitsumfeldes), weil sie praktisch rund um die Uhr mit Arbeit eingedeckt war. Organisatorische Arbeiten waren mühsam: wenn beispielsweise Anfragen von Händlern oder Messeveranstaltern kamen, scheiterte die Kommunikation häufig, weil sie keine Fotos oder passende Beschreibungstexte ihrer Produkte parat hatte. Sie kümmerte sich lieber um ihre inhaltliche Haupttätigkeit als um die Öffentlichkeits- und Kommunikationsarbeit mit Kunden, wodurch viele Geschäftsmöglichkeiten unterblieben. 2005 arbeitete sie von 9 bis17 Uhr, sorgte sich danach um ihren damals 10-jährigen Sohn, und nachdem dieser eingeschlafen war, nähte und bedruckte sie bis Mitternacht diverse Kleidungsstücke. Der Wohnraum war von der Arbeit vereinnahmt, ihre Modeprodukte und Stoffe stapelten sich in der Wohnung. Zwischendurch konnte sie kaum mehr abschalten, weil sie – zusätzlich bedingt durch die sprichwörtliche Überlagerung von Arbeits- und Wohnraum – rund um die Uhr an ihr Business erinnert wurde.

Im ersten Interview 2005 erkannte Monika bereits das Potential des neuen Labels, vor allem den Wert von Teamarbeit und Rollenaufteilungen. Vor allem der Aspekt, dass sich andere um die Kommunikation oder den Vertrieb kümmerten, war ihr eine große Erleichterung. „Unternehmen haben Marketingabteilung, IT Abteilung, Personal etc. Selbstständige sind alles in einem, ein Kreativer, ein Produzent … und das ist sehr anstrengend“. Dieses Dilemma kann durch Kooperationen und Zusammenschlüsse kompensiert werden, Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Chemie stimmt und die Arbeitsteilung funktioniert. 

Monika berichtete 2005 über die Vor- und Nachteile von Teamarbeit: "Also lustiger ist es schon gemeinschaftlich, man hat mehr Ansprache. Es kommt darauf an. Wenn die Stimmung unter den Leuten passt, dann finde ich es eigentlich schon super, zusammen zu arbeiten. Wenn es irgendwelche Geschichten gibt, wenn es, ‚Neidereien‘ gibt, oder wer was bestimmt, oder was jetzt wichtiger ist. Wenn es solche Geschichten gibt, dann finde ich es eigentlich besser, man arbeitet alleine. So etwas belastet mich eigentlich ziemlich, wenn ich das Gefühl habe, das passt irgendwie nicht. [...] Also ich weiß, wenn man nur alleine arbeitet, dann wird man auch komisch, wenn man … immer so im eigenen Bratensaft schwimmt. Da finde ich es schon lustiger, wenn es möglich ist, dass man zumindest teilweise zusammen arbeitet … auch weil sich die Leute ergänzen".

Diese ambivalente Einschätzung von Vor- und Nachteilen der Zusammenarbeit lässt sich als eine Art U-Kurve darstellen: Zu wenig Kooperation ist suboptimal, zu viel aber möglicherweise zu stressig. Kreative wollen einerseits ihre eigenen Ideen verwirklichen, und um nicht zu stark von den Meinungen anderer beeinflusst zu werden und sich Interessenkonflikten nicht stellen zu müssen, wird zuerst meist Alleinarbeit bevorzugt. Andererseits leben gerade kreative Menschen vom Einfluss ihres sozialen Umfelds, deshalb werden der Austausch und die Inspiration bewusst gesucht. Abgesehen vom Aspekt der Arbeitsaufteilung liegt der Vorteil von Teamarbeit im gegenseitigen Ansporn. Gleichzeitig schützt ein Zusammenschluss vor der sozialen Isolation. Zu viel Teamarbeit wiederum erhöht das Risiko für Interessenkonflikte und anstrengende Machtkämpfe. Die richtige Balance zu finden, ist somit gar nicht so einfach und muss beständig neu erarbeitet werden.

Die Mühen der Ebene nach der Anfangsphase

Nachdem die Handelskette EZA die Kooperation mit GDG bestätigt hatte, das Quartett immer häufiger auf nationalen und internationalen Modemessen präsent war und zunehmend Erfolge verbuchen konnte, mietete man 2008 erstmals eine gemeinsame Bürofläche. 

