Betahaus, Berlin

Webseite(n):
www.betahaus.de/
Ansprechperson:
Christoph Fahle, Tonia Welter
Beteiligt:
6 Personen Gründungsteam, ca. 120 Freiberufler Betahaus Berlin
Typus:
Netzwerke
Branche:
Coworking
Rechtsform:
GesmbH
Ort:
Berlin
Recherche:
2009
Durchführung:
Bastian Lange

Co-working Spaces als sozial-räumliche Resonanzböden

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg wurde Anfang 2009 das Betahaus gegründet, ein Co-working Space mit insgesamt ca. 1000 qm Fläche, in dem 2010 ca. 120 Freiberuflern auf zwei Etagen fixe bzw. flexible („hot desking“) Arbeitsplätze mit vollwertiger Büro-Infrastruktur zur Verfügung stehen (Internet, Drucker, Kopierer, Scanner, Briefkasten etc.). Die eigentliche Bürofläche beläuft sich auf etwa 700 qm; mehrere separate Meetingräume, ein Telefonraum bzw. ein Café im Erdgeschoß runden das Angebot ab. 

Nutzer des Betahauses wählen zwischen Monats-, Wochen- oder Tagesticket bzw. noch weiteren Varianten einer temporären Einmietung aus. Beispielsweise kostet ein fixer Arbeitsplatz pro Monat, also die maximale „24/7“-Nutzung, 230 Euro (http://betahaus.de/preise/).

Schon vor der „Volleröffnung“, gleichsam in einer kleineren Betaversion, testete das sechsköpfige Gründungsteam, darunter ein Jurist und eine Designerin, gemeinsam mit weiteren Freiberuflern das Konzept Co-Working Space, um herauszufinden, was Kreative und Webworker zum Arbeiten brauchen (und was im Vergleich dazu überflüssig erscheint). Aufgrund der großen Nachfrage nach Co-Working-Plätzen, nicht nur in Berlin, sind die Betahaus-Macher im Jahr 2010 in einer Phase der Expansion: Betahaus-Ableger in Hamburg und Köln sowie in Lissabon wurden bereits eröffnet; weitere, etwa in Zürich, sollen folgen. 

Das Credo der Betahaus-Betreiber lautet gemäß Website wie folgt:

„Werte werden nicht mehr in klassischen Büros geschaffen. Wertschöpfung findet statt an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Teamkonstellationen und ohne Festanstellung. Diese neue Art der Arbeit sucht ständig nach neuen realen und virtuellen Orten. Benötigt werden offene, digital vernetzte und kollaborative Arbeitsorte, die flexibel sind und als Inkubationsplattform für Netzwerk, Innovation und Produktion dienen. […] In einer Mischung aus entspannter Kaffeehaus-Atmosphäre und konzentriertem Arbeitsumfeld legen wir Raum zwischen Arbeit und Privatsphäre an, in der Innovation und Kreativität gefördert wird.“

Grundlage der nachfolgenden Beschreibung sind Gespräche mit den Betahaus-Betreibern Christoph Fahle und Tonia Welter sowie mit Sebastian Sooth und Christian Heller vom „Hallenprojekt“, einer Plattform zur Vernetzung von Co-Working Spaces (http://hallenprojekt.de/).

Begriff, Entstehung und Organisationsstruktur

Der Begriff Co-working heißt „nebeneinander arbeiten“. Doch das wäre nur die eine Seite eines zunehmend um sich greifenden Phänomens. Co-working verbindet Arbeits- und Kommunikationsprozesse, in dem sich diese Praktiken nicht nur digital verorten, sondern ebenso an konkreten Arbeitsräumen. Erstmalig formierten sich Co-working Spaces durch lose Netzwerkbeziehungen von Computerfreaks. In dem sie sich mit ihren Computern vernetzten, Plattformen im Web aufbauten, verdichteten sie ihre Interaktionsprozesse. Temporären Meetings folgte der Gang in Cafés mit W-Lan-Anschluss. Irgendwann kristallisierte sich die Idee heraus, dass man für diese Praxis ebenso gut eigene Räume definieren könnte: die Idee war geboren, die Community existierte und man zog mit seiner Kerngruppe in günstig zu mietende Fabriketagen. 

Mittlerweile besetzen auch Akteure unter dem Vorzeichen Co-working das Feld, die als Dienstleister Räume aktivieren und den zahlreichen Mikrounternehmern der Kreativwirtschaft günstige und flexibel nutzbare Arbeitsräume anbieten. Sie verfolgen das Ziel, das Konzept des Co-working Space auch für andere Berufsgruppen und Personen in Angestelltenverhältnissen zu öffnen, um eine Flexibilisierung von Arbeitszeit- und -raum zu ermöglichen und damit mehr Selbstbestimmung zuzulassen. 

Als Phänomen entwickelt sich Co-working aber vor allem in den USA, wo erste Pioniere dieser Bewegung die Open Source Logik als freie Nutzung und Weiterverarbeitung eines Quellcodes auch auf andere Bereiche ausweiten wollten. Nicht nur Programme und Ideen sollten mit einer Community geteilt und dadurch öffentlich zugänglich werden, sondern auch Arbeitsorte. Inzwischen finden sich entsprechende Co-working Spaces bestens miteinander vernetzt und in unterschiedlichsten Ausprägungen über den gesamten Globus verteilt, v.a. aber in Metropolen. 

