eeza, Graz

Ansprechperson:
Barbara Sommerer
Beteiligt:
ca. 15-20 Personen
Typus:
Netzwerke
Branche:
Kunst , Sonstiges
Rechtsform:
Verein
Ort:
8010 Graz
Recherche:
2009
Durchführung:
Katharina Siegl

Verein zur Entwicklung und Erforschung zeitgenössischer Ausdrucksmittel

eeza – Entwicklung und Erforschung zeitgenössischer Ausdrucksmittel – ist das Ergebnis eines weitreichenden Umstrukturierungsprozesses des Grazer KünstlerInnenkollektivs RAM ("Arbeitsspeicher"). 2009 erfolgte eine Neupositionierung als Dienstleister mit dem Schwerpunkt Beratung und Full-Service-Lösungen für Museums- und Ausstellungstechnik und Service für bildende Kunst. Eeza ist für Museen und Kulturinstitutionen in der Steiermark und darüber hinaus tätig und zudem in ein Netzwerk internationaler KünstlerInnen integriert.

Wie RAM besteht auch eeza derzeit als Verein, wobei die Gründung einer Firma geplant ist. Die Vereinsleitung liegt bei Jakob Pock und Barbara Sommerer, verstärkt durch Birgit Pillich-Bertel, deren Kernkompetenz nicht im Tätigkeitsfeld des Vereins liegt, sondern die hauptsächlich für das Rechnungswesen und administrative Belange zuständig ist.

Das Team rund um Sommerer und Pock besteht aus etwa 15 bis 20 Personen, die projektweise in unterschiedlichem Ausmaß auf Honorarbasis mitarbeiten und im Sinne eines Know-How-Pools Kompetenzen aus unterschiedlichen Professionen einbringen. Darüber hinaus werden Aufträge an verschiedene Unternehmen, meist spezialisierte Handwerksbetriebe, vergeben.

Die Kooperation mit AuftragnehmerInnen und AuftraggeberInnen basiert auf ähnlichen Prinzipien. Kontakte werden meist per Mundpropaganda hergestellt, aus erfolgreichen Projekten entwickeln sich über die wiederkehrende Zusammenarbeit relativ stabile Partnerschaften. Dabei stehen die Personen im Vordergrund: Wechselt beispielsweise eine Ausstellungsgestalterin oder ein Ausstellungsgestalter die Institution, werden bewährte KooperationspartnerInnen "mitgenommen". Dennoch wird nicht immer mit den gleichen Personen oder Firmen kooperiert, sondern je nach Bedarf zwischen SpezialistInnen für bestimmte Aufgaben unterschieden. 

Ort des Geschehens sind die Atelierräumlichkeiten von eeza in der Schillerstraße 31 in Graz, welche Büro und Werkstatt vereinen. Sie sind bereits zur Gründung von RAM vom damaligen KünstlerInnenkollektiv angemietet worden. Damit ist auch eine kollektive Arbeitssituation gewährleistet, die verschiedenen sozialen Aktivitäten wie beispielsweise dem gemeinsamen Kochen zu Mittag Raum gibt. Die Arbeitsstätte bedeutet für Barbara Sommerer auch die räumliche Trennung von Berufs- und Privatsphäre.

Vom KünstlerInnenkollektiv zum Kunst- und Kulturdienstleister

Am Beginn der Entwicklung stand Graz als Europäische Kulturhauptstadt 2003, in deren Verlauf einige AkteurInnen des späteren Kollektivs RAM bei der Planung, Gestaltung und der handwerklich-technischen Realisation von Ausstellungsprojekten als MitarbeiterInnen und AuftragnehmerInnen von AusstellungsgestalterInnen aufeinander trafen und in zahlreichen Projekten zusammen arbeiteten. In den folgenden Jahren stießen noch weitere Personen zur Gruppe. Schließlich erfolgte 2005 die Gründung des Vereins RAM als KünstlerInnenkollektiv und Leistungsanbieter im Bereich der Museums- und Ausstellungstechnik. Barbara Sommerer, Vorstandsmitglied von RAM, nennt das Kollektiv augenzwinkernd als "eines der nachhaltigsten Projekte der Kulturhauptstadt".