Das brachte einige Vorteile: Professionelle Außenwirkung z.B. dadurch, dass Kunden ins Büro eingeladen werden können, um die neuesten Entwürfe und Kollektionen zu sehen; der eigene Wohnraum wird vom Projekt „Göttin des Glücks“ gleichsam „entlastet“, weil die Ware ausschließlich am Unternehmensstandort gelagert wird; die Mitglieder des Labels sehen einander automatisch öfter, dadurch wurde die Kommunikation untereinander verbessert.

Zum Zeitpunkt des zweiten Interviews 2008 hatten die GDG-Betreiber das Büro gerade frisch bezogen. Allerdings konnte man noch nicht von den Einnahmen des Labels leben, alle beteiligten Personen arbeiteten deshalb nebenher in ihren selbständigen Tätigkeiten. Der Umsatz des Unternehmens wuchs zwar beständig an, dennoch musste das Geld permanent in die nächste Produktion etc. investiert werden. Um den Arbeitsaufwand zu bewältigen, stellte man erstmals eine Mitarbeiterin an. Der erwirtschaftete Gewinn blieb bescheiden, wohl kaum ein „Normalarbeitnehmer“ hätte für diesen Betrag über einen längeren Zeitraum gearbeitet.

Idealismus, Engagement sowie wechselseitige Unterstützung sind gerade in der Aufbauphase wichtige Triebfedern, brachten das GDG-Team jedoch zugleich an die Grenzen der Belastbarkeit. Igor arbeitete zum damaligen Zeitpunkt rund um die Uhr: einerseits betrieb er seinen eigenen Modeshop im siebenten Bezirk, die restliche Zeit arbeitete er für GDG. Für den Vertriebsverantwortlichen und Besitzer eines eigenen Shops ist das Pflegen der eigenen Netzwerke essentiell. Nach einem 14-Stunden-Arbeitstag gut gelaunt und optimal gekleidet auf Partys zu erscheinen, gehört genauso zum Job wie die Buchhaltung und Bürotätigkeit. „Das ist einfach irre anstrengend“. Igor bezeichnete sich zum Zeitpunkt des Interviews 2008 als gesundheitlich angeschlagen. Auch Lisa berichtete 2008 nach dreijähriger Aktivität für Göttin des Glücks über die intensive Arbeitsbelastung: „Ich mag meine Kollegen und Kolleginnen, ich möchte Spaß und Erfolg haben, aber ich will mich nicht ein Leben lang ausbeuten … vom vielen Arbeiten, wenig schlafen, viel tragen. Ich sehe, es gibt auch etwas anderes. Es soll Spaß machen, sowohl der Beruf, als auch das andere. Die Frage ist, wie man das macht und wie man soweit kommt, dass das funktioniert.“ (Lisa Interview 2008)

Das Thema Burnout durch Arbeitsüberlastung klingt hier durch, Monika musste sich z.B. eine gesundheitsbedingte Auszeit nehmen, da sie irgendwann nicht einmal mehr den Doppelklick der Maus bedienen konnte. Ihre KollegInnen und ihr soziales Umfeld erkannten die Problemlage und unterstützten sie darin, zu pausieren. Als Monika wieder ins GDG-Projekt einstieg, änderte sie ihre Arbeitsstrategie: Sie erstellte eine Liste von Arbeitsaufgaben, die sie machen wollte und lernte dabei, ihren Arbeitsbereich abzugrenzen. Aufgaben, die ihr jemand „aufhalsen“ wollte, delegierte sie. Wenn sie etwas nicht mehr übernehmen wollte, konnte sie von nun an „Nein“ sagen. Diesen Schritt betrachtet Monika im Nachhinein, also 2010, als einen Erfolgsfaktor, denn in der Folge wurde die Arbeitsteilung innerhalb des GDG-Labels professionalisiert.