Co-working Spaces bestehen demzufolge aus thematisch fokussierten Communities respektive deren Arbeitsinfrastrukturen. Dazu gehören ein konkreter Arbeitsort und eine digitale Plattform. Der Ort kann flexibel auf die verschiedenen Projektarbeiten abgestimmt werden. Die Arbeitsplätze in Form eines gemieteten Arbeitstisches können kurzfristig und spontan angemietet werden. Die Räume weisen oftmals einen improvisierten Charakter aus. Ihr flexibler Charakter korrespondiert mit dem Anspruch der Nutzer, einen freien Denkraum ebenso wie einen sozialen Raum zu haben, in dem Gespräche möglich sind und der gegebenenfalls auch Rückzugsorte bereithält. Präsentationsräume mit Café- und Loungeanschluss runden die kommunikativen Erwartungshaltungen in der Regel ab. Voneinander unabhängige und projektweise arbeitende Programmierer, Schriftsteller oder Designer teilen sich hier nicht nur gemeinsam eine Büroinfrastruktur, sondern unterstützen einander gegenseitig bei Bedarf auch mit branchenspezifischen Hilfeleistungen. Nebenbei entwickelt sich ein soziales wie berufliches Netz.

„Das Ganze ist eine Mischung aus Großraumbüro, W-Lan-Café und Home Office, und all das eben mit Leuten, die man nicht unbedingt vorher kennen muss, mit denen man auch nicht zwangsweise an einem gemeinsamen Projekt arbeiten muss, mit denen man aber trotzdem eine Ebene für gemeinsamen Austausch findet.“ (Sebastian Sooth, Hallenprojekt Berlin)

Begründung für Struktur – „Car Sharing“ von Büro-Arbeitsplätzen

Ein wesentliches Merkmal von Co-working Spaces ist die lose Kopplung unterschiedlicher Raumprogramme, die sich an dem physischen Ort Co-working Space berühren und direkt überschneiden. Es sind reale und gleichsam virtuelle Orte der Vergemeinschaftung von sich zunehmend professionalisierenden kreativen Wissensarbeitern. Der Charakter dieser Räume wird wesentlich durch die Operationspraktiken und Prozessverläufe der Wissensarbeiter bestimmt: Sie sind weniger auf Repräsentation ausgerichtet, vielmehr sollen sie aufgrund der flexiblen Nutzungsdauer sachlich und nüchtern drei Dinge bereitstellen: Strom, W-Lan und einen Sitzplatz. 

„Die Idee ist, eine Art Car-Sharing für Arbeitsplätze anzubieten. Die entsprechenden Orte können leer stehende Büroetagen in Städten sein, große Hallen, temporäre Architekturen zum Beispiel bei Festivals, oder aber auch einfach nur ein Arbeitsplatz bei Max im Garten. Theoretisch könnte jeder seine eigene Umgebung zur Verfügung stellen. Hauptsache, man kann dort arbeiten.“ (Sebastian Sooth, Hallenprojekt Berlin)

Katalysator und Kompetenzpool - Unbestimmtheit als Adaptionsmöglichkeit

Co-Working Spaces sind nicht nur eine Reaktion auf kleinteilige und mikrounternehmerische Arbeitsformen in der Kreativwirtschaft. An diesen Verdichtungsräumen eröffnet sich ein basarartiger Tauschhandel mit immateriellen Gütern und individuellen Kompetenzen. Ein Steuerberater erhält für die Erstellung einer Jahressteuererklärung von einem Webdesigner die Erstellung seiner Visitenkarten im Web, während ein Innenarchitekt bei der Erstellung eines Auftrags mit einem Sounddesigner kooperiert. Co-Working Spaces basieren zunächst auf Kulturen des Zufalls, des Spontanen, auf der Basis hochgradig vernetzter Akteure. Die Verdichtung an einem Ort hat katalytische Wirkung und kreiert für alle Beteiligten einen strategischen Mehrwert: Die Heterogenität der individuellen Kompetenzen macht nicht nur Spaß, sie generiert neue Formen der Innovation, die wir als Low-Tech im Gegensatz zu den bekannten High-Tech und finanzintensiven Innovationsbereichen (Bio-, Nano- oder Halbleitertechnologie) ansprechen. Der Begriff Low-Tech bezieht sich auf ein technisches Verständnis, das sich unter den Maßstäben Funktion, Herstellung, Bedienung und Robustheit durch Einfachheit auszeichnet.