Vereinszweck von RAM war zunächst, als Kollektiv eine solidarisch orientierte Arbeitssituation mit gemeinsamem Atelier herzustellen, um sowohl Aufträge gemeinsam anzunehmen als auch autonom Kunstprojekte als Kollektiv verwirklichen zu können. In der Folge wurden zahlreiche Ausstellungsprojekte realisiert, darunter die Umsetzung des privaten "Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch" in Wien, das gemeinsam mit der Firma ‚Mit Loidl oder Co‘ realisiert wurde (vgl. Falter, 28.3. 2007); weiters Projekte für das Institut für zeitgenössische Kunst, das steirische Landesmuseum Joanneum und die Neue Galerie, das Literaturhaus Graz, das Technische Museum in Wien, aber auch Lösungen für Bühnenproduktionen wie im Schauspielhaus Graz. Neben der Auftragsarbeit wurden auch eigenständige Kunstprojekte realisiert (vgl. z.B. Salzburger Nachrichten, 16.11.2007), wobei es bisweilen zur Vermischung der beiden Tätigkeitsfelder kommt, etwa wenn Werke des geheimnisvollen RAM-Künstlers Arno T. Nym in Ausstellungen auftauchen.

Das Kollektiv RAM wuchs und entwickelte sich weiter, die Aufträge wurden umfangreicher, das Atelier zu einem Knotenpunkt. Von 2007 bis 2008 wurde regelmäßig zum Salon im Arbeitsspeicher mit Workshops und Vorträgen geladen. Dem Solidaritätsgedanken folgend, stellten die Mitglieder von RAM auch den Anspruch, in sozialen Notlagen für einander da zu sein und einander auszuhelfen. Die informelle Struktur und die idealistischen Ziele von RAM gerieten jedoch zunehmend in Widerspruch zu den Aktivitäten. Der ursprüngliche Gründungsanspruch der autonomen, kollektiven Kunstproduktion erwies sich als nicht haltbar und die basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen im großen Team als ineffektiv.

"Da haben wir einfach zu sehr nach den Sternen gegriffen [...]. Das ging sich zeitlich und finanziell nicht aus und das kostete auch sehr, sehr viel Energie und Substanz. Mit so vielen Leuten ist sehr viel freie künstlerische Energie vorhanden, die extrem schwer zu bündeln ist. Da sind Konflikte vorprogrammiert gewesen - die wir auch ziemlich ausgefochten haben. [...] So haben wir gerade noch die Kurve gekratzt, bevor wir wirklich angefangen haben, schlechte Sachen zu machen." (Barbara Sommerer)

2009 kam es schließlich zur Umorientierung, Umstrukturierung und Umbenennung von RAM in eeza. Dabei verkleinerte sich der Verein radikal, die Entscheidungsverantwortung ist nun klar geregelt und verteilt sich auf zwei Personen, Jakob Pock und Barbara Sommerer. Gleichzeitig wurde das Rechnungswesen professionalisiert und systematische Projektevaluationen eingeführt. Die Ausrichtung ist wesentlich unternehmerischer, der Tätigkeitsschwerpunkt eindeutig definiert. eeza positioniert sich nun als Entwickler von Museums- und Ausstellungslösungen, wobei Full-Service-Lösungen von der technischen Beratung über die Planung bis zur Ausführung angeboten werden. In enger Kommunikation mit Museen und AusstellungsgestalterInnen werden handwerklich hochwertige, technisch durchdachte und ökonomisch nachhaltige Produktionen entwickelt.