„Für mich ist es jetzt ein bisschen besser, weil … jeder weiß, wofür er zuständig ist. Das wird langsam Routine, und es pfuscht dir niemand mehr so quer rein. Weil am Anfang haben wir ja alle alles gemacht, was zwar lustig war. Aber es hat sich total viel überschnitten … und das ist dann oft recht ärgerlich. (Monika Interview 2010)

Davor waren die Aufgabenbereiche zwar definiert, dennoch fühlte sich jede Person auch für andere Aspekte verantwortlich. Es folgten Unstimmigkeiten, wenn beispielsweise einer aus der Gruppe ein fertiges Konzept ausgearbeitet hatte und eine andere Person dieses (zu spät) verwarf. Inzwischen sind die Verantwortungen besser aufgeteilt und jeder verlässt sich darauf, dass die jeweils zuständige Person die von ihr verantwortete Arbeit gut macht, und niemand versucht sich mehr als notwendig in die Arbeit des anderen einzumischen. Die klar definierte Arbeitsteilung führte zur Entlastung aller Beteiligten.

Auch das räumliche Setting verbesserte die Grundstimmung im Unternehmen. Das aktuelle Büro umfasst 170m2. Die Räumlichkeiten werden zur Lagerung der Ware, als Büroarbeitsplatz und Werkstatt genutzt. Jeder hat seinen eigenen Raum. Die räumliche Verbindung (gemeinsame Zentrale) und Trennung (eigener Raum) unterstützt die Einzelnen, sich besser voneinander abzugrenzen und dennoch ausreichend zu kommunizieren.

Unter „Mühen der Ebene“ lässt sich auch die Organisation des internationalen Produzenten einreihen. Denn in der Wertschöpfungskette entwirft GDG das Design, lässt aber die Kleidungsstücke an einem Standort in Mauritius (unter Fair Trade Arbeitsbedingungen) produzieren und wieder retour schicken. Für ein kleines Modelabel ist der Anspruch, die Stoffe auf einem anderen Kontinent unter fairen Arbeitsbedingungen verarbeiten zu lassen, logistisch durchaus eine – zum Teil stressige – Herausforderung. Die Kooperation mit Mauritius funktioniert zwar mittlerweile besser – nicht zuletzt deshalb, weil die vier GesellschafterInnen vor zwei Jahren geschlossen die Produktionsstätte besucht und vor Ort gemeinsam mit den Abteilungsleitern die Prototypen erarbeitet haben. Dennoch gibt es nach wie vor Missverständnisse und unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der erwarteten Leistung, die v.a. auf Kulturunterschieden basieren dürften. So habe man durchaus schon in Kauf nehmen müssen, dass z.B. eine Kollektion Leiberl gar nicht, falsch bedruckt oder zu spät geliefert worden sei.

„Also sie halten den Zeitplan nie ein, nicht wirklich. Das ist jetzt auch schon viel besser als früher. […] Weil am Anfang waren wir immer viel zu spät dran. Das hat sich dann alles multipliziert. […] Und wir haben es aber jetzt auf die Reihe gekriegt halbwegs, so dass wir da wirklich immer rechtzeitig sind.“ (Monika Interview 2010)

Die Phase der Professionalisierung

Dem Namen des Labels entsprechend – glücklich leben wie eine Göttin – war mit der Gründung von GDG für alle vier Beteiligten die Hoffnung verbunden, sich selbst mit der Zeit höhere Einkommen auszahlen zu können, weniger arbeiten zu müssen und generell den Lebensstandard erhöhen zu können. Nach den Mühen der Anfangszeit ist das Unternehmen in den letzten Jahren in die Phase gekommen, wo dieses Ziel realistisch geworden ist. Inzwischen sind alle Mitglieder der Ansicht, dass man das Wochenende zur Regeneration benötigt und dass sich alle beteiligten Personen ein Monat Urlaub gönnen sollten. Diese Erholungsphasen sind ein „must“, um langfristig in der Kreativbranche arbeiten zu können, dadurch wurden Gesundheitsbelastungen deutlich gelindert.