„Betahaus wird ein Kristallisationspunkt, er besteht zum einen aus freien Kreativen, die jeden Tag hier arbeiten und sehr starker Bestandteil des Kerns der Community sind, und anderen, die über die virtuelle Plattform verbunden sind und nur 1-2 mal im Monat reinschauen. Dadurch lösen wir das Home Office auf und schaffen einen kontinuierlichen Austausch, der am Ende neue Ideen generiert.“ (Christoph Fahle und Tonia Welter, Betahaus in Berlin)

Sozialstatiker und Begegnungskuratoren

Zu glauben, ohne Steuerung emergieren gleichsam spontan Innovationen an diesen Co-Working Spaces, würde übersehen, dass es sich im Grunde genommen um kuratorisch inszenierte Orte handelt. Die Betreiber derartiger Co-Working Spaces weisen sich nicht durch rein altruistische Motive aus. Sie haben nur die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt entwickelt und diese in einen sich durch den ökonomischen Wandel transformierenden Stadtkörper platziert. 

Die dadurch ausgelöste Flexibilität in der Nutzung der zunehmend porösen Stadtstrukturen (Leerstand) erfolgt von unten, und erst langsam erkennen Immobilienbesitzer die Chance, die Kreativen nicht nur als „Trockenwohner“ zu instrumentalisieren, sondern dauerhafte Provisorien der postmodernen Stadtnutzung einzurichten. Dass die entsprechenden Orte durch den verstärkten „Traffic“ einer bestimmten Szene gleichzeitig auch sozial, kulturell und damit auch in ihrem monetären Wert aufgewertet werden, ist eine Begleiterscheinung, die gegebenenfalls auch zur Gentrifizierung führen kann. Das Konzept des Co-Working ist jedoch so flexibel angelegt, dass es sich an die jeweiligen Gegebenheiten und Veränderungen anzupassen weiß. Auffällig ist, dass sich an diesen Orten schnell ein sozio-kulturelles „Ökosystem“ entwickelt. 

„In diesem Möglichkeitsraum Betahaus haben wir zusätzlich zu der Gesamtorganisation des Raumes auch die Funktion eines ‚Sozialstatikers’. Wir müssen die unterschiedlichen Interessen mit unseren Ansprüchen und denen der anderen Nutzer des Raums ausbalancieren.“ (Christoph Fahle und Tonia Welter, Betahaus in Berlin)

Neue Arbeit in Wertegemeinschaften

Das Konzept der Co-working Spaces hat unterschiedliche Ausprägungen. Zum einen gibt es Orte, deren Identitäten durch ihre Betreiber herausgearbeitet und mit einer impliziten Wertestruktur versehen werden. Hier wird der Ort gegebenenfalls auch als Marke aufgebaut, unter deren Dach unterschiedliche Projekte, die dort entstanden sind, präsentiert werden können. Solche Orte sind in der Regel stark Community-gebunden und treten auch nach außen als eine Wertegemeinschaft auf (in Berlin z.B. der self HUB für Social Entrepreneurs, das betahaus für kreative Freelancer). Andere Initiativen wiederum sehen sich eher als Bindeglied zwischen Mensch und Ort mit dem Ziel, „neue Orte für neues Arbeiten“ zu entwickeln. Hier ist der Anspruch weniger ideologisch denn funktional. Dazu Sebastian Sooth vom Hallenprojekt in Berlin: 

„Wir wollen bessere soziale Interaktion unterstützen. Wir glauben, dass das Co-Working nicht nur eine bessere Arbeitsform für kreative Freelancer ist, sondern dass es eine bessere Arbeitsform für jeden ist, der mit einem Rechner arbeitet, egal ob Anwalt, Buchhalter oder Ingenieur, egal ob fest angestellt oder selbständig. Es müssen nicht zwangsweise nur die Leute aus der Kreativwirtschaft sein.“ 

Schwärme im Kontext von Betakulturen - "Teil einer neuen Bewegung"

Die Kultur dieser neuen Arbeit reagiert auf die Tatsache, dass immer mehr Menschen die digitalen Möglichkeiten nutzen wollen, um selbstbestimmt und mobil zu arbeiten. Sie wollen dies mit dem Anspruch auf Selbstentfaltung und Autonomie tun, ohne dabei gleichzeitig auf den Mehrwert eines sozialen sowie professionellen Umfeldes zu verzichten. Dieser Anspruch der flexiblen Anbindung an ein Kollektiv bei gleichzeitigem Autonomieerhalt entspricht einem Schwarmverhalten, das sich in Form von Co-Working Spaces sowohl physisch wie auch virtuell manifestiert. Bei diesem Phänomen steht weniger die alte Trennlinie zwischen abhängig arbeitenden Angestellten und  Selbständigen im Vordergrund. Vielmehr verläuft eine neue Trennlinie zwischen Leuten, die ständig erreichbar sein müssen, und Leuten, die selber steuern können, wann und mit wem sie kommunizieren. Letztere werden in der Betakultur der Co-Working Spaces, die prozessuales, vernetztes Ad hoc-Arbeiten möglich macht, einen geeigneten Entfaltungsspielraum finden. 

„Wir gehen davon aus, dass sich die einzelnen Bausteine der Arbeit flexibilisieren, dass es also kein festes Paket mehr gibt, in dem alles vordefiniert wäre, also wer mit wem wann und wie zusammenarbeitet, sondern dass sich alles bedarfsorientiert immer wieder neu zusammenorganisieren muss, und dafür wollen wir die Infrastruktur anbieten.“ (Christian Heller, Hallenprojekt Berlin)

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