Die Entwicklung von RAM zu eeza war auch ein Findungsprozess der AkteurInnen. Für Barbara Sommerer bedeutete es die Loslösung vom Gedanken, nur "zwischendurch" als Auftragnehmerin zu arbeiten, um damit ihre Karriere als Künstlerin zu ermöglichen:

"Bis ich dann irgendwann draufgekommen bin, dass ich eigentlich viel besser arbeite, wenn ich für andere realisiere, als für mich selbst." Und an anderer Stelle: "Da bin ich mir zu 98 Prozent sicher, dass ich wirklich dort angelangt bin, was mich erfüllt, was ich gerne mache und – so denke ich – auch nicht schlecht mache." (Barbara Sommerer)

Nach dem beschriebenen Konsolidierungsprozess, der den Übergang von RAM zu eeza ausgelöst hat, sind bereits Weiterentwicklungen angedacht, die teilweise ineinander greifen und aufeinander aufbauen. Dazu gehören:

- der Ausbau der Vernetzungsarbeit mit Institutionen und Interessensvertretungen, wobei hier nicht zuletzt die Anbindung an Informationsflüsse im Vordergrund steht. Sommerer nennt in diesem Zusammenhang einerseits die kultur- und sozialpolitischen Diskurse innerhalb des Kulturbetriebs, die über solche Plattformen geführt werden, andererseits aber auch die angebotenen Weiterbildungsaktivitäten.
- kulturpolitisches Lobbying, um die Rahmenbedingungen für eine effizientere Projektplanung und -budgetierung im Sinne der AuftraggeberInnen zu verbessern. Die Vorschläge von eeza stellen in diesem Zusammenhang auf eine rechtzeitige und qualifizierte Prüfung der Ausstellungskonzeption, deren technische Umsetzung und die damit verbundenen Kosten ab. So könnten bereits vor der Budgetbewilligung Kostenfallen geklärt und damit besser haltbare Budgets gewährleistet werden. Dafür notwendig seien jedoch etwas längere Planungshorizonte und die Mittel für eine technische Beratung bei der Erstellung von Projektanträgen.
- die Entwicklung des Weiterbildungsprojektes "CRAFTSPHERE - das Mittel zum richtigen Ausdruck", welches als postgraduales Angebot für Kunstschaffende konzipiert wird und dessen Schwerpunkt auf der Vertiefung der handwerklichen und technischen Kompetenzen liegt. Das Motiv dafür ist unter anderem, die Qualität der Ausführung von Kunstwerken zu heben, um sie resistenter gegen die Belastungen von Transport, Lagerung und Ausstellung zu machen.

Erfolgsfaktoren für das Arbeiten im Netzwerk

Vereinbarung von Zielen und Rahmenbedingungen

eeza ist nach wie vor ein Konstrukt, in dem die AkteurInnen auf selbständiger Basis (Werkvertrag, Honorarnoten) zusammenarbeiten. Die Personen agieren dadurch in schwach institutionalisierten Beziehungen, deren Tragfähigkeit durch die Qualität der Zusammenarbeit und der Ergebnisse gewährleistet wird. Im Unterschied zu RAM, in dem die Beziehungen vor allem durch mündliche Übereinkünfte und laufende Aushandlungsprozesse geregelt wurden, wurden für eeza jedoch klar festgelegte Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit erarbeitet. Mit der Gründung einer Firma wird dieser Prozess fortgeführt. Barbara Sommerer nennt in diesem Sinne als wichtigste Empfehlung sowohl im Umgang mit internen und externen PartnerInnen,

"[…] dass man sich Dinge ausmacht und dass man tatsächlich Dinge definiert. Auch im Falle, wenn Dinge nicht funktionieren: Wie geht man damit um?" (Barbara Sommerer)