Ergänzend dazu wurden auftretende Konflikte mithilfe von externer Supervision geregelt. Ursprünglich wollte Monika durchsetzen, dass das Team die Supervision regelmäßig, z.B. quartalsmäßig, in Anspruch nimmt. Da jedoch Konflikte bei GDG (zu ihrem Glück) nur fallweise auftreten, greift man derartige Angebote nur bei Bedarf auf. Eingespielte Routinen, der zunehmende Erfolg und vor allem die Freundschaft untereinander tragen dazu bei, die weiterhin vorhandenen Belastungen im Zaum zu halten. Dazu Monika 2010 im Rückblick: „Eine Zeit lang war es schon so, dass alle paar Monate jemand anderer die Nerven verloren hat und kurz davor war, auszusteigen. Es stimmt ja nicht, dass man unersetzbar ist, aber dadurch, dass wir alle auch gut befreundet sind, hat man das Gefühl‚ ,du kannst da nicht aussteigen‘.“

Anders als bei eher unpersönlichen Partnerschafts- und Geschäftsbeziehungen spielt in diesem Mode-Label die freundschaftliche und kollegiale Ebene eine essentielle Rolle. Da Geschäftliches und Privates ineinander verwoben sind, ist gleichzeitig die Leistungsbereitschaft höher. Die Mitglieder fühlen eine emotionale Verpflichtung, die anderen nicht im Stich zu lassen. Diese Vermengung von Freundschaft und Beruf fördert auf der einen Seite die Arbeitsmotivation, die Stimmung – und wohl auch den Unternehmenserfolg –, ist andererseits aber auch ein Risiko: etwa gegenüber Selbstausbeutungsbereitschaft und infolgedessen Überlastungserscheinungen.

Eine weitere „Baustelle“ für Supervision ist (wie bei vielen Gründerteams) die Regelung der Verteilung des Gewinns bzw. die Wert- und Zeitzuschreibung der unterschiedlichen Tätigkeiten. Da alle vier Mitglieder mit dem gleich hohen Betrag an Betriebsentnahmen entgolten werden, sollten auch alle das Gefühl haben, dass niemand weniger arbeitet als die anderen, auch wenn nicht alle Tätigkeiten gleich gewinnbringend erscheinen. Lisa zum Beispiel erhält ständig Anfragen, etwa von Schulen, um das Modelabel vorzustellen. Diese Tätigkeit nimmt 30% ihrer Arbeitszeit in Anspruch, der unmittelbare Gewinn daraus ist gering, die mittelfristige, aber schwer abschätzbare Wirkung vermutlich größer. Weil es dem Label wichtig ist, die Botschaft des fairen Handels in Schulen zu vermitteln, kann und will Lisa solche Anfragen kaum ablehnen. 

Viele weitere Tätigkeiten im Team hängen ebenfalls nicht unmittelbar mit der Produktion von Kleidung zusammen. Die Leistung eines Einzelnen lässt sich zudem schwer einschätzen, da die Aufgaben im Team generell höchst unterschiedlich sind. Die Supervision half dem GDG-Team dabei, die Aufgabenbereiche klarer zu trennen, die wechselseitige Wertschätzung sicherzustellen und die Kräfte zu bündeln.

Gegenwart und Zukunft: Vom zeitfressenden Hobby zur Haupterwerbstätigkeit

Unter anderem deshalb, weil einzelne GDG-Mitglieder neben der Haupttätigkeit für das gemeinsame Label auch noch ihren ehemaligen Job ausüben, bleiben die individuellen Arbeitsstunden hoch. Trotzdem hat sich die Situation aller Beteiligten in den letzten fünf Jahren verbessert. Monika arbeitet heute gegenüber ca. 60 Wochenstunden 2005 „nur“ mehr zwischen 40 und 50 Stunden, ihr Einkommen hat sich dabei um ca. 30% erhöht. 

Die ökonomische Performance, gemessen am ausschüttbaren Gewinn, wird kontinuierlich besser, wenn gleich die GesellschafterInnen noch immer nicht allein davon leben können. Insofern eilt der Ruf der Göttin des Glücks dem ökonomischen Unternehmenserfolg voraus, der Gewinn wächst langsam, aber beständig. Gegenüber der Anfangszeit, wo man sich pro Person nur sporadisch, etwa nach einer erfolgreichen Messe, und dann auch nur einen dreistelligen Betrag auszahlen konnte, ist man heute – mit Potential nach oben – ungefähr dort, wo man als Verkäuferin nach Kollektivvertrag für 30 Wochenstunden steht. Dieser Betrag steht noch lange nicht im angemessenen Verhältnis zum erbrachten Aufwand, dennoch denken alle positiv und glauben an die Zukunft.