Synchronisieren von unterschiedlichen Ausgangslagen

Zur Vereinbarung der Ziele und Rahmenbedingungen empfiehlt Sommerer die möglichst präzise Definition von Begriffen, Zielen und Sachverhalten; nicht zuletzt deshalb, um Verständnisschwierigkeiten (das Gleiche gesagt, aber nicht das Gleiche gemeint) zu minimieren. Zu diesen könne es sowohl bei erstmaligen Kooperationen als auch bei erprobten Partnerschaften kommen. Für eine erfolgreiche Kommunikation ist dabei eine gewisse Flexibilität und das Eingehen auf unterschiedliche Anspruchsgruppen nötig. Im Falle von eeza sind diese Anspruchsgruppen KünstlerInnen, Handwerksbetriebe, KuratorInnen sowie das Museumsmanagement mit ihren je spezifischen Prioritäten und Fachsprachen.

Hier sieht Sommerer auch eine der Stärken von eeza, nämlich zwischen den verschiedenen AkteurInnen (AusstellungsgestalterInnen, KünstlerInnen, HandwerkerInnen, …) eine Vermittlungsfunktion einzunehmen:

"Wir sind da ein sehr schöner Mittler, weil wir versuchen jeweils auf gleichem Niveau zu sein. Das ist eine der spannendsten Erfahrungen, die wir gemacht haben. Wenn wir einerseits zum Zulieferbetrieb gehen, dann wird quasi ‚kumpelhaft‘ von der gleichen Ebene argumentiert..., und auf der anderen Seite kannst du das dem Künstler gegenüber auch so machen, ohne dass er in eine devote Rolle schlüpfen muss. Dadurch sind wir eigentlich fast so etwas wie ein Katalysator." (Barbara Sommerer)

Partnerschaftliches Kooperieren im Netzwerk

Im Zusammenhang mit den Netzwerken im Berufsfeld vertreten eeza das Selbstverständnis eines "dynamischen Gruppenkämpfers". Zu den Vorteilen von Kooperationen zählt Sommerer das effizientere und einfachere Arbeiten - freilich unter der Prämisse einer darauf abgestimmten Projektorganisation - sowie die Synergien bei der Lösung von Problemen. Zwar gibt es gelegentlich Konkurrenz um Aufträge, die verschiedenen AnbieterInnen legen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

Interessensvertretungen oder Online-Plattformen haben bisher eine untergeordnete Rolle gespielt, finden aber dennoch ihren Platz in der Strategie von eeza. Die künftig vorgesehenen Mitgliedschaften in Fachverbänden und Interessensgemeinschaften dienen dem Informationsfluss, der Positionierung, der Weiterbildung sowie gegebenenfalls auch für kulturpolitische Anliegen. Die Präsenz auf internationalen Online-Plattformen bringt neue Kontakte und Ideen und soll die Ausweitung des Handlungsradius unterstützen. Regionale und nationale Plattformen dienen vorwiegend der Repräsentation und der Auffindbarkeit. Voraussetzung für deren Anwendung ist jedoch, dass sie relativ "pflegeleicht" zu handhaben sind. Plattformen wie Facebook, wo laufende Statusmeldungen, Postings und Chats üblich sind, kosten dagegen zu viel Zeit.

Im Endeffekt ist der wichtigste Erfolgsfaktor für ein gutes Netzwerk für Barbara Sommerer "immer noch der gute alte Händedruck" bzw. das persönliche Gespräch. Der Kitt in den Beziehungen sind gemeinsame Erfahrungen:

"Also ich glaube, ein gutes Netzwerk braucht immer Geschichten, die einen miteinander verbinden. Nur das reinvirtuelle, das irgendwo besteht, das ist zu wenig. Es braucht einen persönlichen Austausch, in welcher Form auch immer der passiert. Aber es braucht einen persönlichen Austausch." (Barbara Sommerer)

Quellen

Interview mit Barbara Sommerer am 27. Juli 2009

Falter, Hör mal wer da hämmert, 28. März 2007, Wien 2007

Salzburger Nachrichten, Zu wenig Luft im Elefanten, 16. November 2007, Salzburg 2007

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