Heute hat das Unternehmen einen eigenen Shop in der Wiener Operngasse und außerdem in St. Pölten. Der zweitgenannte Standort ist ein Outlet-Verkaufsraum, dort wird die Mode der vergangenen Saisonen verkauft. Die beiden Geschäfte werden von Angestellten betreut. Für weitere Anstellungen reicht die Gewinnspanne gegenwärtig noch nicht, sieht man von der freiberuflichen Mitarbeit von StudentInnen ab, die z.B. als „Springerinnen“ auf Messen arbeiten. Gerade die internationale Präsenz macht sich in einer gestiegenen Nachfrage nach Produkten der Göttin des Glücks bezahlt.

Intern wird immer wieder darüber diskutiert, wie klein oder groß das Unternehmen bleiben bzw. werden soll. Denn wenn das Unternehmen expandiert, ist nicht automatisch gewährleistet, dass die Gewinne mitwachsen und/oder weniger Arbeit anfällt. Demgegenüber liegt die Befürchtung nahe, dass der organisatorische Aufwand noch größer werden könnte. Aktuell ist die Umwandlung der Geschäftsform in Diskussion von der bestehenden OG in eine GmbH. Das Mindeststammkapital einer GmbH wurde in Österreich von 35.000€ auf 10.000€ gesenkt, damit wäre der Umstieg leichter finanzierbar. Der Vorteil einer GmbH liegt bekanntlich darin, dass im Falle einer Insolvenz nicht mehr die Privatpersonen (unbeschränkt) haften, sondern die Gesellschaft mit der Kapitalrücklage. Lisa kalkuliert und berechnet gerade, ob und ab wann dieser Umstieg vollzogen werden kann, der für die Beteiligten eine psychische Entlastung wäre. 

Zum Zeitpunkt des dritten Interviews wird das Label GDG zusätzlich von einer Studentin unterstützt, die im Rahmen ihres MBA-Abschlusses einen Business(master)plan erstellt, der bei der zukünftigen Ausrichtung für die nächsten 2 bis 3 Jahre wesentlich sein wird.

Fazit

Fortuna hin oder her, im harten Modebusiness ist es nicht leicht, ein eigenes Label hochzuziehen und erfolgreich zu etablieren; selbst dann oder gerade deshalb nicht, wenn „fair trade“, also unter nachhaltigen Bedingungen eingekauft und produziert wird. Gerade die Umsetzung ambitionierter Geschäftsideen erfordert einen langen Atem, Zähigkeit, und im Fall von GDG auch eine große Portion Team-Spirit. Das Beispiel Göttin des Glücks zeigt in diesem Sinn den Vorteil der Partnerschaft in einem Gründungsteam gegenüber ansonsten „Allein“-Selbständigen. 

Doch sind hier, um Konflikte hintanzuhalten, Regelungen notwendig, um die Aufteilung in Arbeitsbereiche bzw. die Verteilung der Einnahmen zu klären. Die gezogenen Grenzen der Arbeitsaufteilung sind von allen Teammitgliedern zu respektieren, Vertrauen in die Kompetenz der KollegInnen ist eine Grundvoraussetzung dafür. Der Zugriff auf externes Coaching hilft in schwierigen Situationen, die Arbeit im Team zu verbessern bzw. neu zu adjustieren. Dahingehende Professionalisierung hat die ökonomische Performance bei GDG kontinuierlich verbessert, allerdings ist anzunehmen, dass der zukünftige Unternehmenserfolg auch bei der Göttin des Glücks kein „Selbstläufer“ sein dürfte. Zwar ist das Glück (zum Glück) nicht nur ein „Vogerl“, doch ohne kontinuierlichen Einsatz und Professionalität ist den kleinen Labels in der engen und kompetitiven Modebranche nur selten ein wirklich dauerhafter Erfolg beschieden. Möge also Fortuna ihren Schützlingen „nachhaltig“ hold sein!

Verwandte Artikel:

Spezialist für künstlerische Filmproduktionen
Interaktionsdesigner
Eine Band – mehr als die Summe ihrer Teile?
"Kantine mit Öffentlichkeitsrecht"